anlässlich des Ökumenischen Symposions
am 40. Jahrestag der Tilgung der Bannsprüche
von 1054 aus dem Gedächtnis der Kirche
(Kardinal-Wendel-Haus, München, 7.12.2005)
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Eminenzen,
Exzellenzen,
hochwürdige Väter,
liebe Brüder und Schwestern,
meine Damen und Herren!
Stefan Zweig hat mit seinem 1927 erschienenen gleichnamigen Buch den Begriff „Sternstunden der Menschheit“ geprägt. Eine Sternstunde nicht nur der Kirchengeschichte, sondern der Menschheit überhaupt ist auch jener 7. Dezember 1965, dessen wir heute gedenken.
Wenige Monate zuvor, am 5. Juli 1965, war der Vertreter des Ökumenischen Patriarchen Athenagoras, der damalige Metropolit Meliton von Helioupolis, in Rom, um Papst Paul VI. einen Brief des Patriarchen zu überbringen. In seiner Begleitung befand sich übrigens der junge Diakon Bartholomaios Archontonis, der heutige Ökumenische Patriarch.
Wie der Kirchenjournalist Aristidis Panotis, ein Augenzeuge jener Tage, berichtet, fragt Metropolit Meliton bei einem Besuch im Sekretariat für die Einheit der Christen Kardinal Willebrands und Pater Duprey: „Wie gedenkt der Papst das II. Vatikanische Konzil zu beschließen?“ Als beide erklären, nichts näheres über die geplante Abschlußsitzung zu wissen, sagt Metropolit Meliton: „Ich glaube, dieses Konzil muß mit einem Akt der Versöhnung seinen Abschluß finden! Lasst uns beiderseits die Bannsprüche von 1054 aufheben!“ Seine Gesprächspartner sind begeistert von der Idee und fragen Metropolit Meliton, ob sie diese dem Papst unterbreiten dürfen. Auch der Papst ist einverstanden und kurz darauf beginnt man in Rom und Konstantinopel diesen feierlichen Akt für den 7. Dezember, den letzten Sitzungstag des Konzils, vorzubereiten.
Und tatsächlich wird heute vor 40 Jahren zeitgleich in beiden Städten die Aufhebung der Anathemata bekannt gegeben: in Konstantinopel findet morgens eine Sondersitzung der heiligen Synode statt, auf der die Urkunde der Bannaufhebung bei einer einzigen Gegenstimme verabschiedet und unterzeichnet wird. Dann wird die Göttliche Liturgie in der Patriarchatskathedrale gefeiert und Patriarch Athenagoras tritt anschließend vor die Königlichen Türen der Ikonostase und verkündet mit fester Stimme: „Unsere geringe Person und die hochwürdigsten Mitbrüder und Konzelebranten, die Metropoliten der heiligen Synode, haben beraten und beschlossen, nachdem wir von gleichen Absichten des Alten Roms erfahren haben, aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche das besagte Anathem zu tilgen, daß der Patriarch Michael Kerullarios in seiner Synode ausgesprochen hat.“
Anschließend umarmt der große Patriarch den päpstlichen Legaten Kardinal Shehan aus Baltimore. Die Zeitzeugen berichten, daß daraufhin enthusiastischer Applaus die Georgskirche erfüllt.
Ein ähnlicher Applaus erklingt zur gleichen Zeit im Petersdom in Rom, wo am Ende der von Papst Paul VI. gefeierten Abschlußmesse des Konzils das päpstliche Breve „Ambulate in dilectione“ verlesen wird, das die Bannaufhebung seitens der römisch-katholischen Kirche proklamiert. Beim anschließenden Empfang sagt Metropolit Meliton in einer kurzen Ansprache unter anderem: „Obwohl die Unterschiede in der Lehre, in der kanonischen Ordnung und im Gottesdienst bleiben und noch keine sakramentale Gemeinschaft wiederhergestellt wird, so wird heute doch zwischen den beiden ersten Bischofssitzen des Westens und des Ostens offiziell und auf kirchlicher Ebene die Grundvoraussetzung für eine schrittweise Überwindung dieser Unterschiede geschaffen; dies ist die brüderliche Liebe.“
Liebe Brüder und Schwestern,
Versöhnung, brüderliche Liebe, Schmerz überwinden, Vergessen, aus dem Gedächtnis der Kirche tilgen – sind die Schlüsselwörter jener Tage vor 40 Jahren. Es sind dies Kategorien des ökumenischen Dialogs zwischen unseren Kirchen, die uns heute bereits antiquiert erscheinen. Gott sei Dank hat diese Sternstunde der Kirchengeschichte vor 40 Jahren so viel bewirkt im Miteinander unserer Kirchen. Es ist deshalb richtig und wichtig, dieses Ereignisses heute zu gedenken. Wir tun dies mit dem Ökumenischen Symposion, das jetzt beginnt, und mit dem Ökumenischen Gottesdienst heute abend im Liebfrauendom. Und wir führen die „Wiederentdeckung der Communio“ auch morgen und übermorgen fort, etwa durch unsere Arbeit in der „Gemeinsamen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland“, durch unsere vielfältigen ökumenischen Begegnungen und nicht zuletzt durch unser gemeinsames Zeugnis in diesem Land.
Gott segne diesen gemeinsamen Weg. Amen.