anlässlich
der Präsentation des Films
Kosmos der Heiligen
des Landesverbands Rheinland
im Bonner Münstersaal
(01. Oktober 2003)
* * *
Sehr geehrte Damen und Herren,
als Metropolit der Griechisch-Orthodoxen Metropolie von Deutschland freue
ich mich ganz besonders über diese Präsentation der Ausmalung unserer
Kirche der Heiligen Dreiheit in Bonn an diesem schönen, traditionsreichen
Ort neben dem Bonner Münster, das über den Gebeinen der heiligen
Martyrer Cassius und Florentius errichtet ist. Diese Heiligen verkörpern
die Einheit der Kirche jenseits aller konfessionellen Spaltungen.
Ihr gemeinsames Gedächtnis und ihre gemeinsame Verehrung beweisen,
daß die Einheit, die wir suchen, keine Utopie ist. Als Bischof und
Theologe bin ich davon überzeugt, daß wir nur dann zueinander
finden, wenn wir den Glauben der Väter treu bewahren. Die Integration
in diesem Land und in Westeuropa, zu der wir uns – das wissen Sie seit langem
– bekennen,
ist nicht gleichbedeutend mit der Aufgabe unserer Identität als orthodoxe
Christen in diesem Land, sondern Integration heißt für uns, diese
Identität zu bewahren und im Dialog zu bewähren.
Im europäischen Zusammenhang, der uns durch die Osterweiterung der
Europäischen Gemeinschaft gerade jetzt besonders gegenwärtig ist,
betonen wir mit Nachdruck, daß die Orthodoxie – anders als der Islam
– in Europa zu Hause ist und nicht erst dort ankommen muß! Europa ist
eine Einheit aus West und Ost, aus Rom und Konstantinopel!
Europa ist, das darf ich – wenn Sie erlauben – auch als Grieche sagen –
Europa ist älter als das Abendland. Die christlichen Metropolen des
ersten Jahrtausends, Alexandrien, Antiochien und Konstantinopel, sind Zentren
und Geburtstätten Europas – gewiß nicht weniger als z. B. Rom
oder Aachen. Die heiligen Martyrer Cassius und Florentius sind Europäer,
aber keine Abendländer!
Auch die Ausmalung einer orthodoxen Kirche im Bonn unserer Tage ist in diesem
Sinn ein „europäisches“ Ereignis.
Erlauben Sie mir abschließend ein Wort zu dieser Ausmalung aus theologischer
Sicht:
Für uns orthodoxe Christen ist die Konstruktion und die Ausstattung
einer Kirche keine Frage des Geschmacks oder der jeweils herrschenden Kunstrichtung.
Die Kirche ist vielmehr das Bild des neuen, des in Christus vollkommen erneuerten
Kosmos. Sie ist der Spiegel Seines gekreuzigten und verherrlichten Leibes,
des Leibes, „in dem alles zusammengefaßt“ ist, „was im Himmel und was
auf Erden ist“ (Eph. 1,10). Die architektonische und ikonographische Ordnung
der Kirche unterliegt einem strengen Kanon, der deshalb streng ist und niemals
zur Disposition steht, weil er direkter Ausdruck des Dogmas ist und die Theologie
der Kirche im Wortsinne „dar-stellt“. Dieser unmittelbare Zusammenhang von
Theologie und Bild, den die Kirchen des Westens in dieser Weise nicht bewahrt
haben, zeigt die Emphase der orthodoxen Kirche für den materiellen Realismus
der Erlösung. In der Kirche dürfen, ja müssen wir ein materielles
Bild Dessen malen, der einen materiellen Leib für uns angenommen hat
– wie es auch der heilige Johannes von Damaskus ausdrückt:
„Der unkörperliche Gott und Sein unumschreibbares (Wesen) können
nicht dargestellt werden. Aber jetzt, da Gott im Fleisch erschienen ist und
sich den Menschen offenbart hat, male ich ein Bild von Gott, weil er sichtbar
geworden ist. Ich bete nicht die Materie an, sondern den Schöpfer der
Materie, der für mich Materie geworden ist, der in der Materie wohnen
wollte und mich durch die Materie erlöst hat. Ich zögere nicht,
die Materie zu verehren, durch die mir Erlösung zuteil geworden ist.“
(Über die Bilder 1,16)
Andererseits führt die Ablehnung des Bildes zu einer gefährlichen
Schwächung der Wahrnehmung der Menschwerdung Gottes und damit gerade
der eigentlichen Mitte unserer Erlösung. Die Bildergegner, die „Puritaner“
in allen Lagern des Christentums, sind Dualisten. Sie halten die Materie
für „befleckt“. Sie wollen eine Religion, die vor jedem Kontakt mit
der materiellen Welt bewahrt bleibt, und stellen das Spirituelle dem Materiellen
entgegen.
Aber wer sich weigert, den Leib Christi in seiner materiellen Menschlichkeit
anzuschauen, verrät Seine Inkarnation. Demgegenüber sagt Johannes
von Damaskus: „Das Wort wurde Fleisch, um das Fleisch zu vergöttlichen.“
(Über die Bilder 1,21)
Die Ikone ist der Ausdruck unseres Glaubens an die Erlösung und Verherrlichung
der gesamten Schöpfung Gottes, der materiellen und der spirituellen.
Was der russische Theologe Nikolaj Zernov vor mehr als einem halben Jahrhundert
dazu gesagt hat, gilt auch heute:
„Ikonen sind nicht einfach nur Gemälde. Sie sind eine dynamische Offenbarung
der dem Menschen verliehenen Macht, die Schöpfung durch die Kunst und
die Schönheit zu erlösen. Umrisse und Farben der Ikonen dienen nicht
dazu, die Natur zu imitieren. Die Absicht des Ikonenmalers besteht vielmehr
darin, zu zeigen, daß der Mensch, die Tiere, die Pflanzen, daß
der ganze Kosmos vom Tod befreit ist und seine wahre Gestalt, sein wahres
„Bild“, wiedererlangen kann. Die Ikonen sind Zeichen dessen, daß die
erlöste Schöpfung zu sich selbst zurückkehrt … Die künstlerische
Vollendung einer Ikone ist nicht nur ein Spiegelbild der himmlischen Herrlichkeit,
sondern auch ein konkretes Beispiel dafür, wie die Materie zu ihrer ursprünglichen
Schönheit und Harmonie zurückfindet und Träger der Kraft des
Heiligen Geistes wird. Die Ikonen sind ein Teil der verklärten Schöpfung.“
(Nikolaj Zernov, Die Russen und ihre Kirche. London 1945, S. 107 f.)
Für orthodoxe Christen ist es paradox, zu sehen, wie in einer Welt,
in der durch die Omnipräsenz der neuen elektronischen Medien alles und
jedes wortwörtlich „ins Bild gesetzt wird“ und der visuelle Terror grenzenlos
geworden ist, gerade die Kirchen oft als bildleere Räume erscheinen.
Gewiß, Bilder können auch Idole sein. Aber vor den Idolen, die
uns quälen, wenn sie als Götzen zwischen uns und Gott treten, um
uns mit Gott zu entzweien – vor den Idolen bewahrt uns nicht die Bildlosigkeit
und die Flucht in die Abstraktion, sondern nur Christus selbst, „das Bild
des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15), das Fleisch geworden ist und unter uns
Wohnung genommen hat.