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ANSPRACHE

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

ANLÄSSLICH der Unterzeichnung
im Goldenen Buch
der Stadt Neuss

(23. Mai 2005)

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,

es ist eine große Ehre für mich, heute von Ihnen, dem Bürgermeister der Stadt Neuss empfangen zu werden und ich danke Ihnen von Herzen dafür.

Drei Gründe sind es, die heute meine besondere innere Bewegung ausmachen und mir diesen Tag unvergesslich machen werden. Gestatten Sie mir, sie Ihnen kurz darzulegen:

-- Mir ist bewusst, dass Ihre Stadt zu den ältesten deutschen Städten gehört. Bereits im Jahr 16 vor Christi Geburt entsteht an der Römerstraße von Köln nach Xanten an der Erftmündung ein römisches Legionslager. Und schon bald steht der Name "Novaesium" für eine bedeutende Siedlung im heutigen Zentrum der Stadt, in der Händler und Handwerker tätig sind.

Tausend Jahre später, genauer gesagt im Jahre 1050, schenkt der damalige Papst Leo IX. (der Neunte) seiner Schwester Gepa, Äbtissin im Kanonissenstift Neuss die Reliquien des römischen Märtyrers St. Quirinus. Dies hat unter anderem den Bau einer Quirinus-Kirche und ab 1209 des wunderschönen St. Quirinus- Münsters zur Folge. (Ich sagte „wunderschön“, da ich das Münster in seiner heutigen Gestalt von einigen Besuchen und ökumenischen Gottesdiensten kenne. Vor einigen Jahren hatte ich sogar die angenehme Pflicht, dort in der ökumenischen St.-Michaels-Vesper die Predigt zu halten!) Daneben führt die Verbreitung des Quirinus-Kultes im Rheinland, insbesondere in den Diözesen Köln und Trier dazu, dass Neuss zu einem bedeutenden Pilgerzentrum im Rheinland wird.

Dieser elsässische Papst Leo ist für die Kirchengeschichte eine besonders wichtige, vielleicht auch eine besonders tragische Gestalt. Schließlich ist er doch der letzte Papst vor der großen Kirchenspaltung zwischen Ost- und Westkirche im Jahre 1054. Er selbst erlebt das Schisma nicht mehr, allerdings trägt die Bannbulle, die der päpstliche Legat auf dem Altar der Hagia Sophia in Konstantinopel, der sogenannten Großen Kirche Christi, niederlegt, seinen Namen.

Diese tragische Gestalt der Kirchengeschichte ist also aufs engste mit Ihrer Stadt, aber auch mit der Geschichte meiner eigenen Kirche verbunden. Diese Kirche, das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, dessen Metropolit für Deutschland ich bin, bewahrt übrigens diesen Namen „Große Kirche Christi“ voller Respekt in ihrer Eigenbezeichnung.

-- Mit der gleichen Hochachtung vor dem christlichen Erbe des oströmischen Reiches hat das Ökumenische Patriarchat nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen auch dessen Fahne bzw. Wappen übernommen. Auch hier entdecke ich eine ungeahnte Brücke zur Stadt Neuss und dies ist der zweite Grund meiner Bewegtheit, den ich Ihnen schildern möchte:

1475, also ein paar Jahrzehnte nach dem Fall Konstantinopels, wird Neuss erfolglos durch Karl den Kühnen belagert. Für den erfolgreichen Widerstand belohnt Kaiser Friedrich III die Stadt und ihre Bürger mit zahlreichen Privilegien. Neuss wird unter anderem ein neues Wappen verliehen, das die Stadt vor den meisten anderen deutschen Städten auszeichnet. Sie wird zwar nicht wie Köln zur Reichsstadt erhoben, darf aber fortan die Symbole des Reiches, den doppelköpfigen Adler im schwarzen Schild führen, bekrönt durch die Kaiserkrone. Bis heute trägt die Stadt Neuss diesen Doppeladler in ihrem Wappen. Ich bin deshalb stolz und froh, das Emblem des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel in Ihrem Stadtwappen wieder zu entdecken!

Das Faszinierende am Doppeladler ist ja, daß er - im Gegensatz zu den anderen Fabeltieren des Mittelalters (etwa dem Einhorn, dem Drachen oder dem Greif), an deren Existenz man damals tatsächlich glaubte, von Anfang an eine sogenannte "Denkfigur", also eine symbolische Darstellung einer Idee ist. Was war dies für eine Idee? Es geht, soweit wir wissen, um den Gedanken der Einheit zwischen Ost und West. Der doppelköpfige Adler steht also für die Vision des einen römischen Reiches, das den Osten mit dem Westen verbindet.

- Dies bringt mich zu meinem dritten und letzten Punkt. Eine Brücke zwischen Ost und West stellen für Ihre Stadt nicht nur die Städtepartnerschaften dar. Ich habe mir sagen lassen, daß sie nicht nur Partnerschaften zu Städten in Frankreich und den USA errichtet haben , sondern auch mit Pskow in Russland und Rijeka in Kroatien. Ich beglückwünsche Sie zu diesen Partnerschaften und ermutige Sie ganz bewußt, in Ihren Bemühungen in dieser Hinsicht nicht nachzulassen – trotz aller Rückschläge und Entmutigungen, die es hin und wieder geben mag. Gerade in diesen Tagen haben Sie – 60 Jahre nach Kriegsende – die versöhnende Kraft der Begegnung etwa mit den Bürgerinnen und Bürgern Ihrer russischen Partnerstadt erleben dürfen. Deshalb rufe ich Ihnen zu: Lassen Sie nicht in Ihrem Eifer nach!

Brückenbauer zwischen Ost und West sind auch die 1700 Griechen, die in Ihrer Stadt leben. Sie stellen damit zwar nur 8,3 Prozent der Bevölkerung von Neuss, aber spätestens seit dem gestrigen Wahlabend weiß man ja, wie wichtig jedes Prozent ist! Da ich die Bemühungen meiner Landsleute um ein gelungenes friedliches Miteinander mit den Neussern – übrigens nicht nur in Weckhoven! -  kenne, bin ich der festen Überzeugung, daß Ihr heutiger freundlicher Empfang, Herr Bürgermeister, nicht nur meiner Person gilt, sondern daß Sie dadurch die vielen bekannten und unbekannten griechischen und deutschen Brückenbauer in Ihrer Stadt ehren wollen.

Auch hierfür danke ich Ihnen!


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