Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Mit Gottes Hilfe können wir uns in diesen Tagen ganz besonders der
Erfolge der Medizin, der Erhöhung des Lebensstandards und der Verbesserung
der sozialen Verhältnisse in unserer Heimat Europa rühmen. Die
Lebenserwartung ist deutlich gestiegen, und der Wohlstand vermehrt die Lebensqualität.
Wir alle sind damit einverstanden, der Jugend den Vorrang zu geben und alles
dafür zu tun, die Lebenszeit zu verlängern. Gleichzeitig führt
der wirtschaftliche Fortschritt die Menschen in neue, teils wirkliche, teils
vermeintliche Zwänge. Der Konsumzwang ist dafür ein gutes Beispiel.
Die Anhäufung von in den meisten Fällen unbrauchbaren oder überflüssigen
Gütern verleiht uns die Illusion der Macht. Je mehr ich besitze, heißt
es, desto größer ist meine Sicherheit, desto höher meine soziale
Stellung.
Aber diese Kriterien, an denen wir heute gemessen werden, Reichtum und sein
möglichst lang währender Genuß, sind nichtig und trügerisch,
wenn wir sie verabsolutieren. Wenn wir einerseits akzeptieren, daß die
genannten Faktoren Fortschritt bedeuten, so müssen wir doch andererseits,
wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich sind, ergänzen, daß
sie allein unser Glück nicht gewährleisten können. Wie könnte
man sonst den Umstand erklären, daß insbesondere in den sogenannten
hochentwickelten Ländern die Suizide, die seelischen Krankheiten und
die Flucht in Rauschmittel insbesondere unter jungen Menschen, denen es jedenfalls
theoretisch an nichts gebricht, mit stark steigender Tendenz zunimmt? Die
Qualität eines Menschen hängt demzufolge nicht davon ab, was er
hat, sondern davon, was er ist. Das, was dem Menschen Wert gibt und ihn in
der ganzen Schöpfung einzigartig macht, ist die Art und Weise, wie er
seinem Leben Sinn gibt bzw. woran er glaubt. Wenn unsere Perspektive auf die
Erde begrenzt ist, würden auch hundert Lebensjahre in Wohlstand möglicherweise
nur ein Martyrium in Elend und Unzufriedenheit sein. Wenn sich dagegen unsere
Perspektive auf die Ewigkeit hin öffnet - und das ist etwas, wonach
sich jeder Mensch zutiefst sehnt, nämlich nach der Unsterblichkeit,
die Gottes Liebe uns schenkt – dann können auch viel weniger Lebensjahre
Jahre des Gelingens voller Kreativität sein.
Jemand hat einmal sehr klug gesagt: Sag mir, was du glaubst, damit ich dir
sage, was für ein Mensch du bist. Unsere Ehre und unsere Verantwortung
ist unser Glaube an den dreieinigen Gott der Liebe, der uns von unseren Lebenslügen
befreit, der uns zur Verantwortung befähigt, der unsere Freiheit respektiert
und der nichts sehnlicher wünscht als unsere Erlösung. Er erwartet
also von uns, daß wir mit Ihm zusammenwirken, damit wir selbst sowohl
in diesem Leben als auch in alle Ewigkeit unseres wahren Menschseins gewürdigt
werden.
Mein väterlicher Wunsch am Anfang dieses neuen Jahres 2004 ist also,
daß wir nicht halbe Menschen bleiben, die ihr Herz nur an äußerliche,
vergängliche Dinge hängen, sondern daß wir in unserer heiligen
Kirche die Freude des ungeteilten Menschseins erleben, daß wir
den Kern des Lebens erkennen und im Frieden um unsere personale Entfaltung
ebenso ringen wie um die Umgestaltung der Welt in eine Welt schöpferischer
Hoffnung und tatkräftiger Liebe.
In der Liebe Christi
Metropolit Augoustinos von Deutschland