[Zurück zur vorigen Seite]


PREDIGT

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

im Orthodoxen Eröffnungsgottesdienst
 
auf dem Ökumenischen Kirchentag Berlin 2003

(in der Koptisch-Orthodoxen Kirche
St. Antonius und Schenouda in Berlin-Lichtenberg)

(28.05.2003)

* * *

Als verheißungsvolles Gotteswort steht über diesem Ökumenischen Kirchentag der Ruf: “Ihr sollt ein Segen sein!” Dieser Leitspruch ist Mahnung und Aufgabe zugleich, und es ist wichtig, daß wir uns darauf besinnen, was dieses Wort uns sagen will, was es für die Kirche und für die Ökumene der christlichen Kirchen bedeutet.

Zunächst sollten wir feststellen, daß das Wort “Segen” wie so viele andere biblische und kirchliche Wörter in unserer Umgangssprache inzwischen eine profane Bedeutung gewonnen hat. “Ihr sollt ein Segen sein” hieße dann, “von euch kommt etwas Gutes” oder “ein Glück, daß es euch gibt”. Wie ja auch Glück und Segen oft miteinander verbunden und gleichgesetzt werden.

Von dieser mehr äußerlichen, vielleicht sogar oberflächlichen Bedeutung müssen wir wieder zurückfinden zum ursprünglichen biblischen Sinn des Wortes. Und da steht sofort vor unseren Augen die glaubensstarke Gestalt des Erzvaters Abraham, dem Gott auf den Weg der Glaubensprüfungen die Verheißung mitgab: “Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein!”.

Von da an zieht sich die Verheißung des Gottessegens durch die gesamte Geschichte des Volkes Israel. Es ist kein zwangsweiser Segensvollzug, aber ein fortdauerndes Angebot. “Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und den Fluch, den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des Herrn, eures Gottes”, so sagt es Mose mehrfach den Israeliten. Gott setzt für den Menschen eine Möglichkeit des gesegneten Lebens, das nicht auf eigener menschlicher Leistung beruht. Dennoch bedarf das göttliche Angebot der menschlichen Antwort; denn der Mensch hat die Wahl zwischen Segen und Fluch. Aber auch gesegnetes Leben und gottgefälliges Handeln sind miteinander verschränkt, denn der Segen Gottes verleiht die Kraft zum rechten Tun.

So verstehen wir nach und nach, wie Segen geschieht und was uns mit ihm geschenkt wird: Segen geschieht durch die Taten Gottes und in der Freiheit, die Gott dem Menschen schenkt. Die Gläubigen des Alten Bundes erfahren ihn im Gottesdienst, wo der Mensch Gottesgemeinschaft erlebt und wo Gott den Segen auch in ganz besonderer Weise durch den Priester spendet. Segen wird empfangen durch Heiligung und vom Geist Gottes.

Und wenn wir im Psalter, dem Gesang- und Gebetbuch des Alten Testaments, lesen, so können wir verstehen, was Segen für das Volk Gottes war und ist. Und es geht weiter bis hin zu den Gottesmännern, den Propheten, durch deren Mund Gott wiederum den Menschen sein Segensangebot verkünden läßt.

Im Buch des Propheten Sacharja steht das Wort, aus dem der Leitspruch des Ökumenischen Kirchentages genommen ist. Wir lesen dort im 8. Kapitel (V.13): “Und es soll geschehen, spricht der Herr: Wie ihr vom Hause Juda und vom Hause Israel ein Fluch gewesen seid unter den Heiden, so will ich euch erlösen, daß ihr ein Segen sein sollt!”

Dieser Gottesspruch wird in eine Situation hineinverkündet, die auch in unserer Zeit nicht so ganz unbekannt ist: Das Volk wird errettet von der Gewaltherrschaft und aus der Unterdrückung befreit; es darf sogar heimkehren aus fremden Land, wohin es deportiert worden war. Nun beginnt das Volk am Ende des 6. Jhrdts. v. Chr. auf Gottes Geheiß, den von den Babyloniern zerstörten Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Die Propheten Haggai und Sacharja treten für eine tatkräftige Vollendung des Tempelbaues ein, zugleich verkünden sie den baldigen Anbruch der messianischen Zeit. Je weiter der Bau fortschritt, desto höher stieg die Glut der Endzeiterwartung; den Tempelbau abzubrechen und zu unterlassen, wäre ein Hindernis für das Kommen der Heilszeit gewesen. Der Prophet Sacharja verkündet damit den stets gleichen Willen Gottes. Die Geschichte seines Volkes sieht er nicht nur als Heils- und Segensgeschichte, vielmehr erkennt er in der Geschichte seines Volkes auch das Gericht Gottes.

