Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Unter dem Namen des Chilon von Sparta, eines der Sieben Weisen des antiken Griechenlands, ist uns das Wort „Sei sparsam mit der Zeit!“ überliefert. Dieses Wort kommt mir gerade an diesem Tag in den Sinn; denn der Neujahrstag, die Schwelle zwischen zwei Jahren, ist wie kein anderer Tag des Jahres dazu angetan, uns zu veranlassen, unser Verhältnis zur Zeit zu überdenken.
Das geschieht zumeist und zunächst in Form einer Bilanz des vergangenen sowie der Planung des gerade beginnenden Jahres. Wir denken an Worte und Taten, Errungenschaften und Unterlassungen der Vergangenheit und fassen Vorsätze, die uns helfen sollen, nicht noch einmal dieselben Fehler zu machen und die Qualität unseres Lebens und des Lebens der uns anvertrauten Menschen, sei es auch nur in geringem Maß, zu verbessern. Außerdem bedeutet der Vorübergang eines Jahres auch den Verlust eines Lebensjahres eines jeden von uns. Doch zugleich gewinnen wir auch Erfahrungen, aus denen wir, wenn wir klug sind, kostbare Lebenserfahrung schöpfen können.
Doch was bedeutet tatsächlich für uns Christen jene alte Maxime, die uns gebietet, unsere Zeit nicht zu vergeuden? Wann und wie gebrauchen wir Christen unsere Zeit richtig? Die Antwort auf diese Frage gibt uns der hl. Apostel Paulus (Eph 5,15-20), wenn er uns ermahnt: „Achtet also sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt … Nutzt die Zeit, denn die Tage sind böse“. Wann gebrauchen wir unsere Zeit richtig? Wenn wir mit Verstand und Weisheit leben. Und wie sollen wir das verwirklichen? Indem wir dafür Sorge tragen, in jedem Moment unseres Lebens zu bedenken, was Gott von uns will. Indem wir uns nicht mit dem Geist des Weines, sondern mit dem Geist Gottes erfüllen. Indem wir schließlich voller Freude und Dankbarkeit gegen unseren Herrn an den Gottesdiensten der Kirche teilnehmen – voller Freude und Dankbarkeit über alles, was seine Liebe uns schenkt.
Vielleicht befremden uns diese Gedanken, weil es uns schwierig erscheint, sie in die Tat umzusetzen. Heimlich akzeptieren wir jedoch, dass alles kommt, vergeht und zunichte wird. Es gibt nur eine Möglichkeit, der Verzweiflung angesichts der alles mit sich reißenden Vergänglichkeit der Zeit zu entkommen: unsere Teilnahme an jenem Ereignis, das wir „Kirche“ nennen. Denn in der Kirche geschieht es, dass die Zeit der Verzweiflung in die Zeit der Hoffnung verwandelt wird. In der Kirche werden wir von jeder Negativität unserer eigenen Vergangenheit befreit und lernen wir, mit der Gegenwart und der Zukunft auf rechte Weise umzugehen. In der Kirche erinnern wir uns nicht etwa nur an unseren Schöpfer. Vielmehr werden wir im Sakrament der Eucharistie mit ihm vereint und begreifen so, dass das Ende unseres zeitlichen Lebens auf Erden nicht unser endgültiges Ende, sondern unser Übergang zum ewigen Leben ist.
Darin gerade besteht das Neue und Einzigartige, das Christus uns schenkt. Nicht ein vergängliches Leben ohne Sinn und Ziel, sondern ein fruchtbares Leben, erfüllt von Gnade und Schönheit. Es geht also nicht darum, wie viele fälschlich annehmen, sich lediglich der Sünde zu enthalten und gewisse Gebote zu befolgen, sondern darum, bewusst am Leben Christi teilzunehmen und sich an seinem Urbild zu orientieren. Unser Gewinn wird sein, dass wir wirklich in Freiheit leben werden, befreit vom Druck und von der Angst des alltäglichen Lebens und bewahrt in der Liebe Gottes, die aller Dinge Ursprung und Ziel ist.
Es ist mein von Herzen kommender väterlicher Wunsch für das kommende Jahr 2007: dass wir uns bemühen, in jedem Augenblick unseres Lebens zu erkennen, was Gott von uns will, und ihm die Erfüllung seines Willens in Einfalt und Liebe darzubringen, und so die Zeit unseres Lebens wahrhaft zu gewinnen.
Ein gutes, gesegnetes Neues Jahr!
Bonn am 1. Januar 2007
† Metropolit Augoustinos von Deutschland