Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
der Jahreswechsel symbolisiert das Ende eines alten und den Anfang eines neuen Kapitels unseres Lebens. Deshalb gibt es in dem Land, in dem wir seit Jahrzehnten leben, den – wie ich finde - guten Brauch, die Bilanz des vergangenen Jahres zu ziehen und sich für das neue Jahr die Verwirklichung derjenigen Ziele vorzunehmen, die man entweder im vergangenen Jahr nicht erreichen konnte oder die man für die Zukunft als vorrangig erachtet. Unsere Vorsätze können durchaus bescheiden sein. Die meisten von uns möchten vielleicht weniger essen und trinken, das Rauchen einstellen oder sich mehr bewegen – also ganz einfache Dinge.
Nur ganz wenige werden sich vornehmen, im kommenden Jahr kirchlicher zu leben. In diesem Punkt werden mir gewiss alle zustimmen. Doch haben wir uns jemals gefragt, warum das so ist?
Wir Orthodoxen sind in der Tat eine besondere Kategorie von Christen. Die meisten von uns sind sich ihres Glaubens so sicher, dass sie sich dieses Glaubens nur zweimal im Jahr vergewissern müssen: Weihnachten und Ostern. Einige spüren dieses Bedürfnis höchstens noch am 15. August, dem Fest des Entschlafens der Gottesgebärerin; aber das auch nur, wenn sie nicht gerade in den Urlaub gefahren sind oder sich an einem Ort befinden, an dem es keine orthodoxe Kirche gibt. Glauben Sie nur nicht, dass ich jetzt klagen will; im Gegenteil! Das Gebet, der Lobpreis Gottes, ist vor allen Dingen ein Ausdruck der menschlichen Freiheit und kann deshalb nicht Gegenstand von Gesetzen oder Vorschriften werden. Ich bin glücklich, wenn wir unser Verhältnis zur Kirche bewahren, und sei es auch nur zweimal im Jahr. Andererseits muss man auch sagen: Wir verlieren sehr viel, wenn wir nicht an den Gottesdiensten unserer Kirche teilnehmen.
Alle diese Gottesdienste, insbesondere natürlich die sonntägliche Göttliche Liturgie, sind „Liturgien“ im buchstäblichen Sinn des Wortes: Werke des Volkes Gottes, die sich an Gott richten. Unser dreieiniger Gott erwartet von uns ebenso, wie es jeder Vater von seinen Kindern erwartet, dass wir ihn an dem Tag, an dem wir uns vom Alltag ausruhen, besuchen; dass wir für alles danken, was er in der vorangegangenen Woche für uns getan hat. Es ist nicht zufällig, dass das große Mysterium, das an jedem Sonntag in der Kirche gefeiert wird, „Eucharistie“, also „Danksagung“ genannt wird. Wir danken ihm für alles, was er uns so freigiebig gewährt: für unser Leben, für das tägliche Brot, für alle seine Wohltaten. Ich glaube, niemand von uns hat die Absicht, Gott, seinem Vater, undankbar zu sein. Eine andere Bezeichnung des sonntäglichen Mysteriums ist „heilige Kommunion“, also „heilige Gemeinschaft“, denn durch die Teilnahme an Leib und Blut Christi kommt der Mensch mit Gott, dessen Leib und Blut er „kommuniziert“, ebenso in Berührung, in Gemeinschaft, wie mit seinem Mitmenschen; denn wir alle empfangen unterschiedslos aus demselben Kelch. Wie wichtig diese Gemeinschaft mit Gott und dem Mitmenschen ist, verstehen wir noch besser, wenn wir bedenken, dass wir in einer Zeit der Einsamkeit und der Isolation leben, und das mit all den negativen Konsequenzen, die sich daraus ergeben.
Die heilige Eucharistie oder heilige Kommunion bindet uns enger an Gott und die Menschen. Sie vereinigt uns mit ihm und untereinander. Die Sendung der Kirche besteht darin, uns Gott und den Mitmenschen näher zu bringen. Diese Nähe bedeutet Erlösung und Errettung von allen Bösen und von allem Bösen. Und diese Aufgabe hängt – das ist wichtig – nicht von der Person oder dem jeweiligen Priester, gewiss auch nicht vom Bischof ab, sondern einzig und allein von unserer positiven Einstellung gegenüber Gott und unseren Mitmenschen.
In diesem Jahr möchte ich gern die meisten von Ihnen davon überzeugen, in eine engere Beziehung mit der Kirche einzutreten. Und das ist nicht nur ein Wunsch, sondern meine dringende Bitte an Sie alle: Verzichten Sie nicht leichtfertig auf etwas, das Ihnen nützt und so reichlich angeboten wird.
Ich wünsche Ihnen für das Neue Jahr alle Güter Gottes.
Bonn am 1. Januar 2008
† Metropolit Augoustinos von Deutschland