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PREDIGT

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

anlässlich des ökumenischen Gottesdienstes
im Dom zu Trier
im Rahmen der Heilig-Rock-Tage 2003

(Text: Ev. Luk. 24,13-35)

(03.05.2003)

* * *

Fast ist es uns zur Selbstverständlichkeit geworden, über die zunehmende Entkirchlichung in diesem Lande zu klagen. Gewiß läßt es sich nicht leugnen, daß ein zu hoher Prozentsatz von Getauften sich von der Kirche abwandte. Nach einer nationalsozialistischen und einer darauffolgenden kommunistischen Diktatur mit atheistischer ―oder richtiger gesagt anti-theistischer― Politik und Erziehung ist es aber kein Wunder, daß christliches Erbe, kirchliche Tradition und biblisches Wissen so auffallend abgenommen haben. Nicht nur im Osten, auch im Westen hat allerdings das materialistische Lebensverständnis seine negative Wirkung auf den christlichen Glauben nicht verfehlt. Dennoch bin ich der Meinung, daß eine Entkirchlichung nicht immer und unbedingt eine Haltung gegen die Kirche einschließt. Auch bei denen, die dem Christenglauben fernstehen, finden wir trotz allem ein Wohlwollen der Kirche gegenüber. Viele solcher Menschen vertreten aber die Auffassung, daß der christliche Glaube und seine Wundergeschichten einem modernen Menschen nicht mehr zuzumuten sind. In der ersten Reihe dieser anstößigen Glaubenstatsachen steht dabei das Bekenntnis der Christen zu Jesus Christus, der, gekreuzigt, gestorben und begraben, am dritten Tag wieder auferstand von den Toten.

In diesen nachösterlichen Tagen ist uns im Ökumenischen Gottesdienst in Trier als Predigttext ein Abschnitt aus dem Lukasevangelium gegeben, der uns von dem auferstandenen Gottessohn berichtet. Wenn wir uns mit dieser Geschichte von den beiden Jüngern aus dem Ort Emmaus beschäftigen, wird uns vielleicht deutlicher werden, worin das Glaubenshindernis besteht, das die Menschen an der Auferstehung zweifeln läßt.

Zwei Jünger Jesu wandern von Jerusalem nach dem Ort Emmaus. Die Männer gehören zur Anhängerschaft des Mannes aus Nazareth, stammen aber nicht aus Galiläa, sondern aus der Gegend um Jerusalem. In tiefer Niedergeschlagenheit gehen sie ihres Weges und versuchen, mit der großen Enttäuschung ihres Lebens fertigzuwerden. Nur schwer können sie sich in das Unabänderliche schicken, daß Jesus von Nazareth, der Prophet mächtig in Worten und Taten vor Gott und allem Volk, so schrecklich gescheitert ist. Sie hatten gehofft, er sei der Retter Israels. Die Verurteilung und Tötung Jesu erscheint ihnen völlig sinnlos, und es ist ihnen unverständlich, daß sich auf diese Weise Gottes Wille erfüllen soll. Ihre Zukunft, die sie von der Zukunft Jesu abhängig gemacht hatten, war von ihren eigenen Vorstellungen geprägt, die nun aber mit den harten Realitäten nicht mehr übereinstimmten.

Jetzt ist an die Stelle des Glaubens der Zweifel getreten. Der Zweifel aber führt nur zu leicht zur Verzweiflung, die die göttlichen Verheißungen von einst ganz schnell hinter sich läßt. Nicht einmal die Nachricht vom leeren Grab und die erste Botschaft, daß der Herr lebe, kann den Glauben der Jünger wieder erwecken. Sollte Jesus wirklich leben, würde er nicht sofort zu seinen Jüngern kommen, ihnen Gewißheit zu geben? Der Zweifel bleibt, und es bleibt die Traurigkeit.

Auch als ein dritter Wanderer sich zu ihnen gesellt, sind sie weiterhin gefangen im ständigen Kreislauf ihrer schweren Gedanken, und es kostet den Fremden große Mühe, sie herauszulösen aus ihren falschen Vorstellungen. Er macht ihnen klar, daß ihr Zweifel aus ihrer Unwissenheit über den verheißenen Messias erwächst. Haben Sie denn vergessen, was ihr Herr sie lehrte, wenn er sie hinwies auf die heiligen Schriften, auf Mose und die Propheten? Von dort aus wird Jesu Leiden und Sterben doch mit dem letzten, tiefsten Sinn erfüllt! Das ―menschlich gesehen― widersinnige Geschehen mit Jesus führt tatsächlich wunderbarerweise Gottes Heilswillen zu seinem Ziel, nämlich der Errettung des Menschen. Und die Heilsgeschichte vollendet sich in der Verherrlichung des Messias. Der Weg dorthin geht aber durch Leiden und Sterben.

