(Kassel, 12.06.2000)
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Ein viel gebrauchter Begriff unseres heutigen Denkens und der modernen Sprache ist der Pluralismus. Es gibt kaum eine Äußerung – zu welchem Thema und auf welchem Gebiet auch immer -, in der dieses Wort nicht auftaucht. Auch im kirchlichen Sprachgebrauch spielt der Pluralismus inzwischen eine gewisse Rolle, - insbesondere in der Ökumene oder im interreligiösen Dialog. Anscheinend kann sich die Kirche nicht von der pluralistischen Gesellschaft absondern, vielleicht soll sie es auch gar nicht. Bei all dem ist der Pluralismus – vor allem in kultureller, gesellschaftlicher und religiöser Hinsicht – stets positiv zu verstehen.
Bei sehr oberflächlicher Betrachtung könnte man auch einige Abschnitte des Neuen Testaments pluralistisch erklären. Gehört dazu nicht auch unser heutiger Predigttext?
Denn hier begegnet uns eine unglaubliche Vielfalt und nahezu verwirrende Vielseitigkeit geistlichen Lebens, so dass man fast von einer reichen Auswahl sprechen könnte, die unterschiedlichste Wünsche befriedigen kann.
Eine solche Sicht der Dinge trifft aber den Sinn des Textes nicht. Im Pluralismus besteht die Wirklichkeit ja aus zahlreichen in sich selbständigen und einheitslosen Werten und Grundsätzen. Es geht in ihm also nicht um Vieles, was sich aus einem entfaltet, und nicht um verschiedene Seiten einer Sache, vielmehr handelt es sich beim Pluralismus um voneinander unabhängige Subjekte oder Objekte, die zwar im günstigen Fall vom Nebeneinander zum Miteinander gelangen, dennoch aber in sich selbst bestehen und eigentlich bindungslos sind.
Ganz anders im Neuen Testament. Wie an anderen Stellen seiner Briefe sagt der Apostel Paulus auch hier klar, dass die Vielfalt einen einzigen Ursprung hat: nämlich Gott. Es gibt mancherlei Kräfte und mehrere Dienste sowie unterschiedliche Gnadengaben, alle aber entspringen der e i n e n göttlichen Macht. Die Mannigfaltigkeit und der Reichtum der Gaben sind in Einheit verbunden, weil sie alle dem e i n e n Urgrund entstammen, dem dreieinen Gott. Hier wird zudem deutlich gemacht, dass in Gott selbst Einheit und Mehrfaltigkeit verbunden sind. Denn es ist die innergöttliche Lebensgemeinschaft der heiligen Dreieinigkeit, die in die Welt hineinwirkt: Es sind vielerlei Gaben von e i n e m Geist, es sind unterschiedliche Dienste, aber nur der e i n e Herr, und es wirken mancherlei Kärfte, aber es ist e i n Gott, der alles in allem bewirkt.
Die Mannigfaltigkeit und Fülle der Gnadengaben Gottes entspricht ihrer Einheit im Ursprung aus dem unerschöpflichen Reichtum der Wirkungskraft der Dreieinigkeit. Aber auch die Zuteilung der Gaben, die anderen nützen und der Auferbauung der Kirche dienen sollen, entsprechen dem göttlichen Liebeswillen des dreieinen Gottes.
Die reiche Offenbarung des Geistes geschieht in Christo, geschieht durch die Kraft Gottes und geschieht in die Kirche hinein. Auch das Bild der Kirche, das der Apostel hier gebraucht, entspricht der Mannigfaltigkeit und dem Reichtum göttlichen Wirkens. Das Gleichnis vom Leib mit seinen Gliedern wurde in der Antike öfters gebraucht. Aber Paulus macht die Vereinigung in einem Leib zum Leib Christi, in dem die Vielfalt der Geistesgaben zum Wesen der Kirche gehört und die Unterschiedlichkeit der Glieder zu unlöslicher Einheit verbunden sind. Die Kirche Jesu Christi gleicht nicht nur einem Leibe, sondern sie i s t Leib Christi, ist eine gott-menschliche Wirklichkeit.
