* * *
Hochverehrter Herr Kardinal,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren!
Der britische Filmemacher urd Künstler John Christie schrieb 1997 über die Farbe „Gold folgende Gedanken:
Für einen byzantinischen Betrachter
Der hauptsächlichste Aspekt der Farbe
- ihr Lichtwert
das Gold und Silber der Lampen
das Schimmern der Seide
das Email und die Edelsteine der Ikonen
- alles Behältnisse (und Abbilder) des Lichts
Es fällt bei diesem kurzen Text auf, daß er die Farbe Gold
sofort mit Byzanz beziehungsweise mit dem - ansonsten nicht näher bezeichneten
- „byzantinischen Betrachter" identifiziert.
In der Tat: Man könnte sagen, dass alle Kunst in Byzanz dem „Licht"
zu dienen hat, dass sie stets „Behältnis' und „Abbild", d.h Ikone des
Lichts zu sein hatte.
Nicht von ungefähr taucht auch im Titel der Ausstellung, die wir heute
abend eröffnen der Begriff des Lichtes auf und ein genaueres Betrachten
der Exponate wird uns diese Sichtweise John Christies bestätigen. Für
den Byzantiner ist aas Licht natürlich nicht in erster Linie ein naturwissenschaftlicher,
ein „physischer" Begriff, sondern ein „meta-physischer", der sich der wissenschaftlichen
Anafyae und Definition entzieht.
Weit davon entfernt, das oströmische Reich, das wir gemeinhin das „byzantinische"
nennen, idealisieren zu wollen, lässt sich doch festhalten, dass diese
transzendentale Dimension des Lichtes etwas ist, was unbedingt zum Erbe von
Byzanz gehört.
Bernard Sartorius spricht von zwei großen geistigen und kulturellen
Strömungen, welche Byzanz kennzeichnen. Eine hatte den Kaiserhof zum
Mitteipunkt: Dem Kaiser, der sich als „in Christo treuer König der Rhomäer"
bezeichnete, oblag die irdische Verwaltung der Christenheit, dem Patriarchen
dagegen ihr geistiges Wohl.
„Unter diesen Umständen igt es nicht verwunderlich, dass die Kultur
des Kaiserhofes in mehrfacher Hinsicht auf das kirchliche Leben abfärbte.
Die wahrhaft königliche Pracht der orthodoxen Liturgie ist zum Teil
ein Spiegelbild des prunkvollen Hofzeremoniells, ja einige Gebetewurden ursprünglich
vom Kaiser selbst gesprochen und erst später den Priestern übertragen."
Die andere Strömung entstand in den Klöstern, die - nach einer
Zeit vorübergehenden Rückgangs - selbst in den Städten das
Kaiserreichs in großer Zahl vorhanden waren. In diesen Klöstern
herrschte eine auf das Weltende gerichtete Geistigkeit, erne kompromißlose
Gottsuche, aber auch echte Freiheit.
Interessant - und für viele heutige Menschen schwer nachvollziehbar
- ist dabei, dass diese beiden Pole der byzantinischen Kultur nicht gar nicht
voneinander getrennt waren: Wie viele Kaiser haben auf ihr Slaatsamt verzichtet,
um ihren Lebensabend im Kloster zu verbringen? Wie viele Klöster wurden
nicht durch kaiserliche Schenkungen und Privilegien reich ausgestattet? Und
wurde nicht jedem Kaiser bei seiner Inthronisierung ein Säckchen Asche
präsentiert, um ihn an sein eigenes und der Welt Ende zu erinnern?
Mitten in der Welt stehend war der Byzantiner sich der jener Dimension jenseits
von Raum und Zeit stets bewußt. „Das Eschaton wird Geschichte" nennt
Anastasios Kallis diesen Vorgang. Man könnte man auch sagen: Weltimmanenz
und gleichzeitige Gottesnähe. Diesem Programm fühlt sich auch die
Kirche, der ich angehöre, verpflichtet. Ihr byzantinisches Erbe geht
ja weit über den Ritus oder den Baustil oder die Art und Weise der Musik
hinaus. Bestandteil dieses Erbes ist auch unsere Botschaft an die Gläubigen,
die da lautet: „in der Welt zu sein, aber nicht von der Welt zu sein".
Mit diesem Auftrag versuchen wir auch hier in Deutschland, einen authentischen
Beitrag gelebten christlichen Zeugnisses im großen Konzert der Ökumene
zu leisten. Dass wir von den anderen Kirchen dieses Landes dabei so geschwisterlich
aufgenommen wurden, erfüllt uns mit Dankbarkeit und Freude. So verstehe
ich auch Ihre freundliche Einladung, Herr Kardinal, heute abend hier anwesend
sein zu dürfen und dieses Grußwort zu sprechen. Auch hierfür
danke ich Ihnen.
Und nun wünsche ich Ihnen allen, dass Sie im Sinne des eingangs Gesagten
zu byzantinischen Betrachtern dieser Ausstellung werden.