Aus allen seinen Gottessprüchen geht hervor: Gott ist der Herr der Geschichte, und Gottes letztes Ziel ist die Errichtung des Gottesreiches. Er ist der heilige und erhabene Gott, zugleich aber der Gott der Liebe und des Erbarmens. Er schafft sich seine Gemeinde, in dem er die Menschen von ihren Sünden erlöst und die Macht der Sünde selbst überwindet. Er will, daß diese Gemeinde e i n Herz und e i n e Seele ist, ohne Streit um Mein und Dein. Dieser Geneinde will er seinen heiligen Geist geben. Und inmitten dieser Gemeinde will er selbst gegenwärtig sein.

Heute leben wir zweineinhalbtausend Jahre nach dem Propheten Sacharja, wir kennen die Geschichte Israels und wissen, wie Gott sein Ziel weiter verfolgt hat. Schließlich offenbart sich Gott selbst in einer Weise, die die Väter und Propheten des Alten Bundes in den Verheißungen ihrer Zeit mehr ahnen als voll erkennen konnten. Gott wird Fleisch und Mensch in Jesus von Nazareth. An diesem Punkt der Welt- und Heilsgeschichte geschieht die Wende der Zeiten, denn der Christus Gottes bringt die Menschen zurück zu Gott. Das, was Abraham einst verheißen wurde, gewinnt Gestalt im Gottes- und Menschensohn zum Segen der Völker.

“Ihr sollt ein Segen sein!” Dieses Wort des Propheten Sacharja gewinnt deshalb für uns eine ganz neue Bedeutung. Die Verheißungen Sacharjas sind nun in Christus erfüllt, sie erscheinen im Segenslicht des Neuen Bundes: der unnahbar heilige Gott ist in Christus der Gott der Liebe; er errettet die Menschen, sie sind Gottes wahre Gemeinde und empfangen den heiligen Geist. Gott selbst ist in ihrer Mitte gegenwärtig.

“Ihr sollt ein Segen sein!” Wer diesen Leitspruch des Ökumenischen Kirchentages im Sinne der Bibel ernst nimmt, weiß, was er bedeutet und welche Verantwortung er uns auferlegt. Wir gehören zur Gottesgemeinde, wir sind Glieder der Kirche Jesu Christi. Immer wieder empfangen wir den Segen Gottes und damit die Verpflichtung, diesen Segen weiterzugeben. Des Gottessegens teilhaftig geworden, sollen wir selbst ein Segen sein zum Heil der Welt und der Menschen.

“Ihr sollt ein Segen sein!” Die Verantwortung dieses Gnadengeschenks gilt auch für uns als Teilnehmer am Ökumenischen Kirchentag, der heute hier in Berlin beginnt. Wir wissen nun, daß es unter dem Leitspruch “Ihr sollt ein Segen sein” nicht um eine Annäherung der Christen auf dem Boden von Toleranz und Duldung geht, auch müssen wir uns vor einer Ideologie des Ökumenismus hüten. Vielmehr sollen wir uns dessen bewußt sein, daß auch dieser Kirchentag zur Heilsgeschichte Gottes gehört und daß uns Gott würdigt, an dieser Geschichte mitzuwirken. Die Einheit finden wir nicht in Gleichmacherei und Einebnung der Heilstatsachen, nicht im Aushandeln von Kompromissen in Glaubensdingen, sondern nur im Festhalten am Bekenntnis der Kirche zu Jesus Christus, dem Gottes- und Menschensohn. Dafür preisen wir Gott nach dem Apostelwort: “Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus.” (Eph. 1,3)

Amen.


[Zurück zum Seitenanfang]

[Zurück zur vorigen Seite]