(3. November 2006)
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Ich habe heute Abend die besondere Ehre Ihnen die Gruß- und Segenswünsche Seiner Allheiligkeit des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios zu überbringen, der, wie Ihnen bekannt ist, einer der Schirmherren dieser Ausstellung ist. Gern wäre Seine Allheiligkeit aus diesem Anlass unter uns, nicht nur weil er dieses Land, in dem er studiert hat, lieb gewonnen hat, sondern auch weil die Idee dieser Ausstellung in besonderer Weise einem Anliegen des Ökumenischen Patriarchats entspricht: geht es doch um die Suche nach dem, was ECHT ist.
Im Griechischen gibt es für das Wort "echt" zwei Begriffe: zum einen sagt man "γνήσιος", zum anderen "αυθεντικός". Worin unterscheiden sich diese beiden Begriffe?
Während der erste auf ein nicht mehr existierendes Wort GNETIOS zurückzuführen ist, das „ehelich, rechtmäßig, vollbürtig“ bedeutet, bezeichnet der zweite Begriff, der uns ja auch im Deutschen vertraut ist, eigentlich „selbst vollendend, urheberisch handelnd“. Während das eine also die „Echtheit“ des Ursprungs und der Herkunft behandelt, beschreibt das zweite den Stellenwert dessen, was geschieht. Es geht also immer um beide Aspekte dessen, was echt bzw. authentisch ist.
„Zur Hölle mit der Authentizität!“ So hat die Schriftstellerin Juli Zeh in der ZEIT vom 21.9.2006 einen Artikel überschrieben, in dem sie einen Echtheitswahn in der heutigen Unterhaltungsindustrie beschreibt und brandmarkt. Dieser Wahn führe dazu, auch in der Literatur nach wirklichen Personen und Vorgängen zu fahnden. Dabei gehe verloren, was Literatur sei. Literatur sei aber etwas, was im Bewusstsein des Lesers entstehe.
Hier, in dieser Ausstellung geht es um etwas anderes. Für uns ist es ja gerade die Authentizität der Handschriften, die unsere Tradition und unser christliches Bewusstsein prägt und formt. Zur im Osten so hoch gehaltenen mündlichen Tradition kommt gleichwertig und gleichbedeutend die schriftliche Fixierung dessen, was unser Leben ausmacht, hinzu: Echtheit des Ursprungs und der Herkunft und authentischer Stellenwert dessen, was geschieht. Anders gesagt: wenn es uns nicht gelingt, die Relation zu den Personen herzustellen, zu ihrem gesellschaftlichen und religiösen Kontext, ja, zu ihrem Glauben, dann bleibt auch die wertvollste Handschrift ein – verzeihen Sie mir die Heranziehung dieses Pauluswortes - „tönendes Erz“.
Gerade hier im Land der Reformation darf man es durchaus immer wieder neu betonen, dass Schrift und Tradition nicht unüberbrückbare Gegensätze sind, sondern sich perichoretisch durchdringen – zumindest nach unserem Verständnis…
Wie wohltuend ist es gerade deshalb, diese ökumenische Stunde heute Abend hier zu haben; ich möchte Ihnen, verehrter Herr Kirchenpräsident, und allen, die zu dieser Ausstellung beigetragen haben, den besonderen Dank Seiner Allheiligkeit und meine eigenen Glückwünsche aussprechen.
Denn für Sie wie für uns gilt, um das Wort von Juli Zeh noch einmal zu bemühen: Nicht: „Zur Hölle mit der Authentizität!“ sondern: „Durch Authentizität zum Himmel“!
Ich danke Ihnen!