[Zurück zur vorigen Seite]


HOMILIE

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

beim Vespergottesdienst
anlässlich der 1600-jährigen Wiederkehr des Todestages
des Hl. Johannes Chrysostomos

(München, 25. November 2007)

* * *

Liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst, liebe Brüder und Schwestern in Christus, liebe Gemeinde!

In diesem Jahr, in dem wir der 1600-jährigen Wiederkehr des Todestages des Hl. Johannes Chrysostomos gedenken, sind in zahlreichen Kongressen, bei Vorträgen und Gedenkfeiern viele der Aspekte seines reichen, von Gott gesegneten Lebens neu bedacht und entfaltet worden. Gestatten Sie mir heute, auf ein winziges Detail seiner Vita hinzuweisen, das uns – wie ich glaube – in dieser vorweihnachtlichen Zeit Hilfe und Trost sein kann.

Es ist bekannt, dass der heilige Johannes in seiner Zeit als Erzbischof von Konstantinopel vielfältigen Verfolgungen ausgesetzt war. Insbesondere Eudoxia, die Frau des Kaisers Arkadius, fühlte sich von seinen Predigten gegen die Torheit des Luxus getroffen, möglicherweise nicht ganz zu Unrecht. Um ihn zu beeinflussen, gab sie große Spenden für die Kirche. Chrysostomos bedankte sich dafür – und predigte weiter. Später ließ sie ihn anklagen, er wurde abgesetzt und verbannt, jedoch von Eudoxia alsbald zurückgerufen, da das Volk über seine Abreise überaus verärgert war und ein Erdbeben als Zeichen des Zornes Gottes wertete.

Doch dieser Frieden war von kurzer Dauer. Eine silberne Statue der Eudoxia wurde nämlich nahe seiner Bischofskirche errichtet. Johannes lehnte es ab, diese einzuweihen, wiederum wurde er verbannt, diesmal nach Koukousós in Armenien. Später wurde er dann noch weiter verbannt, nach Pityus, am östlichen Rand des Schwarzen Meeres im heutigen Georgien. Dieses Ziel erreichte er jedoch nicht, da er auf dem Gewaltmarsch dorthin in der Nähe von Comana Pontica starb. Die Vita des Heiligen berichtet, dass er seine letzte Nacht in der Märtyrerkapelle des Märtyrers Basiliscus verbrachte. Dort, heißt es, erschien ihm dieser Heilige und sagte zu ihm „Habe Mut, mein Bruder Johannes, morgen werden wir zusammen sein.“ Tatsächlich erlitt Johannes Chrysostomus am nächsten Tag einen Schwächeanfall, der seine Begleiter zwang, zu dem Kirchlein des hl. Basiliskus zurückzukehren, wo er dann am 14. September 407 verstarb. Seine letzten Worte waren «Δόξα τω Θεω πάντων ένεκεν». Er wurde anschließend in der Kapelle begraben, in der er starb.

«Δόξα τω Θεω πάντων ένεκεν» - über diesen Satz möchte ich heute zu Ihnen sprechen! Häufig finden wir ihn in der Übersetzung „Gott sei Dank für alles!“ Diese Übersetzung bringt sicher das Lebensgefühl des großen Kirchenvaters treffend zum Ausdruck. Und doch müsste eine wörtliche Übersetzung darauf bestehen, das Wort „Δόξα“ nicht mit „Dank“, sondern mit „Ehre, Ruhm, Preis, Lobpreis“ wiederzugeben. Ich sage dies, weil uns orthodoxen Christen dieser Begriff „Δόξα“ ja aus dem Namen unserer Kirche geläufig ist! Und hier wird deutlich, dass ihre Bezeichnung als „rechtgläubig“ eine gewisse Engführung bedeutet. Wenn wir von uns sagen, dass wir orthodox sind, so meinen wir nämlich nicht nur unseren Glauben, sondern sprechen gewissermaßen mit Johannes Chrysostomus «Δόξα τω Θεω πάντων ένεκεν»! Unser Verhältnis zu Gott wird immer eine Haltung des Ehrens und des Lobpreisens sein; wir können dies gar nicht anders empfinden. Wir können gar nicht anders, als doxologisch vor dem erhabenen Thron der Allmacht Gottes zu stehen. Der Gott des Chrysostomos ist bei aller theologischen Akribie, die ihn auszeichnet, und bei aller Rhetorik, die ihm den Ehrennamen „Goldmund“ verlieh, nie ein Objekt theologischer Spekulation oder philosophischer Stochastik. Er ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott, der uns Schutz und Zuflucht ist, vor allem aber der Schöpfer und Erhalter aller Dinge, der Pantokrator, dem wir Tag und Nacht unseren demütigen Lobpreis darbringen. „Siebenmal am Tag singe ich dein Lob wegen deiner gerechten Entscheide“ (Ps 118<119>,165) singt der Psalmist und wir singen mit ihm. Und ist es nicht das, was unsere nicht-orthodoxen Geschwister an uns besonders schätzen?

Wenn am Ende des Chrysostomos-Jahres 2007, wenige Wochen nach der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung von Sibiu, verehrter Herr Kardinal, sehr geehrter Herr Vertreter des Landesbischofs, liebe Mitchristen, in der Ökumene die Stimmen, die eine stärkere Berücksichtigung der Orthodoxie fordern, laut und lauter werden, was meinen sie denn damit, wenn nicht diese Dimension des Lobpreises Gottes? Wenn von einer „Ökumene der Profile“ die Rede ist – verzeihen Sie, dass ich diesen Begriff an dieser Stelle ausnahmsweise verwende, ich benutze ihn normalerweise nicht! -, müssen wir als orthodoxe Christinnen und Christen dann nicht antworten: ja, das ist unser Profil, das ist unser Spezifikum, das ist unser Proprium, das unentwegte Loben, die „Doxa“ Gottes! Das war es, was Harnack an uns nicht verstanden hat, dass jede Liturgie, dass jeder Hymnus, dass jede Ikone, dass jeder Weihrauch kein Selbstzweck ist, sondern immer in der doxologischen Dimension unseres Seins verankert ist.

So können wir heute Johannes Chrysostomos als Zeitgenossen erleben, nicht weil wir, wie mancher glaubt, noch im 4. oder 5. Jahrhundert leben, sondern weil für die Allmacht Gottes die Zeit unwichtig ist: „Denn tausend Jahre sind für dich wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht“ (Ps 90 <91>, 4). So können wir mit dem Kirchenvater, ja „mit einem Mund und einem Herzen“ – wie es in der nach ihm benannten Chrysostomos-Liturgie heisst – „rühmen und besingen Seinen allgeehrten und hocherhabenen Namen, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes…“. Oder anders: also kurz gesagt: «Δόξα τω Θεω πάντων ένεκεν»!

Um zu Johannes Chrysostomos zurückzukehren: 31 Jahre ruhten seine Gebeine in seiner Sterbekapelle, bis sie 438 in einer feierlichen Prozession nach Konstantinopel überführt wurden. 1204 wurden sie dann beim Vierten Kreuzzug geraubt und nach Rom gebracht. Vor genau drei Jahren, am 27. November 2004 gab sie Papst Johannes Paul II. der Kirche von Konstantinopel, dem Bischofssitz des Chrysostomos, zurück. Auch hierfür: «Δόξα τω Θεω»! Amen.


[Zurück zum Seitenanfang]

[Zurück zur vorigen Seite]