“Jetzt
ist alles von Licht erfüllt,
Himmel, Erde und Unterwelt …”
(Troparion der dritten Ode des Auferstehungskanons)
Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Frühling! Eine von vier Jahreszeiten, deren jede ihre eigene Schönheit und Einzigartigkeit bewahrt. Nicht selten gewinnen die Jahreszeiten für uns symbolische Bedeutung. Der Winter mit seinen langen Nächten, dem Überwiegen von Dunkel und Kälte, wird zum Symbol des Todes. Es scheint uns, als seien Natur und Leben unter der Schneedecke zum Stillstand gekommen. Viele Lebewesen fallen in den Winterschlaf und jede Aktivität scheint zumindest reduziert.
Und doch: Der Winter ist vor allem eine Zeit der Erholung, der Neuordnung der Kräfte. Das Leben schlummert in der Erde wie der Embryo im Schoß seiner Mutter, und lautlos geschieht das Wunder der Wiedergeburt. All das währt bis zum Ausbruch des Frühlings, der mit der allmählichen Zunahme des Tageslichts beginnt. Die Tage werden länger, die Farben kehren in die Landschaft zurück, und die Stille des Winters weicht der explosiven Kraft der Schöpfung. Was tot zu sein schien, ersteht von neuem und berührt alle Sinne des Menschen. Alles in der Natur ist in Bewegung; Blumendüfte und der Gesang der Vögel erfüllen die Lüfte, und alles scheint Geschmack zu gewinnen.
Auch in der Kirche ist heute Frühling! Wir feiern das grundlegende Ereignis unseres Glaubens: Das Leben hat den Tod besiegt; Jesus Christus hat in seinem Tod den Tod zertreten und uns allen das Leben geschenkt. Das Wort Gottes ist “das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt” (Jo 1,9).
Die scheinbare Übermacht der Finsternis in unserer Zeit soll uns also nicht täuschen. Gewiß scheint es uns, als sei alles, was den Menschen betrifft, in einem tiefen Winter erstarrt. Wie kann man so viel Schmerz und den Tod, mit dem alles zu Ende zu sein scheint, verwinden? Es sieht so aus, als seien Güte, Beistand, Brüderlichkeit und Liebe erstorben und als hätten wir uns mit der Winterstarre unserer Untätigkeit und unserer Angst abgefunden.
Und doch: Dieser geistliche Winter ist eine Täuschung. Seitdem Christus um unseretwillen in die Welt gekommen ist, gekreuzigt worden und auferstanden ist, hat das Licht endgültig die vielfältigen Finsternisse besiegt; seitdem herrscht der Frühling. Frühling ist der Wandel des Menschen, der nach einem langwährenden qualvollen Exil im Land der Sünde sich selbst und seinen Gott und damit auch die Schönheit seines Lebens wiedergefunden hat. Frühling ist auch die Gegenwart jener Menschen, die mit Ehrlichkeit und ungeheuchelter Liebe unerkannt unter uns wirken und die Würde der Menschheit retten.
Jesus Christus selbst ist unser “süßer Frühling” - wie wir im Grabgesang der Frauen am Abend des Großen Freitags singen - der Frühling unseres Lebens. Er hat die dunkle Ausweglosigkeit unserer Mißerfolge und sogar das finstere Ende unseres Daseins, den Tod, in einen strahlenden Übergang zum Lebe verwandelt. Ebendas besingt der Hymnus, den wir gleich hören werden: “Jetzt ist alles von Licht erfüllt, Himmel, Erde und Unterwelt. Die ganze Schöpfung feiert Christi Auferstehung, auf die sie gegründet ist”. Die Auferstehung ist das Leben der Kirche, und die Kirche offenbart sie mit allem, was ihr zu Gebote steht, und öffnet alle unsere Sinne.
Unsere Ohren sind erfüllt vom Klang des “Christus ist auferstanden!”, und die Kirche wird nicht satt, es zu wiederholen, damit wir verstehen, daß Christi Auferstehung auch unsere eigene Auferstehung ist. Unsere Augen sehen, wie trotz der mitternächtlichen Stunde alles im Licht erstrahlt, so daß wir uns erinnern, daß auch wir selbst das Licht der Welt sein sollen. Unser Tastsinn empfindet die Wärme der Umarmung und des Kusses, des Symbols der Auferstehungsfreude. Unser Geruchssinn erfreut sich am Duft des Weihrauchs und am Wohlgeruch der Blüten. Odysseas Elytis, der Dichter der Ägäis und des griechischen Lichts, hat das unvergleichlich zum Ausdruck gebracht, wenn er sagt: “Mein Gott und Baumeister, auch im Osterflieder bist Du da; mein Gott und Baumeister, Du schenkest uns den Duft der Auferstehung!” Und schließlich nimmt auch unser Geschmackssinn an der Feier der Auferstehung teil, indem wir den Leib und das Blut Christi kosten. Schmecket und seht, “daß der Herr gut ist” (1 Petr 2,3). Wir kosten die Güte des Herrn und werden seiner Gemeinschaft teilhaft. Wir werden mit ihm vereint, und sein Sieg wird unser Sieg.
Heute kommt alle zur Kirche; laßt uns mit allen Sinnen Christi Auferstehung, den Frühling unseres Lebens, wahrnehmen! Christus ist auferstanden!
Bonn, Ostern 2006
+ Metropolit Augoustinos von Deutschland