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ANSPRACHE

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa


bei der Buchvorstellung des Buches
„Das Leben aus den Gräbern“

in der serbischen orthodoxen Kirche
zu Berlin

(15. März 2003)

* * *

1. Wir leben, verehrter Mitbruder im Bischofsamt, liebe Schwestern und Brüder, in einer Zeit, welche das Wunder ablehnt. Jeder Bezug zum Metaphysischen wird vom modernen - „aufgeklärten“ – Menschen abgelehnt. Eine anthropozentrische Weltsicht, welche dem Götzen der reinen Vernunft huldigt, bringt es sogar fertig, von einer „Gott-ist-tot-Theologie“ zu sprechen. (Man beachte den paradoxen Begriff!).

In den Ländern des ehemaligen „real existierenden Sozialismus“ tritt nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Ideologie des sogenannten „wissenschaftlichen Atheismus“ an ihre Stelle ein neuer Materialismus, welcher üblicherweise für Gott keinen Raum und keine Zeit hat.

Hierbei handelt es sich keineswegs um ein Phänomen, das nur die sogenannte westliche Zivilisation betrifft. Ein zeitgenössischer griechischer Philosoph und Theologe hat es so formuliert: „Der Westen ist heute überall.“

2. Man könnte es deshalb als ein Wagnis bezeichnen, heute im Westen ein Buch zu veröffentlichen bzw. zu übersetzen, das ein Wunder, oder besser gesagt: eine Reihe von Wundern, zum Thema hat. Die wundersame Auffindung der Reliquien des heiligen Raphail ist ein Ereignis, das seinerzeit die Öffentlichkeit in Griechenland in ganz besonderer Weise beschäftigt hat. Natürlich passte sie nicht in das Weltbild jener soeben beschriebenen Materialisten – gleich welcher Couleur -, die sofort einen Schwindel, um nicht zu sagen; einen großen Betrug, dahinter witterten.

Dem aufmerksamen Leser des Buches wird deshalb auffallen, wie akribisch der Verfasser um die Exaktheit seiner Angaben bemüht ist, ob es sich um chronologische Daten oder um Personen- und Ortsnamen handelt.

So ist die Tatsache, daß heute das Kloster des heiligen Raphail auf der Insel Lesvos zu den bedeutendsten Wallfahrtsorten Griechenland gehört, nicht nur auf die charismatische Persönlichkeit seiner Äbtissin, sondern sicherlich auch auf dieses Buch, das heute präsentiert wird, zurückzuführen.

3. Ich möchte Sie, lieber Bruder Konstantin, deshalb zur Veröffentlichung dieses Buches beglückwünschen. Und in diesen Glückwunsch schließe ich in gleicher Weise den Übersetzer, Herrn Michael Schulte mit ein, der diese schwierige Aufgabe gut gelöst hat. Daß Sie beschlossen haben, dieses griechische Buch ins Deutsche zu übersetzen, und dies als serbischer Bischof verantworten, zeigt meines Erachtens, daß der heilige Raphail und seine Gefährten weit über die Grenzen seiner Heimat bekannt sind und verehrt werden. Es weist aber darüber hinaus auch einen Aspekt auf, der für uns in der sogenannten Diaspora immer wichtiger wird: eine in nationaler Selbstgenügsamkeit verharrende Orthodoxie wird weder hierzulande, noch anderswo eine Zukunft haben. So ist etwa das Wort von den „vielen orthodoxen Ortskirchen“, die es hier geben soll, nicht nur falsch, sondern auch gefährlich. So ist Ihr verlegerischer Mut, Vladyka, auch ein Zeichen, das uns innerorthodox aufhorchen lässt. Und die Tatsache, daß der Erlös des Buches für serbische Waisenkinder bestimmt ist, lässt mich hoffen, daß dem Werk eine weite Verbreitung gegönnt sein wird.

4. Gestatten Sie mir abschließend noch einen Hinweis, der mir gerade jetzt zu Beginn der vorösterlichen Fastenzeit wichtig erscheint. Der Originaltitel des Buches in griechischer Sprache lautet „Η ΖΩΗ ΕΚ ΤΑΦΩΝ“. Und jeder –auch noch so kirchenferne -Grieche hört hier sofort „Η ΖΩΗ ΕΝ ΤΑΦΩ“, den ersten Vers der Grabklage der orthodoxen Kirche, die wir in der Nacht zum Karsamstag oder Großen Samstag, wie wir zu sagen pflegen, singen. (Dieser Vers ist so bekannt, daß z.B. auch eines der bekanntesten Antikriegsbücher der griechischen Literatur, ein Roman von Stratis Myrivilis, eben diesen Titel „Η ΖΩΗ ΕΝ ΤΑΦΩ“, d.h. „Das Leben im Grabe“, trägt. )

Für uns ist das „Leben, das im Grabe liegt“ Christus selbst. Und die Grabklage der „ΕΓΚΩΜΙΑ“ ist der ewige Hymnus der Kirche, die bereits um das Ostergeschehen weiß. Diese Verse beschreiben die Spannung, in der die Kirche – nicht nur in diesen Tagen – lebt: in der Erwartung der Auferstehung. Es ist deshalb nur konsequent, daß sie mit der Aufforderung enden: «Schenk deiner Kirche Frieden, deinem Volk Erlösung, durch deine Auferstehung!». Denn aus dieser Hoffnung schöpfen wir Kraft, auch – und gerade - in einer Zeit, welche das Wunder ablehnt.


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