(24.03.2002)
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Lieber Brüder und Schwestern im Herrn,
am ersten Sonntag der Großen Österlichen Fastenzeit, der auch Herrntag der Orthodoxie genannt wird, feiert die orthodoxe Kirche mit großer Pracht den endgültigen Sieg der heiligen Ikonen, d. h. die Bewahrung ihrer Stellung im gottesdienstlichen Vollzug. Die Infragestellung der Bedeutung der Ikonen nahm die Gestalt einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen Freunden und Gegnern der Ikonen an. Dieser Konflikt gab einer ganzen Epoche ihren Namen: dem Zeitalter des Ikonoklasmus, das auch bekannt ist unter der Bezeichnung "dark ages", die "dunklen Jahrhunderte". Es handelt sich dabei um einen Zeitraum von etwa 120 Jahren, die den größten Teil des achten und den überwiegenden Teil der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts ausfüllen.
Man unterscheidet zwei Phasen dieses Kampfes. Die erste begann im Jahr 726, als Kaiser Leon III. den kirchlichen Gebrauch von Ikonen verbot, und endete im Jahr 780, als Kaiserin Irene die weitere Verfolgung der Ikonenverehrer untersagte. Im Jahr 787 berief sie das Siebte Ökumenische Konzil nach Nikaia in Kleinasien ein, welches die Verteidiger der Ikonen rechtfertigte. Der überragende Wortführer der Ikonenverehrer in dieser Phase war der heilige Johannes von Damaskus.
Die zweite Phase des Ikonoklasmus begann im Jahr 815 mit Kaiser Leon V. d. Armenier und währte bis zum Jahr 843, als wiederum eine Kaiserin, die Kaiserin Theodora, die Ikonenverehrung unwiderruflich widerherstellte. In dieser Phase führte der hl. Theodor von Studiu die Partei der Ikonenfreunde an.
Die Auseinandersetzung um die Ikonen ist im Prinzip christologischer Natur
und gründet in den Kontroversen um die Person Christi und den Charakter
ihrer menschlichen Natur, aber auch umfassender um die Materie und schließlich
die Erlösung überhaupt. Die Ikonengegner witterten hinter der
Verehrung der Ikonen einen neuen oder latenten Götzendienst, ein Verdacht,
der sich allerdings aus einigen tatsächlichen Übertreibungen nährte,
die sich in die Verehrung der Ikonen eingeschlichen hatten.
Die Antwort auf den Vorwurf der Idololatrie ist die Präzisierung,
daß die Ikone kein Idol, sondern ein Symbol ist. Die den Ikonen erwiesene
Ehre richtet sich nicht auf das Holz und die Farben, sondern auf die dargestellte
Person. Wir beten die Ikonen nicht an, denn die Anbetung schulden wir allein
Gott, sondern wir verehren sie und erweisen ihnen unseren Respekt im Hinblick
auf die in ihnen dargestellte Person.
Dennoch bleibt die Frage: Sind Ikonen, auch wenn sie Symbole sind, notwendig? Bei der Suche nach einer Antwort auf diese Frage gehen wir von der sowohl von den Bilderverehrern wie auch von den Bilderfeinden akzeptierten Annahme aus, daß man Gottes eigenes unveränderliches Wesen nicht darstellen kann. Die Ikonenfreunde fügen dem allerdings hinzu, daß Gott, sofern Er in der Person Christi Mensch geworden ist und Fleisch angenommen hat, in der Tat bildlich dargestellt werden kann, denn die Fleischwerdung ist kein Märchen, sondern konkrete Wirklichkeit. Seitdem Christus einen menschlichen Leib angenommen hat, um uns zu erlösen, kann Er auch bildlich dargestellt werden. Andernfalls würden wir mit der Leugnung der Darstellbarkeit auch die Wirklichkeit Seiner Fleischwerdung infragestellen, was in letzter Konsequenz bedeuten würde, die Möglichkeit der Erlösung des gesamten Kosmos zu bestreiten.
Die Menschwerdung ist aber eine Tatsache. Und ihr ist es zu verdanken, daß die Ikonen, die unsere Kirchen schmücken, nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern Zeichen der Begegnung von Himmel und Erde sind. Wenn die Gemeinde jeden Sonntag inmitten der Gestalten Christi, der Gottesgebärerin, der Heiligen und der Engel den Gottesdienst feiert, vergegenwärtigen diese sichtbaren Bilder dem Gläubigen unablässig die unsichtbare Anwesenheit aller Mächte des Himmels in der Göttlichen Liturgie. Der Gläubige empfindet, wie es sehr zutreffend heißt, daß sich die Wände der Kirche zur Ewigkeit hin öffnen, und das hilft ihm zu verstehen, daß die irdische Liturgie an der großen himmlischen Liturgie teilnimmt. Alle Ikonen, so unterschiedlich und vielfältig sie auch sein mögen, dienen dieser sinnlichen Wahrnehmung des Himmels auf Erden.
