Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Ein Blick in den Kalender zeigt uns, dass wir schon seit kurzem im Jahr 2000 leben. Viel ist über dieses Jahr und über diese Jahreszahl geredet worden. Manche sahen dem Jahreswechsel mit besonderer Erwartung, andere aber mit Angst entgegen, als ob das Ende der Welt bevorstünde. Sie sind in die Falle der Zahlenmagie und der Mythen zahlloser falscher Propheten getappt, die bestimmten Tagen, Monaten, Zeiten und Jahren (Gal 4,10; vgl. Apg 1,7) eine besondere Bedeutung beimessen, "wie diejenigen, die keine Hoffnung haben" (1 Thess 4,13). Für uns alle aber, die wir sicher im Schoß der Kirche geborgen sind, gibt es weder magische noch geheimnisvolle Zahlen, noch furchterregende Jahre oder Zeiten. Das einzige, was es gibt, sind die Mysterien des Gottes der Liebe (2 Kor 13,11 ) oder der Liebe, die Gott ist (1 Jo 4,8.16). Er heiligt unablässig den Raum und die Zeit. "In Ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir" (Apg 17,28). Gott selbst erhält und bewahrt die von ihm "sehr gut" (Gen 1,31) erschaffenen Geschöpfe von der Schöpfung angefangen bis zur endgültigen Wiederherstellung der Welt zum alles offenbarenden, zum "apokalyptischen" Ende der Zeit. Dieses Ende brauchen wir nicht nur nicht zu fürchten; vielmehr sollten wir es mit Glauben, Hoffnung und Liebe erwarten und mit dem hl. Johannes d. Theologen und mit der Kirche sprechen: "Ja, Herr Jesus, komme bald!" (vgl. Apk 22,20) Es gibt nichts in der Welt, das uns von der Liebe Gottes trennen könnte (Röm 8,35), es sei denn, dass wir selbst aus freiem Willen die Hilfe Dessen, der uns liebgewonnen hat (Röm 8,37), verleugnen, die Gnade unserer Freiheit verschwenden und vorziehen, einsam und darbend fern von unserem Vaterhaus (vgl. Lk 15,1 1-32), der Kirche, zu leben.
Einsamkeit und Hunger: Diese zwei Begriffe beschreiben bestens das Umfeld, das wir uns schaffen. Sie benennen die Grundzüge jenes Ortes, wo man ein "Fehlen" oder eine "Abwesenheit" Gottes zu verspüren meint. Der Mensch trägt den Hauch Gottes in sich (Gen 2,7). Dank Seiner atmet und lebt er (Röm 14,8). Wenn er Ihn verleugnet, schwindet er und entartet. Noch konkreter: Er macht sich selbst zu Gott und dreht sich stumm und elend nur um sich selbst. Er verurteilt alle anderen, während er sie gleichzeitig seinen individuellen Interessen dienstbar macht. Schließlich wird er sogar unfähig, zu jemandem in Beziehung zu treten. Wir fragen uns, warum gerade im Augenblick der Befreiung von ethischen Normen die Krise alle und alles ergriffen hat. Ehen werden geschieden. Immer mehr Menschen leiden unter ihrer Einsamkeit. Der Gebrauch von Psychopharmaka und Drogen nimmt zu. Die Selbstmordrate steigt ...
"Was euch fehlt, das ist die Seele und Christus", rief der hl. Kosmas der Ätolier. Ohne die Seele und ohne Christus sind wir der Einsamkeit und dem Hunger ausgeliefert. Je mehr wir uns abmühen, unsere Einsamkeit und unseren Hunger zu vertreiben, desto größer werden unsere Enttäuschung und unsere Verzweiflung, so dass wir uns am Ende sogar vor unserem eigenen Schatten fürchten. Gibt es einen Weg, der uns aus dieser Ausweglosigkeit herausführt? Wir antworten darauf spontan und ohne zu zögern: Überall und immer steht uns der Weg der Heimkehr in unser Vaterhaus offen, dahin, wo uns unser Vater mit Seinen liebevoll geöffneten Armen schon erwartet (Lk 15,11-32).
Wollen wir also von unserer Existenzangst, von unserer Angst vor Krankheit und Tod befreit werden? Oder, um es positiv zu formulieren: Wollen wir, dass unser Leben einen Sinn hat und dass die Würde unseres Menschseins zum Vorschein kommt? Dass wir auf unsere Fragen authentische Antworten erhalten? Wenn wir das wollen, dann müssen wir uns ständig dessen bewusst sein, dass Gott unter uns ist, sobald wir in unserer Kirche, sobald wir als Kirche versammelt sind (Mt 18,20). In der Kirche, d.h. in unserer Gemeinde können wir wahrhaft erleben, dass Gott sich offenbart. Können wir Gott sehen und schmekken. Nur in der Kirche können wir lernen zu lieben, d.h. wahrhaftig uns selbst zu lieben, indem wir die Masken der Heuchelei zerreißen und die Schönheit entdecken, die Gott einem jeden von uns eingepflanzt hat. Ebenso wahrhaftig lernen wir aber auch, unsere Mitmenschen zu lieben, eine Liebe zu üben, die opfermütig teilt, die an Leid und Freude gleichermaßen Anteil nimmt (vgl. Röm 12, 9-21 und 1 Kor 13,1-13).
Liebe orthodoxe Brüder und Schwestern!
Unsere lebendige Verbundenheit miteinander in der Kirche ist das Geheimnis unseres Erfolges: unserer Existenz Sinn und Zweck zu geben und so unser Leben reich zu machen. Die wahre orthodoxe Tradition hat nichts mit Zwang und Niedergeschlagenheit zu tun, sondern bedeutet gesegnete Enthaltsamkeit und unbeschreibliche Freude. Hass, Aufruhr; Schrecken, Verzweiflung, Friedlosigkeit und ein Leben, das unablässig von Sorgen beherrscht wird - all das gehört der Welt außerhalb der Kirche. Liebe, Freude, Friede, Langmut, Redlichkeit, Güte, Sanftmut und Enthaltsamkeit gibt es dagegen nur in der Kirche. Denn a11 diese Schönheit ist die Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5,22-23), die wir durch die Mysterien unserer heiligen Kirche unverdient (vgl. Mt 10,8; Röm 3,24; 2 Kor 11,7; Apk 21,6 & 22,17) empfangen.
Unsere Botschaft für dieses und für jedes neue Jahr lautet darum: Lasst uns alle zusammen und jeder für sich unsere Zeit (Eph 5,16) auf rechte Weise nutzen. Lasst uns "die Zeit auskaufen" (Ko1 4,5), damit der Dreieinige Gott die Mitte unseres Lebens werde - Er, der Zeiten und Jahre bestimmt und einem jeden von uns ein Maß zur Vollendung.
Ein gutes, gesegnetes Neues Jahr!
Metropolit Augoustinos von Deutschland