Wir wollen kurz innehalten und bedenken, was hier vor sich gegangen ist. Wir wissen ja, daß es der auferstandene Herr selbst ist, der mit seinen Jüngern spricht. Er nennt sie nicht ungläubig, aber unverständig und trägen Herzens; denn sie weigern sich, von einem Denken zu lassen, das in dieser Welt gefangen ist, und sich der größeren und umfassenderen Wirklichkeit Gottes zu öffnen. Der fehlenden inneren Erleuchtung entspricht eine äußerliche Unfähigkeit, den Herrn zu erkennen. Denn nur wer sein Herz öffnet, es erwecken läßt von Gottes Wort und den Zweifel überwindet, wird schließlich den auferstandenen Herrn in seiner neuen Leiblichkeit erkennen.

Wenn man auch die anderen Osterberichte des Neuen Testaments aufmerksam liest, sieht man, daß in nahezu allen diesen Texten derselbe Tatbestand festgestellt werden kann: Die Menschen sind gehemmt, den Auferstandenen zu erkennen, die Auferstehung als Wirklichkeit zu erfahren. Erst wenn ihr Glaube an ihren Herrn wieder erwacht ist, erkennen sie den Auferstandenen als ihren Herrn und Gott.

Und hier ist nun auch unser Platz in dieser Geschichte: Es ist nicht unsere Aufgeklärtheit, es sind nicht unsere naturwissenschaftlichen Kenntnisse, es ist nicht unser modernes oder postmodernes Denken, die uns hindern, an den Auferstandenen zu glauben. Vielmehr ist es unser Unwissen über den Gottessohn und das Unverständnis für die Geheimnisse Gottes, es ist unser träges Herz, das sich eingerichtet hat in der Welt unserer eigenen begrenzten Vorstellungen; das alles verschließt unser Herz vor den göttlichen Erfahrungen, die wir machen sollen und dürfen. So schleicht sich der Zweifel ein und verhindert den befreienden Glauben und ein Leben in Gemeinschaft mit dem göttlichen Herrn.

Wo finden wir Hilfe in dieser Lage, wer kann uns lösen aus dieser Gebundenheit? Wie können wir frei werden und über die Wirklichkeit dieser Welt hinauswachsen, hinein in ein neues Leben mit dem auferstandenen Christus?

Wir blicken zurück nach Emmaus: Was geschieht dort? Der ihnen immer noch fremde Christus unterweist die Jünger aus der Schrift im Glauben. Langsam führt er sie an die Erkenntnis heran: Der Messias musste leiden, um zu seiner Herrlichkeit zu kommen. Das Kreuz Christi wird zur Kraft und Weisheit Gottes. Diese neuen Erkenntnisse durchdringen ihnen Herz und Sinn. Sie wollen sich von diesem Fremden, der ihnen die Schrift erklärte, nicht trennen und bitten ihn, bei ihnen zu bleiben. Ihr Wunsch wird erfüllt. Und in der gemeinsamen Mahlzeit geschieht die Erleuchtung: Sie erkennen ihren Herrn!

Ihr Osterglaube überwindet nun alle Zweifel und erfährt im Mahl die neue Gemeinschaft mit dem vom Tode erstandenen Herrn. Die Echtheit ihres Glaubens beweist sich in dem drängenden Willen zum Zeugnis. Nachdem der Herr ihren Blicken entschwunden ist, brechen sie noch in derselben Stunde auf, um den anderen Jüngern in Jerusalem die Auferstehung Jesu Christi von den Toten zu verkünden und ihnen von der neuen Gemeinschaft mit dem Herrn zu berichten.

Dieser Bericht aus Emmaus will auch in unser Leben heute hineinwirken. Er kann uns zur Erkenntnis des gekreuzigten und auferstandenen Gottessohnes, aber auch zur Erkenntnis unseres eigenen Wesens und Lebens führen.

Er zeigt uns den Menschen in seinem Streben nach Sicherheit, in seiner Ängstlichkeit und seinem Wankelmut. Er zeigt uns, wie schnell wir resignieren, wie unsere Herzensträgheit uns festhält auf dem einmal eingenommenen Standpunkt und wie unsere Blicke und unser Denken gefangen bleiben im Wesen und Leben dieser Welt. Wir scheuen das Leiden, wollen aber an der Herrlichkeit teilhaben.

Ganz anders der Gottessohn, der sich seiner Göttlichkeit entäußerte und Mensch wurde; der sich selbst erniedrigte bis zum Tode am Kreuz. Mußte denn Christus solches leiden, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen? Ja, nach Gottes heiligem Willen mußte es sein, damit die Menschen aus ihrem ungöttlichen Leben wieder heimfinden zu Gott, damit sie ein neues Leben beginnen ohne die Macht der Sünde und des Todes, damit sie eine neue Kreatur werden in dem ewig lebendigen Christus.

Osterglaube ist nicht das Für-wahr-Halten eines Geschehens, das unseren Naturgesetzen und den menschlichen Erfahrungen widerspricht. Osterglaube heißt aber, unser Herz zu öffnen für den Einbruch göttlicher Macht in diese Welt und die Augen auftun, um aufzuschauen auf den auferstandenen Christus.

Möge Gott uns allen einen solchen Glauben schenken, mögen wir teilhaben an der Mahlgemeinschaft des auferstandenen Herrn und dann auch zu mutigen Zeugen seiner Auferstehung werden.

Amen.


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