Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Wir stehen bereits am Anfang des zweiten Jahres des 21. Jahrhunderts. Und wie zu Beginn eines jeden neuen Jahres kann auch dieses Mal wieder jeder das vergangene Jahr bilanzieren und das kommende planen. Und das auf zwei Ebenen: Auf der persönlichen Ebene mit der Revision persönlicher Ziele und Pläne und auf der gesellschaftlichen Ebene mit der Prüfung kollektiver Ziele und Visionen breiterer gesellschaftlicher Schichten.
Wenn wir die gesellschaftliche Wirklichkeit betrachten, stellen wir fest, dass das, was mit Beginn des Jahres 2001 als hoffnungsvoller Auftakt begonnen hat, in einen Alptraum versunken ist. Insbesondere die Ereignisse der letzten vier Monate haben viele Erwartungen und zahlreiche Utopien zunichte gemacht. Erneut lernte die Menschheit den mannigfaltigen Schrecken kennen, den die Arroganz des Bösen (vgl. Rom 1,30) verbreitet, gleichgültig, ob es in der Gestalt der Legalität oder der Illegalität auftritt. Dieses Böse ist nicht apersonal oder unbestimmt, dass man es mit Kunststücken und Beschwörungen bekämpfen könnte, sondern personal und konkret. Um ihm zu begegnen, bedarf es gesunder Augen, die sehen können, und wacher Herzen, die wahrnehmen und handeln können.
Letztlich lautet die Frage, die sich hinter der Deutung der Ereignisse verbirgt: Gibt es noch Ziele und Visionen für die Menschen auf unserem Planeten? Darf der Mensch noch träumen? Oder hat die sogenannte Entwicklung in ihrem Erfindungsreichtum den Traum zum Alptraum verkehrt und die Welt in mutmaßlich Privilegierte und tatsächlich unschuldig Leidende geteilt? Das Unrecht erleiden wir oft genug, wie der Dichter sagt, von der Wiege an. Wir erleben den Terror, den die Missachtung der Würde des Menschen und der existentiellen Sicherheit bedeutet. Wir erleben den Furor religiöser Unduldsamkeit und willkürlichen Fanatismus. Und was das Schlimmste ist: Einige von denen, die sich selbst vorgeblich in den Dienst der Verteidigung der Schönheit der Welt und des Lebens gestellt haben, haben uns kürzlich das erste gelungene Experiment des Clonens von menschlischen Zellen präsentiert. Bewegen wir uns in dieser Spanne zwischen dem Abgrund des Untermenschen und dem Zenit des Übermenschen? Ist es so, wie es uns das alte orientalische Märchen lehrt: als ob wir alle das Wasser der Torheit getrunken hätten und nun gezwungen wären, einander an Unverstand zu überbieten, nachdem wir jeden Sinn für Maß und Unterscheidung verloren haben?
Hier mag sich jemand fragen: Steht es wirklich so verzweifelt schlecht um uns und die Welt? Gibt es keinerlei Widerstand, kein Licht, das Dunkel unserer Tage zu erhellen?
Aber gewiss, es gibt solchen Widerstand und solches Licht! Stets gibt es diejenigen, die die Substanz unsere menschlischen Natur unversehrt, das Ethos authentisch bewahren. Es sind diejenigen, die sich, ein jeder an seinem Ort, dafür einsetzen, aufzurichten, wo andere niederreißen, Abgründe zu überwinden und das Getrennte zu versöhnen. Ein Beispiel für solche Überwindung von Trennung erleben wir von heute an in der monetären Vereinigung der meisten Länder der Europäischen Gemeinschaft. Diese Vereinigung ist nichts anderes als ein Zeichen für den bewussten Versuch, sich einander anzunähern, einander kennezulernen, das Fremde zu verstehen und in Harmonie zusammenzuleben. Die Botschaft dieser Tage ist für uns alle: Lasst uns das Schema von Schwarz-Weiß und Gut-Böse aufgeben. Lasst uns aufhören, die Wirklichkeit in ein dualistisches System zu zwängen und einer bequemen Passivität zu huldigen. Lasst uns stattdessen unsere Herzen öffnen durch Opferbereitschaft und Liebe und mit unserer Tatkraft dazu beitragen, im Alltag unseres Lebens die Schönheit der Welt zu entdecken. Der hl. Johannes Chrysostomus drückt das mit dem Wort aus: "Ein einziger Mensch kann im Feuer seines Eifers ein ganzes Gemeinwesen retten". Dieses Wort beschreibt genau, welch ungeheure Fähigkeiten zu helfen jeder von uns in sich birgt. Dieses Vermögen liegt ganz bei uns, in der Selbsterkenntnis und in der geeigneten Vorbereitung, also in Dingen, um die wir Christen in jener Werkstatt ringen, die wir Kirche nennen, und die wir doch als Geschenke des Heiligen Geistes empfangen. Die Sakramente der Kirche haben keinen anderen Sinn als den, uns das Gleichgewicht wiederzugeben, unseren Willen zu festigen, uns mit der geeigneten geistlichen Waffenrüstung (vgl. Eph 6,10 ff.) auszurüsten und instandzusetzen, geradeso wie unser Herr Jesus Christus gewollt hat, das Licht und das Salz der Erde (Mt. 5,13 f.) zu sein. Als Christen sind wir verpflichtet, voranzugehen, die Initiative zu ergreifen, insbesondere durch das Beispiel unseres Lebenswandels, der Wahrheit zu dienen und die fade, ungesäuerte Wirklichkeit unserer Welt mit dem Sauerteig des Reiches der Himmel zu säuern und schmackhaft zu machen. Uns obliegt es, "uns durch gute Taten auszuzeichnen" (Tit 3,8), Quellen der Inspiration und Zeugen dafür zu sein, dass das Leben den Tod überwunden hat. Je bewusster wir unseren Glauben erfahren, desto größer ist unser Beitrag zur Erneuerung der Welt.
Das also ist das Ziel, das wir uns zu Beginn des Neuen Jahres setzen können: dass jeder von uns seinen Beitrag dazu leistet, die Welt in uns und um uns herum ihrer eigenen, ursprünglichen Schönheit zuzuführen. Ich bitte Gott, uns zu gewähren, dass wir alle die Zeichen der Zeit verstehen, dass wir unsere Berufung erneuern (vgl. Eph 3,23) und von jetzt an unseren Teil am Reich Gottes ergreifen (vgl. 2 Petr 1,10 f.).
Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes und gnadenreiches Neues Jahr!
In väterlicher Liebe
Metropolit Augoustinos von Deutschland