Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Das Ende jedes Jahres bedeutet den symbolischen Abschluss eines Zyklus im Leben eines jeden von uns und gewährt uns eine wunderbare Gelegenheit, geistig den Zeitverlauf rückwärts zu verfolgen und die Ereignisse des vergangenen Jahres zu bilanzieren, sie zu würdigen und den Weg in das bevorstehende Jahr zu planen. Diese geistige Rekapitulation trägt zu unserer Selbsterkenntnis bei und zielt auf die Verwirklichung der Botschaft des heutigen Evangeliums: "Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade Seine Pfade" (Mk1,3).
Wenn diese Selbsterkenntnis das Resultat einer mühsamen und gewissenhaften Selbsterforschung ist, hilft sie dem Menschen, sich seiner Grenzen bewusst zu werden. Diese Grenzen setzt ihm seine geschaffenes Wesen, innerhalb dessen er berufen ist, sich mit Hilfe der ihm von Gott gegebenen Freiheit zu bewegen, einer Freiheit, die absolut ist, sofern unser Weg uns zu Gott führt. Die Selbsterkenntnis verhilft aber auch dazu, sich mit den Fehlschlägen im Leben eines jeden, den persönlichen Sünden zu konfrontieren. Diese Fehlschläge behindern unsere freie Bewegung, verlangsamen den Weg des Menschen oder bringen ihn zum Stillstand, schränken seine Freiheit ein.
Wir dürfen die Sünde nicht legalistisch betrachten. Die Sünde ist eine Verfehlung, ein Hindernis für die Ausübung der Freiheit, eine Versklavung. Die Sünde selbst ist unsere Strafe, denn sie nimmt uns die Möglichkeit, auf unserem Weg zu unserem Bildner und Schöpfer voranzuschreiten. Die Sünden sind jene Hindernisse, mit denen wir Menschen uns den Weg zu Gott versperren und Gott nicht erlauben, zu uns zu kommen. Um wiederum ein Bild des heutigen Evangeliums zu benutzen: Die Sünde kultiviert in unserer Seele die Wüste, in der die Stimme des Herrn, mag sie auch noch so laut schallen, kein Gehör findet (Mk 1,3). Die Sünde ist das Bleigewicht, das uns an die Erde fesselt und uns verwehrt, uns zum Himmel emporzuschwingen und zu Gott zu gelangen.
Unser Wesen ist so beschaffen, dass es in sich eine Neigung zur Verfehlung hat, die Neigung zur Sünde. Doch kann die Erkenntnis des von ihr verursachten Schwundes wohltätig wirken. Ich meine damit, dass jeder von uns aus seinen Fehlern vielfältige Lehren ziehen kann, die ihm dazu verhelfen werden, in Zukunft diese oder ähnliche Verfehlungen zu vermeiden. Unsere Kraft wird mittels unserer Fehler vollendet, und so wird sich unsere freie Bewegung kraftvoll dem Willen unseres Schöpfers zuwenden.
Lasst uns also die wenigen Stunden, die uns bis zum Ende dieses Jahres noch verbleiben, darauf verwenden, uns zu besinnen, wie weit wir uns im vergangenen Jahr unserem Gott genähert haben. Und lasst uns unsere Verfehlungen, unsere Sünden, erkennen, um aus ihnen Lehren zu ziehen und diese Lehren zukünftig als Waffen gegen den zu kehren, der sich unserem Weg widersetzt. Der Nutzen wird groß sein.
Für das kommende Jahr 2001 wünsche ich uns allen die Fülle jener Güter, die nur Gott uns geben kann.
In väterlicher Liebe
Ein gutes, gesegnetes Neues Jahr!
Metropolit Augoustinos von Deutschland