(28.05.2003)
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Als verheißungsvolles Gotteswort steht über diesem Ökumenischen Kirchentag der Ruf: “Ihr sollt ein Segen sein!” Dieser Leitspruch ist Mahnung und Aufgabe zugleich, und es ist wichtig, daß wir uns darauf besinnen, was dieses Wort uns sagen will, was es für die Kirche und für die Ökumene der christlichen Kirchen bedeutet.
Zunächst sollten wir feststellen, daß das Wort “Segen” wie so
viele andere biblische und kirchliche Wörter in unserer Umgangssprache
inzwischen eine profane Bedeutung gewonnen hat. “Ihr sollt ein Segen sein”
hieße dann, “von euch kommt etwas Gutes” oder “ein Glück, daß
es euch gibt”. Wie ja auch Glück und Segen oft miteinander verbunden
und gleichgesetzt werden.
Von dieser mehr äußerlichen, vielleicht sogar oberflächlichen
Bedeutung müssen wir wieder zurückfinden zum ursprünglichen
biblischen Sinn des Wortes. Und da steht sofort vor unseren Augen die glaubensstarke
Gestalt des Erzvaters Abraham, dem Gott auf den Weg der Glaubensprüfungen
die Verheißung mitgab: “Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen
sein!”.
Von da an zieht sich die Verheißung des Gottessegens durch die gesamte
Geschichte des Volkes Israel. Es ist kein zwangsweiser Segensvollzug, aber
ein fortdauerndes Angebot. “Siehe, ich lege euch heute vor den Segen und
den Fluch, den Segen, wenn ihr gehorcht den Geboten des Herrn, eures Gottes”,
so sagt es Mose mehrfach den Israeliten. Gott setzt für den Menschen
eine Möglichkeit des gesegneten Lebens, das nicht auf eigener menschlicher
Leistung beruht. Dennoch bedarf das göttliche Angebot der menschlichen
Antwort; denn der Mensch hat die Wahl zwischen Segen und Fluch. Aber auch
gesegnetes Leben und gottgefälliges Handeln sind miteinander verschränkt,
denn der Segen Gottes verleiht die Kraft zum rechten Tun.
So verstehen wir nach und nach, wie Segen geschieht und was uns mit ihm
geschenkt wird: Segen geschieht durch die Taten Gottes und in der Freiheit,
die Gott dem Menschen schenkt. Die Gläubigen des Alten Bundes erfahren
ihn im Gottesdienst, wo der Mensch Gottesgemeinschaft erlebt und wo Gott den
Segen auch in ganz besonderer Weise durch den Priester spendet. Segen wird
empfangen durch Heiligung und vom Geist Gottes.
Und wenn wir im Psalter, dem Gesang- und Gebetbuch des Alten Testaments,
lesen, so können wir verstehen, was Segen für das Volk Gottes
war und ist. Und es geht weiter bis hin zu den Gottesmännern, den Propheten,
durch deren Mund Gott wiederum den Menschen sein Segensangebot verkünden
läßt.
Im Buch des Propheten Sacharja steht das Wort, aus dem der Leitspruch des
Ökumenischen Kirchentages genommen ist. Wir lesen dort im 8. Kapitel
(V.13): “Und es soll geschehen, spricht der Herr: Wie ihr vom Hause Juda
und vom Hause Israel ein Fluch gewesen seid unter den Heiden, so will ich
euch erlösen, daß ihr ein Segen sein sollt!”
Dieser Gottesspruch wird in eine Situation hineinverkündet, die auch
in unserer Zeit nicht so ganz unbekannt ist: Das Volk wird errettet von
der Gewaltherrschaft und aus der Unterdrückung befreit; es darf sogar
heimkehren aus fremden Land, wohin es deportiert worden war. Nun beginnt
das Volk am Ende des 6. Jhrdts. v. Chr. auf Gottes Geheiß, den von
den Babyloniern zerstörten Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen. Die
Propheten Haggai und Sacharja treten für eine tatkräftige Vollendung
des Tempelbaues ein, zugleich verkünden sie den baldigen Anbruch der
messianischen Zeit. Je weiter der Bau fortschritt, desto höher stieg
die Glut der Endzeiterwartung; den Tempelbau abzubrechen und zu unterlassen,
wäre ein Hindernis für das Kommen der Heilszeit gewesen. Der Prophet
Sacharja verkündet damit den stets gleichen Willen Gottes. Die Geschichte
seines Volkes sieht er nicht nur als Heils- und Segensgeschichte, vielmehr
erkennt er in der Geschichte seines Volkes auch das Gericht Gottes.
