(15.10.2000)
* * *
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Die ältesten Zeugnisse von Bauten, die Menschen auf unserer Erde errichtet haben, sind Orte der Verehrung, Sakralbauten. Diese Zeugnisse zeigen uns, wie der Mensch von Anfang an, aber anders als heute, sich selbst und sein Wohnen auf der Erde, also das, was die Griechen seit alters oikoumeni, Ökumene nennen, verstand:
Als ein Wohnen in der Hut Gottes und der Gemeinschaft mit Ihm.
Der Mensch vermag das Wohnen nicht aus eigener Kraft, sondern Gott gibt uns die Erde als den Ort unseres Wohnens, behaust uns, indem Er uns, wie das schöne deutsche Wort heißt, bei-wohnt in allem, was wir vor Seinem Angesicht tun. Der Mensch wohnt auf der Erde, das heißt, er wohnt unter dem Himmel, vor Gottes stets verborgenem und im Sohn doch zugleich stets offenbaren Angesicht. Indem wir Kirchen bauen und uns in ihnen versameln, offenbaren und erleben wir dieses ursprüngliche und urtümliche Wohnen des Menschen, der - wie kein anderes Geschöpf, sei es Engel oder Tier - auf Erden wohnt.
Ein Gang durch die modernen Zentren unserer schönen, neuen, postmodernen Welt offenbart uns den krassesten Gegensatz: In den "Sakralbauten" der Gegenwart inszeniert der Mensch sich selbst und seine Macht. Vergeblich suchen wir in dieser Wüste einen Ort der Andersheit. Den Ort, den der Patriarch Jakob erkannte, als er nach seiner nächtlichen Vision vom Schlaf erwachte und ausrief: "Der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht" (Gen 28,10-17).
Es scheint, als sei heute der tiefe Durst des Menschen nach der Gegenwart und Anwesenheit seines Schöpfers, Erlösers und Vollenders, der Durst der Samariterin am Brunnen, der Durst nach dem lebendigen Wasser des Heiligen Geistes aus dem Brunnen, der Christus ist, wie erloschen. Und doch bricht er in der Tiefe unserer Herzen auf, wenn uns das Wort des Sängers und Propheten trifft:
"Wie der Hirsch verlangt nach den Wasserquellen,
so verlangt meine Seele, o Gott, nach Dir.
Meine Seele dürstet nach Gott, dem Starken, dem Lebendigen.
Wann darf ich kommen und vor Gottes Angesicht erscheinen?
Meine Tränen wurden mein Brot bei Tag und bei Nacht,
da man täglich zu mir sprach: Wo ist er, dein Gott?
Dessen gedenke ich und lasse meine Seele in mir erströmen,
denn ich will gehen zum Ort des wunderbaren Zeltes, zu Gottes Haus,
unter Jubel und Lobpreis und festlichem Klang." (Psalm 41, 2-5 LXX)
In der Tat, dieser Ort ist heilig durch die Anwesenheit Gottes, ebenso wie das Allerheiligste des Tempels, das die Bundeslade enthielt, wie die Heilige Schrift, Christi Gegenwart im Wort. Jede Kirche ist heilig, denn Gott wohnt in ihr, macht sie zum Haus Gottes, spricht in ihr und gibt sich in ihr als Nahrung hin.
