“Alles ist von Freude erfüllt
durch die Erfahrung der Auferstehung.“
Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Freude hatte uns schon die Geburt Christi bereitet, denn sie bedeutet, daß
unser Erlöser für uns geboren wurde. Welchen Wert hätte diese
Geburt, wenn sie nicht unserer eigenen Geburt, unserem eigenen Leben Sinn
gegeben hätte? Aber welchen Wert hätte eine Erlösung, wenn
sie uns nicht darüber hinaus von der Furcht und dem Schatten unseres
eigenen Todes befreit hätte? Das ist es, warum gerade heute unsere Freude
vollkommen wird: Christus hat dem Tod seine Macht genommen. Er hat das schreckliche
Ende, das der Tod ist, zu einem Aufstieg ins Licht verwandelt, hat an die
Stelle seiner unerbittlichen Endgültigkeit den Anfang ewigen Lebens gesetzt.
Der in Bethlehem geboren und in Jerusalem begraben wurde, unser Herr und
Gott, hat durch seine Auferstehung den Ort der Verwesung, das Grab, zum Ursprung
der Unverweslichkeit und der Freude gemacht.
In diesem Moment wird alles von Freude überstrahlt. Alles ist jetzt
frei. Es gibt kein Ende mehr. Allein die Kraft der göttlichen Liebe hat
die physischen Grenzen des Lebens der Kinder Gottes überwunden und die
verzweifelten Versuche der Wissenschaft, dem Leben durch Klonen Ewigkeit zu
verleihen, überflüssig gemacht.
Dennoch stellt sich uns eine brennende Frage: Wie ist es möglich, diese
Freude zu erfahren? Wie können wir den Zweifel aus unserem Herzen verbannen
und in Freiheit leben? Die Antwort lautet: nur durch die persönliche
Erfahrung der Auferstehung. Das ist die Erfahrung der salbentragenden Frauen
im Anblick des leeren Grabes. Wenn wir die Auferstehung wirklich erleben wollen,
so müssen wir das zuerst wollen und uns dann von den Fesseln unserer
Bequemlichkeit befreien. Wir müssen unseren Geist und unser Herz von
uns liebgewordenen Vorurteilen befreien. Was sind wir nicht alles bereit
zu glauben, welch kleine und unbedeutende Dinge! Wir tun dies, weil es leicht
ist und zu nichts verpflichtet. Aber wir ahnen auch: Wenn wir den Auferstandenen
mit unseren eigenen Augen sehen wollen, so nicht ohne Entschlossenheit, ohne
Verantwortung für unser Tun, ohne “den guten Kampf zu kämpfen“.
Hinter jeder menschlichen Erfahrung verbirgt sich eine Handlung, eine Tat.
Die Erfahrung der Auferstehung ist keine Angelegenheit individueller Beliebigkeit.
Die Auferstehung erschließt sich jedem von uns nur in jener Gemeinschaft,
in jenem gemeinsamen Handeln, in jenem gemeinsamen Leben, in jener Gemeinschaft
par excellence, die wir “Kirche“ nennen.
Wir erfahren die Auferstehung, die höchste Offenbarung der göttlichen
Liebe, wenn wir den Mut haben, das lebenslange Wagnis der Liebe frei zu wählen:
Gott, die Menschen und die ganze Welt zu lieben. Liebe ist kein Slogan, sie
wird nicht fertig verpackt verteilt. Liebe ist eine Fähigkeit und eine
Gabe. Fähigkeit, weil sie ein persönliches und gemeinschaftliches
Handeln voraussetzt. Gabe, weil sie zu ihrem Gelingen der Gnade Gottes, der
selbst Liebe ist, bedarf.
Auf diese Weise werden auch wir zu heutigen Zeugen der Auferstehung, empfängt
unser Leben den Reichtum und die Fülle einer Freude, die keine Macht
der Welt uns je entreißen kann. Auch nicht in jenen schweren Stunden,
in denen wir als Menschen an unsere Grenze stoßen und verzweifeln. Die
existentielle Erfahrung der Auferstehung ist jenes Geheimnis, das uns das
wahrhaft selige Leben schenkt.
Laßt uns ein Leben der Auferstehung führen, ein Leben in Freude,
ein Leben in Fülle, ein Leben mit Christus, ein Leben der Liebe, das
von jener “Schönheit“ durchdrungen ist, “die die Welt retten wird“. Das
ist mein Wunsch für uns alle, heute und jederzeit.
Christus ist auferstanden!
Bonn, Ostern 2004
Metropolit Augoustinos von Deutschland