Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Am achten Tag nach der Geburt unseres Herrn gedenken wir Seiner Beschneidung.
Dieses Ereignis ist eine weitere Bestätigung Seiner wahrhaften Menschwerdung.
Die Beschneidung, Zeichen der Hingabe an Gott nach der alttestamentlichen
Überlieferung (Gen 17,9-14), ist eine weitere Stufe der Entäußerung
des Herrn (Phil 2,7-8) zum Heil der Menschen. Das Evangelium des Heutigen
Tages verbindet die Beschneidung mit der Namensgebung. Welchen Namen hat
der Herr empfangen? Der Evangelist Lukas sagt es uns: "Und es wurde Ihm der
Name Jesus gegeben" (Lk 2,21). Dieser Name hat, wie alle biblischen Namen,
eine Bedeutung. Was bedeutet der Name unseres Herrn? Er bedeutet: Gott ist
unser Heil. Dieses Wort erinnert uns an das, was der Enge! wenige Tage zuvor
den Hirten verkündet hat: "Ich verkünde euch eine große Freude,
die allem Volk widerfahren wird. Denn heute ist euch der Heiland geboren:
Christus, der Herr" (Lk 2,10-11).
Meine erste Frage lautet: Brauchen wir Erlösung? Und wenn ja, durch
wen und von was? Darauf möchte ich antworten: Die gesamte Menschheitsgeschichte
belegt: Wenn der Mensch den Sinn seines Daseins, d. h. seinen Gott, verloren
hat, wird er sich selbst und den anderen zum Feind. ("Der Mensch ist des
Menschen Wolf", wie es der antike Schriftsteller Plautus klassisch formuliert
hat.) Und er wird darüber hinaus zum Opfer seines schlimmsten Feindes,
des Todes oder des Verlustes der Welt. Also bedürfen wir der Erlösung.
Einer Erlösung, die allerdings nur Der gewähren kann, der uns
aus Liebe nach Seinem Bild, d. h anders als die gesamte übrige Schöpfung,
erschaffen hat (Gen 1,26 ff.).
Meine zweite Frage lautet: Können wir denn, kann denn jeder von uns
ganz persönlich gerettet werden?
Meine Antwort darauf: Gewiss ja, aber unter einer Bedingung. Und diese
Bedingung ist, dass wir sie aufrichtig und aus freien Stücken ersehnen.
Nichts von dem, was den Menschen ausmacht, achtet Gott mehr als die Freiheit,
die Er selbst ihm geschenkt hat. Was heißt das: die Erlösung
ersehnen? Es heißt: Ihn so lieben zu wollen, wie Er uns liebt. Und
wie hat Gott uns geliebt? Er hat uns „so geliebt, dass Er seinen eingeborenen
Sohn dahingab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern
das ewige Leben habe“ (Jo 3,16; vgl, Lk 19.10)
Meine dritte und letzte Frage lautet: Glauben wir denn an Gott? Und wenn
ja, erscheint unser Glaube in Taten der Liebe (Gal 5,6), oder bleiben wir
letztlich kalt und indifferent? Die Antwort auf diese Frage kann jeder nur
für sich geben, wenn er sich selbst aufrichtig erforscht (2 Kor 13,5).
Meine Hoffnung besteht darin, dass wir uns in diesem Jahr, dessen Schwelle
wir soeben überschritten haben, diesen innigen Zusammenhang von Gott,
Glaube und Erlösung zu eigen machen und ihm in der Liebe zu unserem
Heiland Jesus Christus entsprechen. Das Wort, das diesen Zusammenhang präzis
beschreibt, ist das Wort "Umkehr". Ohne beständige Umkehr kann es weder
Glaube noch Erlösung geben.
Ich bete darum, dass wir die Chance, die auch dieses Jahr bedeutet, in
diesem Sinne nutzen und so unserem eigenen Leben ebenso wir dem unserer
Nächsten und dem Leben der ganzen Welt die ursprüngliche Schönheit
zurückgeben.
In väterlicher Liebe
Metropolit Augoustinos von Deutschland