Aus allen seinen Gottessprüchen geht hervor: Gott ist der Herr der
Geschichte, und Gottes letztes Ziel ist die Errichtung des Gottesreiches.
Er ist der heilige und erhabene Gott, zugleich aber der Gott der Liebe und
des Erbarmens. Er schafft sich seine Gemeinde, in dem er die Menschen von
ihren Sünden erlöst und die Macht der Sünde selbst überwindet.
Er will, daß diese Gemeinde e i n Herz und e i n e Seele ist, ohne Streit
um Mein und Dein. Dieser Geneinde will er seinen heiligen Geist geben. Und
inmitten dieser Gemeinde will er selbst gegenwärtig sein.
Heute leben wir zweineinhalbtausend Jahre nach dem Propheten Sacharja,
wir kennen die Geschichte Israels und wissen, wie Gott sein Ziel weiter
verfolgt hat. Schließlich offenbart sich Gott selbst in einer Weise,
die die Väter und Propheten des Alten Bundes in den Verheißungen
ihrer Zeit mehr ahnen als voll erkennen konnten. Gott wird Fleisch und Mensch
in Jesus von Nazareth. An diesem Punkt der Welt- und Heilsgeschichte geschieht
die Wende der Zeiten, denn der Christus Gottes bringt die Menschen zurück
zu Gott. Das, was Abraham einst verheißen wurde, gewinnt Gestalt im
Gottes- und Menschensohn zum Segen der Völker.
“Ihr sollt ein Segen sein!” Dieses Wort des Propheten Sacharja gewinnt
deshalb für uns eine ganz neue Bedeutung. Die Verheißungen Sacharjas
sind nun in Christus erfüllt, sie erscheinen im Segenslicht des Neuen
Bundes: der unnahbar heilige Gott ist in Christus der Gott der Liebe; er
errettet die Menschen, sie sind Gottes wahre Gemeinde und empfangen den
heiligen Geist. Gott selbst ist in ihrer Mitte gegenwärtig.
“Ihr sollt ein Segen sein!” Wer diesen Leitspruch des Ökumenischen
Kirchentages im Sinne der Bibel ernst nimmt, weiß, was er bedeutet und
welche Verantwortung er uns auferlegt. Wir gehören zur Gottesgemeinde,
wir sind Glieder der Kirche Jesu Christi. Immer wieder empfangen wir den Segen
Gottes und damit die Verpflichtung, diesen Segen weiterzugeben. Des Gottessegens
teilhaftig geworden, sollen wir selbst ein Segen sein zum Heil der Welt und
der Menschen.
“Ihr sollt ein Segen sein!” Die Verantwortung dieses Gnadengeschenks gilt
auch für uns als Teilnehmer am Ökumenischen Kirchentag, der heute
hier in Berlin beginnt. Wir wissen nun, daß es unter dem Leitspruch
“Ihr sollt ein Segen sein” nicht um eine Annäherung der Christen auf
dem Boden von Toleranz und Duldung geht, auch müssen wir uns vor einer
Ideologie des Ökumenismus hüten. Vielmehr sollen wir uns dessen
bewußt sein, daß auch dieser Kirchentag zur Heilsgeschichte
Gottes gehört und daß uns Gott würdigt, an dieser Geschichte
mitzuwirken. Die Einheit finden wir nicht in Gleichmacherei und Einebnung
der Heilstatsachen, nicht im Aushandeln von Kompromissen in Glaubensdingen,
sondern nur im Festhalten am Bekenntnis der Kirche zu Jesus Christus, dem
Gottes- und Menschensohn. Dafür preisen wir Gott nach dem Apostelwort:
“Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet
hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Christus.”
(Eph. 1,3)
Amen.