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ANSPRACHE

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

ANLÄSSLICH DES BESUCHS SEINER SELIGKEIT
DES ARMENISCHEN PATRIARCHEN
VON KONSTANTINOPEL
MESROB MUTAFYAN

(5. Mai 2000)

* * *

"Armeniens Leiden, ein Meer ohne Grenzen,
ein ungeheures Meer.
Der Himmel ist leer, keine Sterne glänzen.
Meine Seele treibt einsam umher."

Mit diesen Worten dess armenischen Dichters Hovannes Toumanian hatte ich die Ehre, am 27. Januar 1998 den verstorbenen Erzbischof vom Ararat und Katholikos aller Armenier Karekin hier in der Kathedrale der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland, welche den Namen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit ("Hagia Trias") trägt, begrüßen zu dürfen. Mit der gleichen Herzlichkeit und Freude begrüße ich heute Sie, Eure Seligkeit, und Ihre Begleiter und übermittle Ihnen bei dieser Gelegenheit den brüderlichen Gruß Seiner Allheiligkeit des Ökumenischen Patriarchen Bartolomaios I. von Konstantinopel, unter dessen geistlicher Leitung und kirchlicher Juristiktion sich unsere Metropolie befindet.

Wir begrüßen Sie in österlicher Freude, heute am Tag der Gottesmutter, die als lebenspendende Quelle (ZOODOCHOS PIGI) verehrt wird. Und gleichzeitig verneigen wir uns vor dem Leiden des großen armenischen Volkes, das - gerade auch in diesem Jahrhundert - durch Verfolgung und Genozid, durch Zersteuung und Vertreibung gegangen ist. In der Tat, ein "ungeheures Meer des Leidens" ist es, was Ihr Volk erfahren hat. Wir wissen davon und wir gedenken Ihres unerschütterlichen Glaubenszeugnisses in Hochachtung. Wie Sie wissen, kennt auch die Geschichte des griechischen Vilkes, dem die große Mehrzahl der orthodoxen Christen hierzulande angehört, Erfahrungen des Leidens und der Knechtschaft. Wahrscheinlich rührt daher unsere besondere Sympathie, ja unsere Bewunderung für Ihr Volk und seinen Glauben.

Eine besondere innere Verbundenheit verbindet uns mit den armenischen Geschwistern, die bis heute in der VASILEVOUSSA leben beziehungsweise von dort stammen. Denn von den in Deutschland lebenden Armeniern stammen sehr viele aus Konstantinopel oder aus den östlichen Provinzen. Und so ist es kein Zufall, daß auch der erste Bischof seit der Gründung der Diözese der armenischen-apostolischen Kirche für Deutschland im Jahre 1992 aus Konstantinopel stammt. Erzbischof  Karekin, der Primas Ihrer Kirche hierzulande, ist, da er in der Nachbarstadt Köln residiert, für uns ein guter Nachbar und ein aufrichtiger Partner in der Ökumene. Auch ihm gilt deshalb unser besonderer Gruß und unser Dank für alle ökumenischen Bemühungen der armenischen Kirche in den vergangenen Jahren.

In Deutschland leben Inzwischen etwa eine Million orthodoxer Christen, von denen die Mehrzahl unserer Metropolie des Ökumenischen Patriarchats untersteht. Sie kamen als Flüchtlinge bzw. als sogenannte Gastarbeiter hierhin und haben nunmehr in Deutschland eine Wahlheimat gefunden. Und ihre Kirche, die orthodoxe Kirche, welche neben den beiden großen Kirchen dieses Landes die drittgrößte christliche Glaubensgemeinschaft darstellt, befindet sich ebenfalls in einem bedeutenden Prozeß der Heimischwerdung hierzulande: der orthodoxe Religionsunterricht ist in vier Bundesländern ordentliches Unterrichtsfach an den Schulen; in München entsteht derzeit eine orthodoxe theologische Fakultät, die ebenso wie ein Lehrstuhl in Münster, die Priesterausbildung für die künftigen Generationen übernehmen soll; die Metropolie arbeitet in den ökumenischen Gremien auf allen Ebenen konstruktiv mit und anderes mehr.

Sie sind, Eure Seligkeit, ein Patriarch, der das Privileg und die Chance hat, noch nicht in einem patriarchalischen Alter zu sein. Und Sie tragen einen großen Namen, der Ihrer hohen Verantwortung in Konstantinopel entspricht. In der Vita des heiligen Mesrob, des Schöpfers des armenischen Alphabets lesen wir: "Jede mit Christus bekleidete Seele wappnete er, und vielen Eingekerkerten und Gefesselten und von Gewalthabern Beträngten schaffte er Befreiung und entriß sie mit der Furcht erregenden Macht Christi. Und viele ungerechte Verfügungen zerriß er. Viele Betrübte und Kleinmütige bestärkte er durch die trostvolle Belehrung."

Ich bin sicher, daß diese Sätze des Koriun in Weise auch programmatische Äußerungen des neuen Patriarchen von Konstantinopel sind. Dafür wünschen wir Ihnen aus ganzem Herzen Gottes Segen. Etwas neu buchstabieren heißt: Altes in neue Formen bringen, Tradition dem heutigen Menschen zugänglich machen, Kommunikation und Austausch ermöglichen. Auch darin werden Sie Ihrem Namenspatron nachfolgen! Diesem Zweck dient ja auch Ihre Reise nach Deutschland. Gott segne Ihren Besuch in diesem Land! Er ist für uns -ich konnte dies bereits gestern in Aachen sagen- Freude und Ermutigung zugleich.

Lassen Sie mich dieses Grußwort mit einer ganz persönlichen Bemerkung beschließen: Wie oft fuhr ich als Theologiestudent von Chalki nach Istanbul! Und wie oft wurde das kleine Schiff von den manchmal doch sehr stürmischen Wogen des Marmarameeres hin und her geworfen! Wann immer dann in der Ferne Kumkapi, der ehrwürdige Sitz Ihres Patriarchats auftauchte, wußte ich, das Ziel ist in Sicht und der schützende Hafen bald erreicht.

Heute dürfen Sie wissen, daß Sie hier bei uns zuhause sind. Hier ist Ihr Haus, hier ist Ihr Hafen! Herzlich willkommen!

CHRISTOS ANESTI!
 


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