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NEUJAHRSbotschaft 2006

des Metropoliten Augoustinos
 von Deutschland
und Exarchen von Zentraleuropa

Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!

Die Kirche feiert heute das Gedächtnis des hl. Basilius des Großen, Bischofs von Kaisareia in Kappadokien. Dieser Bischof ist eine der bedeutendsten Gestalten der Kirche des 4. Jahrhunderts. Sein vielseitiges Wirken macht ihn zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten aller Zeiten. Auf einzigartige Weise hat er Wort und Tat miteinander verbunden. Seine theologische Leistung im Kampf der Kirche gegen die Irrlehren und um die Bewahrung der Einheit des wahren Glaubens war so wesentlich, daß er sich dem Bewußtsein der Kirche als Vater und “Lehrer des Erdkreises” eingeprägt hat. Sein pastorales Engagement war so vielseitig, daß es bis heute ein Modell geblieben und geradezu sprichwörtlich geworden ist, besonders im Hinblick auf den Komplex wohltätiger Einrichtungen zur Behandlung der Leiden mittelloser Menschen, der unter dem Namen “Vasilias” bekannt wurde.

In einem Brief an einen Mitbruder schreibt der hl. Basilius folgenden erschütternden Satz: “Groß ist unter uns der Hunger nach Liebe, hochwürdiger Bruder. Und die Ursache dafür ist offenkundig, daß durch das Anwachsen der Gesetzlosigkeit die Liebe der vielen erkaltet ist.“

Das Erschütternde an dieser Feststellung des hl. Basilius ist ihre Aktualität. Auch in unseren Tagen hat die Gesetzlosigkeit überhandgenommen. Siebzehn Jahrhunderte nach Basilius sind die menschlichen Beziehungen trotz allen bisher gemachten Fortschritts so sehr in die Krise geraten, daß die Einsamkeit zum Problem Nummer eins geworden ist. Wir haben die Grenzen unseres Sonnensystems erreicht, aber wir haben es verlernt, nicht nur mit unserem Nachbarn, sondern in vielen Fällen sogar mit uns selbst in Beziehung zu treten. Wir haben Treibhäuser und Wärmeflaschen erfunden, aber gleichzeitig zugelassen, daß unsere Herzen durch die Trennung von Gott und den Mitmenschen und die Gefangenschaft im Labyrinth unserer Selbstverwirklichung zu Eis gefroren sind. Wir sorgen uns hingebungsvoll darum, viel zu haben, und versäumen es gänzlich, uns darum zu sorgen, etwas zu sein.

Gleichwohl erscheint inmmitten dieser pathologischen existentiellen Einsamkeit ein heilsamer Widerstand. Unsere Seele sehnt sich zutiefst nach ihrer Befreiung, nach einer Öffnung, die es ihr ermöglicht, ihre Freuden und Leiden mitzuteilen. “Ein Leben, das sich nicht mitteilt, ist ein gestohlenes Leben”, sagt der Dichter. Wieviele Mittel ersinnt nicht der Mensch, um seinen Hunger nach Liebe zu stillen! Wenn er Gott aus der Mitte seines Lebens verbannt hat, versucht er sich mit billigem Ersatz zu sättigen. Mit der Selbsttäuschung, “alles sei erlaubt”, stellt er der Liebe nach, sei es in billiger Kopie oder, was schrecklicher ist, in ihrer Perversion. Deshalb bleibt ihm am Ende nur die Bitterkeit der Enttäuschung oder das Gefühl eines ungestillten Hungers.

Gott selbst schafft hier Abhilfe, denn Gott ist Liebe, und die Verbindung mit ihm ist Erfahrung der Liebe. Das tägliche, das wesentliche Brot, das er uns darbietet, ist nicht nur das lebensnotwendige Brot, sondern die Nahrung, die uns zur Liebe befähigt. Das Brot des Lebens, Jesus, der Christus, schenkt uns, wenn wir es wollen, die unverfälschte, die wahre Liebe. Er offenbart uns ihre schöpferischen Kräfte, mit anderen Worten: gesundes Selbstbewußtsein, aufrichtige Selbstkritik, liebevolle Kritik meiner Mitmenschen, Opferbereitschaft und beständige Erneuerung dank des fortwährenden Geheimnisses der Vergebung und der Gabe neuer Gelegenheiten der Bewährung für uns selbst und für die anderen.

Darin besteht mein väterlicher Wunsch für dieses neue Jahr: Daß keines Menschen Hunger nach Liebe ungestillt bleibe und wir alle ihre Süße in den kleinen und doch so bedeutenden Siegen unseres alltäglichen Kampfes erfahren mögen. Die Kirche steht uns zur Seite, indem sie uns inspiriert, ermutigt und stärkt. Unsere Devise für das Jahr 2006: Vom Hunger nach Liebe zur Erfahrung der Liebe durch die Nähe Gottes, der die Liebe ist!

 Ein gutes, gesegnetes Neues Jahr!

Euer

† Metropolit Augoustinos von Deutschland


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