Wer immer einer orthodoxen Kirchweihe beigewohnt hat, weiß, dass die Kirche in dieser Weihe nicht einfach nur Besitz ergreift, indem sie etwas Profanes, Weltliches für ihre eigenen Zwecke besetzt, sakralisiert. Vielmehr feiert sie in jedem Gotteshaus die Vollendung der Schöpfung. Gott und Mensch, Erde und Himmel sind nicht mehr getrennt und entzweit, sondern in dem die ganze Schöpfung umfassenden, in drei Tagen wiedererrichteten Tempel des Leibes Christi miteinander vereint. So singt die Kirche in Anspielung auf das Wort des Propheten: Fotisou, fotisou, Ierousalim, ikei gar sou to fos Kai i doxa Kyriou epi se anatetalken. "Werde licht! Werde licht, Jerusalem! Denn es kommt Dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir aufgegangen" (lsaias 60,1) Egkainisou, egkainisou i nea Ierousalim... ... Werde neu! Werde neu, neues Jerusalem! Denn es kommt dein Licht, und die Herrlichkeit des Herrn ist über Dir aufgegangen. Dieses Haus hat der Vater gebaut. Dieses Haus hat der Sohn befestigt. Dieses Haus hat der Heilige Geist geweiht, der erleuchtet und befestigt und heiligt unsere Seelen" (Idiomelon im 1. Ton während der Prozession mit den Reliquien um die Kirche).
Jede Kirche ist ein neues Jerusalem. Neu nicht im Vergleich zu dem einen Jerusalem, in das zu gelangen wir alle berufen sind, das Jerusalem von oben (Gal 4,26), das vom Himmel herabsteigt (Apk 21,2), sondern neu im Vergleich zu dem alten des Gesetzes, aber vor allem im Vergleich zur immer alten, von der Sünde, dem Tod und der Verwesung gezeichneten Welt. Das neue Jerusalem wird seinerseits die Quelle der Erneuerung für die Welt. Denn die ganze Welt ist dazu bestimmt, an der umfassenden Erneuerung teilzunehmen. Die Bestimmung des Wassers ist, am Mysterium der Theophanie, dem Erscheinen der Heiligen Dreiheit im Jordan, teilzuhaben. Die Erde soll den Leib des Herrn aufnehmen und ihm die Ruhe des großen Sabbat gewähren. Der Fels soll zum versiegelten Grab werden oder zu dem vor den myrontragenden Frauen weggewälzten Stein. Durch Öl und Wasser empfängt der Mensch die Gnade seiner Erneuerung in der Taufe und in der Myronsalbung. Der Weizen und der Wein werden zu Leib und Blut des Herrn. Alles tritt in den Dienst der Inkarnation des Herrn. Die in der Kirche, dem neuen Jerusalem, vollzogene Liturgie überführt die elementarsten Lebensvollzüge - trinken, essen, sich waschen, sprechen und handeln - zu Weisen der Teilhabe an diesem Mysterium der Erneuerung, des neuen, in Christus geschenkten Lebens.
Als Christus zur Samariterin sagte: "Es kommt die Stunde, da ihr den Vater weder auf diesem Berg noch zu Jerusalem anbeten werdet" (Jo 4,21), da offenbarte er sich selbst, das heißt Seinen eigenen Leib als allgegenwärtigen heiligen Ort, der jegliche räumliche Exklusivität ausschließt. Seitdem ist jedes Gotteshaus in gleicher Weise der eine und selbe heilige Ort des Leibes der Kirche, der Ort unserer umfassenden Erneuerung.
Der heutige Gottesdienst erinnert uns daran, dass die Kirche, in der wir uns durch Gottes Gnade heute versammelt haben, vor genau fünf Jahren geweiht worden ist. Wir vergessen nicht und sagen es auch hier ausdrücklich, dass es die katholische Schwesterkirche war, die es uns ermöglicht hat, unserem Pleroma in München diesen Ort unserer Erneuerung zu stiften. Mit dem Dank an Gott verbinden wir darum den Dank an das Erzbistum von München und Freising und insbesondere an Kardinal Friedrich Wetter, aber auch an alle anderen Brüder und Schwestern, die dazu beigetragen haben, dass dieses Gotteshaus erstehen konnte.
Heute erneuern wir unsere Freude und unseren Jubel darüber, dass
Gott uns dieses Haus Seiner Gegenwart geschenkt hat, und laden alle ein,
an unserer Freude teilzunehmen. Denn "hier ist nichts anderes als das Haus
Gottes. Hier ist die Pforte des Himmels" (Gen 28,17).