Durch die Taufe – wieder eine Begabung mit dem Heiligen Geist – werden die Christen Glieder am Leib Christi, durch den Geist werden sie getränkt mit dem Wasser des Lebens. Hier sind alle menschlichen Gegensätze nationaler und sozialer Art, der Klasse und der Rasse aufgehoben. Alles ist hineingenommen, in die Einheit göttlicher Lebensgemeinschaft und darin letztlich bedeutungslos geworden.
Heute, am westlichen Pfingstmontag, sind wir hier in Kassel zu einem ökumenischen Gottesdienst zusammengekommen. Der Text aus dem 1. Korintherbrief, den wir gerade überdacht haben, übermittelt uns nicht nur eine Pfingstbotschaft, sondern kann uns auch deutlich machen, was für die Einheit der Christen wichtig ist.
In der orthodoxen Kirche ist Pfingsten nicht nur das Fest des Heiligen Geistes, sondern ungetrennt davon ein Fest der Heiligen Dreieinigkeit Gottes. Das hat einen Grund in der Heiligen Schrift, wie wir es gerade auch aus unserem Text erfahren haben. Die Gnadengaben des Heiligen Geistes fließen aus dem Segensreichtum der göttlichen Dreieinheit. Nach Gottes Willen sind sie für uns bereit und fassbar in der Kirche Jesu Christi.
Vom ersten Pfingsttag in Jerusalem mit der wunderbaren Erscheinung des Heiligen Geistes her ist Pfingsten auch das Fest der Kirche. Aus der Apostelgeschichte wissen wir davon und vom leben in der Urkirche. Durch Buße und durch die Heilige Taufe wurden die Menschen in die Kirche aufgenommen und Glieder am Leibe Christi. Sie hielten sich an die Lehre der Apostel und lebten in einer Gemeinschaft, die über jede westliche Gemeinschaft hinausging und vom gemeinsamen Brotbrechen und Gebet geprägt wurde. So lebten die Christen einmütig miteinander.
Wir wissen, dass der Kirche diese Einmütigkeit nicht erhalten blieb. Tausend Jahre später gab es eine in Ost und West gespaltene Kirche. Am Ende des 2. Jahrtausends aber ist eine andere Entwicklung eingetreten. Im 20. Jahrhundert erlebte die Christenheit einen ökumenischen Aufbruch, der zu einer gegenseitigen Annäherung der Christen und zur Ökumenischen Bewegung führte. Der Weg zur Einmütigkeit oder gar zur Einheit ist nicht leicht, und es bedarf geduldiger Bemühungen, harter theologischer Arbeit und Dialoge und vor allem vieler Gebete, damit wir gemeinsam auf diesem Weg fortschreiten können.
Ich bin des festen Glaubens, dass wir mit unseren ökumenischen Anstrengungen dem Willen Gottes und dem Gebet unseres Herrn entsprechen, der darum flehte, „dass alle eins seien“. Aber wir müssen alles daransetzen, dass die Ökumene nicht im Innerweltlichen stecken bleibt. Wahre christliche Einheit kann es nur geben, wenn wir über die Grenzen von Zeit und Raum hinausdenken. Die Wirklichkeit Gottes umfasst mehr als diese Welt, und er will, dass wir teilhaben sollen an der innergöttlichen Lebensgemeinschaft. Das geschieht vor allem in der Kirche, vornehmlich im Gottesdienst. Und es ist zu wünschen, dass auch die heute üblich gewordenen Initiativen, ökumenischen Vernetzungen und organisierten ökumenischen Veranstaltungen von dieser geistlichen Basis aus arbeiten. Was wir zur Einheit brauchen, hat Gott uns längst gegeben: Er ist selbst in Jesus Christus Mensch geworden, hat für uns Sünde und Tod besiegt, schenkt uns immer wieder die Gegenwart des auferstandenen Christus in den Sakramenten der Kirche und macht uns zu Gliedern am mystischen Leib Christi. Nehmen wir doch die Fülle dieser göttlichen Gaben an, leben wir aus, was Gott uns als Glieder am Leibe Christi geschenkt hat, und öffnen wir uns dem geistlichen Leben, damit wir zugerüstet werden zum Dienst, damit der Leib Christi mehr und mehr auferbaut wird.
So schreibt es der Apostel Paulus im Epheserbrief. Und ich möchte schließen mit der apostolischen Mahnung zur Einheit aus demselben Schreiben: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen an allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ... wächst und sich selbst auferbaut in der Liebe.“
Amen.