Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Aus dem dynamischen Gang der Menschheitsgeschichte greifen die Historiker verschiedene Ereignisse heraus, die entweder Grund zur Freude oder zum Schmerz geben. Ein schmerzlicher Meilenstein in unserer Geschichte war die erste Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer im Jahre 1204. Christen, die sich vom Westen her aufmachten, das heilige Land von den islamischen Eroberern zu befreien, wandten sich auf dem Weg dorthin gegen die Christen des Ostens. Konstantinopel wurde geplündert und unter anderem wurden die Gebeine der großen Bischöfe und Kirchenväter Gregors des Theologen und Johannes Chrysostomus nach Rom übertragen.
Dieses Ereignis hat die Seele der orthodoxen Christen wie eine offene Wunde für ganze 800 Jahre gezeichnet, bis kurz vor Ende des Jahres 2004 die Gebeine der Heiligen, nach einer entsprechenden Bitte unseres Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios, vom Papst Johannes Paul II. zurückgegeben wurden und feierlich in der Kathedrale des Patriarchats, dessen Erzbischöfe sie waren, einen ehrenvollen Platz gefunden haben. Die Wiedergabe der Gebeine wurde zu Recht von allen als Heilung der schmerzvollen Erlebnisse der Vergangenheit und als Beitrag zur fortschreitenden Wiederherstellung der Beziehungen beider Kirchen, die immer noch getrennt sind, begrüßt. Die Freude aller orthodoxen Christen darüber ist unbeschreiblich. Mit den Worten unseres Patriarchen: Ab jetzt weilen die Heiligen auch körperlich unter uns als große Stütze, Stärkung und Trost besonders in unseren Tagen mit ihren Übermaß an Leid. So schloß das alte Jahr mit einem einzigartigen Segen, der uns nicht nur im neuen Jahr, in das wir heute eintreten, sondern mit Gottes Hilfe für immer begleiten wird.
800 Jahre mußten vergehen, bis diese Wunde geheilt wurde.
Daraus erwächst noch etwas anderes Wesentliches und Nützliches.
In den zwischenmenschlichen Beziehungen erleben wir oft Enttäuschungen
bis hin zur Verzweiflung, wenn wir fühlen, dass wir die Dinge nicht mehr
zum Besseren wenden können. Die Wunden sind oft so tief, dass wir Angst
haben, sie würden nie heilen. Die Folge ist, dass in uns das Gefühl
der Resignation, der Bitterkeit oder - noch schlimmer - des Hasses und der
Rache aufkommt. Tatsächlich sind einige Lebensumstände so ausweglos,
dass wir nicht darüber hinwegkommen können. Hilfe und Stütze
bietet die Zeit, in der wir die Geschehnisse verarbeiten und nach Lösungen
suchen. Auch wenn dies manchmal fälschlicherweise behauptet wird, heilt
die Zeit an sich keine Wunden, denn wenn wir der Realität nicht ins Auge
sehen, sondern nur mit uns selbst Versteck spielen, werden keine Probleme
gelöst, wieviele Jahre auch immer vergehen mogen. Es einzig auf die Zeit
ankommen zu lassen, heißt: uns der Heillosigkeit ausliefern.
Demzufolge ist es allein die Wahrheit Christi, die uns die Chance
einer wirklichen Heilung unserer seelischen Wunden bietet: zu vergeben und
um Vergebung bitten. Das bedeutet, die Erinnerung nicht als Waffe gegen unsere
Schuldiger oder gegen uns selbst einzusetzen, sondern als wertvolle Erfahrung
für die Zukunft zu nutzen. Darüber hinaus sollten wir den Mut aufbringen,
unsere Unvollkommenheiten anzuerkennen und bereit zu sein, unsere Fehler zu
korrigieren, indem wir mit größerer Konsequenz unserer Verantwortung,
zu lieben, gerecht werden.
Dies ist mein väterlicher Wunsch für uns alle. Im neuen Jahr 2005 so viele wie mögliche offenstehende und als Last empfundene Kapitel unseres Lebens zu schließen und frei von seelischen Verstrickungen uns zu öffnen für die Schönheit unserer befreiten Seele!
In der Liebe Christi
† Metropolit Augoustinos von Deutschland