Exakt deshalb ist die Ikone auch keine religiöse Malerei, kein Gegenstand individueller Verehrung oder Frömmigkeit, der auf die Erregung eines Affektes zielte, sondern eine bildliche Darstellung des Heils, d. h. eine kirchliche Kunst, ein Bekenntnis zur Wahrheit der göttlichen Offenbarung mit dem Ziel, das menschliche Leben zu verwandeln und neu zu schaffen. Sie ist eine Sprache, die als Ausdruck der Wahrheit der orthodoxen Kirche dem Wort ebenbürtig ist. Die Ikone, der Gesang, die Architektur - alles fügt sich zu einem harmonischen Ganzen und eröffnet uns den Zugang zu den Gütern der kommenden Welt, des himmlischen Jerusalems, des zukünftigen Lebens, nach dem uns verlangt (Hebr. 13,14). Die Ikone offenbart uns den Weg, dem wir folgen müssen, und die Mittel, die uns erlauben, ihn bis zum Ende zu gehen. Zugleich hilft sie uns, die Bedeutung unseres eigenen Lebens zu finden.
Die orthodoxe Kirche verteidigt die Ikonen nicht nur wegen ihrer pädagogischen, didaktischen Bedeutung, auch nicht wegen ihrer künstlerisch-ästhetischen Bedeutung, sondern um des Fundamentes des christlichen Glaubens willen, das im Dogma der Menschwerdung Gottes besteht. "Gott wurde Mensch." Heute läuft der Zweck dieser göttlichen Inkarnation, der darin besteht, "daß der Mensch Gott wird", Gefahr, vergessen zu werden. Der moderne Bildersturm, von dem diejenigen, die ihn betreiben, keine Ahnung haben, ist nicht so sehr eine Verleugnung des Bildes, sondern eher seine Entstellung oder Pervertierung, die daraus resultiert, daß seine dogmatische oder auch seine didaktische Bedeutung nicht mehr verstanden wird. Die Ikone gilt heute als etwas Sekundäres. Das Wort allein, die Verkündigung scheint zu genügen. Wir vergessen dabei, daß Christus nicht nur der Logos, sondern auch das Bild des Vaters ist und daß die Kirche der Welt ihre Wahrheit von den ersten Anfängen an im Wort und im Bild verkündet hat. Erschütternd ist in diesem Sinn, was uns der Herr am Ende der heutigen Evangelienperikope verheißt: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Himmel offen und die Engel Gottes zum Menschensohn auf- und niedersteigen sehen" (Jo 1,52).
Die Ikone eröffnet uns auf symbolische Weise die Wirklichkeit unserer
Welt, allerdings einer von der Sünde befreiten und in Gott erneuerten
Welt. Und wenn das Wort eines zeitgenössischen Theologen, die Ikone
erinnere uns daran, daß das Christentum "die Religion der Person" sei,
gilt, wäre es dann nicht ebenso legitim zu sagen, daß die erfahrbare
konkrete Realität des Bösen in der Leugnung der Erschaffung des
Menschen nach Gottes Bild und Gleichnis grundgelegt ist? Also darin, den
schöpferischen Hauch Gottes im Menschen in Abrede zu stellen? Und hat
diese Leugnung nicht die tragische Folge, daß dieselbe Zivilisation,
die anstelle Gottes den bloß humanistisch verstandenen Menschen in
den Mittelpunkt stellt, ebendiesen zu ihrem Götzen gemachten Menschen
auch vernichtet? Wenn wir uns der Wahrheit des Menschen annähern,
begreifen wir, daß wir gegenwärtig nichts so sehr vermissen wie
die Wiederentdeckung der einzigartigen personalen menschlichen Identität,
die Befreiung des Menschen von der Tyrannei der Selbstgenügsamkeit und
seine Besinnung auf die alles relativierende Freiheit der Söhne oder
jener Liebe, die den Menschen dazu beruft, ein Gott der Gnade nach zu werden.
Das ist in letzter Konsequenz die revolutionäre Botschaft. Darum feiern
wir, die Glieder dieser eucharistischen Versammlung, im dankbaren Gedenken
an die Wiederherstellung der Bilderverehrung heute wieder jenes herrliche
Fest, das wir seit mehr als tausend Jahren mit Recht das Fest der Orthodoxie
nennen.
München am 24. März 2002
Herrntag der Orthodoxie