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Wir befinden uns in der Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, Das ist die Zeit, in der wir das Wesen der Kirche noch inniger bedenken. Jene "kleine Weile" (Jo 7,33), in der wir uns bewusst werden, dass der Sohn, nachdem Er die Werke getan und die Zeichen vollbracht hat, die kein anderer tun kann (vgl. Jo 3,2), zum Vater geht und unseren Blicken entzogen ist. Unsere Blicke sind mit denen der Apostel zum Himmel gerichtet. Wir jubeln, weil der Sohn, der für uns gelitten hat, den angenommenen Leib, den Leib Seiner Erniedrigung, zu jener Herrlichkeit erhebt, die älter ist als die Welt. Wir jubeln über die "Gerechtigkeit" (Jo 16,10), die darin besteht, dass der Vater den Sohn verherrlicht. Denn im Sohn übersteigt der Mensch die "Feste des Himmels" (To stereoma tou oupanou papilthes - Esperinos), d. h. jene äußerste Grenze, die das Geschaffene vom Ungeschaffenen trennt. Im Leib des Erhöhten werden endgültig Himmel und Erde miteinander versöhnt.
In Fleisches Ähnlichkeit erscheinend hast Du, was einst sich widerstand, zur Einheit gefügt, Menschenliebender, und fuhrest auf im Angesicht Deiner Jünger, Erbarmer, zum Himmel.
(Sarkos faneis omoiomati ta proin diestota synigages eis en, Filanthrope. Kai elifthis, oronton Se ton mathiton, oiktirmon, pros ta ourania. Defteros Kanon tis Analipseos, b' stichiron tis 6. odis)
Dieser vom Herrn selbst angekündigte Zeit der Entrückung des Bräutigams und der Erwartung Seiner neuen, beständigen Gegenwart im Heiligen Geist entspricht das Harren der Kirche auf die vollkommene Offenbarung des Reiches der Himmel in Herrlichkeit. "Jetzt sind wir Kinder Gottes, doch es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden" (1 Jo 3,2).
In dieser pfingstlichen Erwartung auf das, was schon begonnen hat, aber dessen Vollendung in Herrlichkeit noch aussteht, hören wir heute Jesu Worte vom Weinstock.
Das Bild selbst ist uns vertraut schon aus dem Alten Bund. Im ganzen Alten Bund sind Weinberg und Weinstock, Reben und Wein Bilder für das Volk Israel und die Liebe, die Gott diesem Volk und in ihm der ganzen Schöpfung zuwendet. Dieses tief in der Anschauung und Symbolik Israels verankerte Bild greift der Herr auf, indem Er sich zugleich von dessen herkömmlichen Gebrauch dadurch abgrenzt, dass Er es auf sich bezieht und diese Abgrenzung noch durch den charakteristischen Zusatz "wahr" verschärft "ich bin der wahre Weinstock" (Jo 15,5) - ebenso wie Er auch das "wahre Licht" (Jo 1,9) und das "wahre Brot" (Jo 6,32) ist - d. h. der Weinstock, der nicht vergeht, dessen Lebenskraft und Fruchtbarkeit nicht schwinden.
Es ist dabei wichtig, sich daran zu erinnern, dass Christus dieses Gleichnis (nach Johannes das letzte Seiner großen Gleichnisse), in dem Moment Seinen Jüngern anvertaut, in dem Er im Begriff steht, die Welt zu verlassen: auf dem Weg vom Abendmahlssaal zum Garten von Gethsemani. In dem Augenblick, in dem der Sohn, der vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen ist, die Welt wieder verlässt und zum Vater geht (vgl. Jo 16,28), spricht Er zu Seinen Jüngern vom Bleiben. Der, der die Weit verlässt ist nicht nur der einzige, der bleibt, sondern auch der einzige, der in allem Wechsel und Vergehen dieser Welt das Bleiben stiftet. Nur wer den neuen Wein des Sohnes empfängt und bewahrt, den Wein, durch dessen Fülle und unvergleichliche Güte Jesus in Kana zu Galilaa erstmals Seine Herrlichkeit offenbarte, hat Anteil an Seinem Sieg: dem Sieg des Sohnes über die Welt, dem Sieg des Lebens über den Tod.
"Ich bin der wahre Weinstock." Der Weinstock, der nicht verwildert, der nicht mehr verpflanzt, nicht mehr ausgerissen, nicht mehr verwüstet wird.
Das Bleiben, das Christus Seinen Aposteln und uns verheißt, ist aber nicht Starre, Unbeweglichkeit, Passivität, ist kein pures Verharren. Es ist vielmehr eine Bewegung, eine Handlung, ein poiein. Das Frucht-Bringen im Heiligen Geist ist eine äußerste Aktivität, die alle Kräfte freisetzt. "Auch der, der an mich glaubt, wird die Werke tun, die ich tue. Und er wird noch größere als diese tun, denn ich gehe zum Vater" (Jo 14,12). Dieses Tun ist eine Mittäterschaft mit dem Sohn. So wie der Sohn nichts aus sich selbst heraus tut, noch tun kann (vgl. Jo 5,30), sondern die Werke tut, die Ihm der Vater zu vollenden gegeben hat (vgl. Jo 5,36), ebenso können auch wir nichts tun ohne den Sohn. So wie der Vater im Sohn bleibt und wirkt (vgl. Jo 14,10), bleibt und wirkt der Sohn in denen, die Seine Gebote bewahren. Darum heißt es: "Ohne mich könnt ihr nichts tun."
Anders gewendet: Was auch immer wir tun, wie groß und bedeutend unser Tun auch erscheinen mag, wenn es ohne das Mitwirken Gottes im Sohn geschieht, ist es nichts. "Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Mt 12,30).
Dieses ouden, dieses Nichts steht im Mittelpunkt aller Bemühungen derer, die Christus, den wahren Weinstock, aus unserer Mitte ausreißen wollen. Der Tanz um das goldene Kalb ist der ewige Tanz der Welt um dieses Nichts. Das Nichts, das, obwohl es nichts ist, alles zu sein scheint, ist das Dämonische an sich. In einer Welt, die wie vielleicht niemals zuvor vom Wahn der Machbarkeit besessen ist, vergessen wir den Erlöser, um uns selbst zu erlösen. Im Rausch unserer Selbstermächtigung stellen wir alles neu zur Disposition, auch den Menschen von der Empfängnis bis zum Tod. Wir bauen Europa und "vernetzen" uns weltweit, aber gleichzeitig stehen wir im Begriff, unsere Grundlage, unseren Glauben an Christus, den wahren Weinstock, zu beseitigen. Wir bauen den Turm von Babel und sinken hinab in den Hades. Mehr als 3000 Jahre europäische Kultur wiegen nicht mehr viel auf der Waage der neuen postmodernen Werteskala. Abraham und Moses, Homer und Heraklit - das war einmal.
Der Herr aber spricht auch heute zu uns, die wir hier versammelt sind. Er sagt nicht einfach: Ich bin der Weinstock. Er sagt zu uns: "Ich bin der wahre Weinstock" Nichts vereint uns so sehr miteinander und mit Gott, wie die Liebe zu diesem Weinstock. Aus dieser wahrhaft pfingstlichen Liebe schöpfen wir unseren Mut, unsere Freude und unsere Zuversicht.
''Herr, blicke vom Himmel herab und sieh und suche heim Deinen Weinstock
und befestige ihn, den Deine Rechte gepflanzt hat!" (Psalm 79/80,15)