in der Podiumsdiskussion
„Einheit – na klar! Aber wie? Wie viel Einheit ist nötig, welche Vielfalt bleibt
möglich?“
beim 2. Ökumenischen Kirchentag
(15. Mai 2010)
* * *
Eine der spannendsten Fragen der Ökumene, aber auch der Kirchengeschichte ist meines Erachtens jene nach der Gestalt der angestrebten Einheit der Kirche. Ich sagte „auch der Kirchengeschichte“, nicht weil ich dem Klischee einer rückwärts gewandten Orthodoxie entsprechen möchte, sondern weil wir Orthodoxe gern aus der Geschichte lernen. Wenn wir uns etwa auf die Kirchenväter berufen, dann hat das nichts mit einer Nostalgie nach einer damals angeblich heilen Welt zu tun, sondern mit der Tatsache, dass viele der Probleme der heutigen Zeit bereits damals existierten. Ein Beispiel: Dass es im Osten und im Westen unterschiedliche Mentalitäten gibt, ist ja nicht erst 1054 gekommen. Wenn man etwa sich die Korrespondenz östlicher und westlicher Theologen auch aus der Zeit vor der großen Kirchenspaltung anschaut, stellt man fest: das war gar kein einheitlicher Umgang mit dem christlichen Glauben, mit Theologie und Kirche. Da gab es immer schon Unterschiede, ich würde sagen: legitime Unterschiede. Und doch war es – im Großen und Ganzen – eine Kirche, die sogar stolz darauf war, eins zu sein. Ja, sie hat diese Einheit sogar zum Gegenstand ihres Glaubensbekenntnisses gemacht, wenn es heißt: „wir glauben… an die eine Kirche“. Interessant ist ja, dass nicht nur die Kirche selbst Bestandteil unseres Glaubens ist, sondern auch ihr Eins-Sein bzw. ihr Eins-Werden. Häufig höre ich allerdings von vielen meiner Gesprächspartner den Satz: „Christentum ja, Kirche nein!“, mit diversen Variationen, etwa „Taufe ja, Kirche nein!“ oder „Bibel ja, Kirche nein!“. Oder noch extremer „Jesus ja, Kirche nein!“ Ich muss gestehen, ich habe meine Schwierigkeit mit dieser Einstellung. Genau so eine Haltung war es ja, welche die Verfasser unseres Glaubensbekenntnisses dazu gebracht hat, diesen Abschnitt über die Kirche in selbiges einzufügen.
Für mich ist also eine „Einheit der Christen“ nur als „Einheit der Kirche“ vorstellbar. Wie könnte sie aussehen? Nehmen wir für unsere heutige Diskussion doch einfach die vier Attribute der Kirche, welche das ökumenische Glaubensbekenntnis von Nizäa und Konstantinopel nennt, als Ausgangspunkte:
Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität.
Lassen Sie es mich thesenartig und in aller Kürze formulieren:
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Einheit
bedeutet für mich: Jesus Christus wollte EINE Kirche gründen, bei der Feier des
letzten Abendmahles geschah dies.
Das heißt: Die Kirchenspaltung ist
von uns Menschen geschaffen, sie muß rückgängig gemacht werden und das
gemeinsame Abendmahl bleibt unser Ziel!
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Heiligkeit bedeutet für mich: Die Kirche als solche ist heilig, selbst
wenn die Menschen, die sie bilden, Sünder sind.
Das heißt: Ihre Heiligkeit geht auf
ihren Gründer Jesus Christus zurück, und Ökumene heißt dementsprechend immer
Christusnähe!
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Katholizität
ist nicht nur ein räumlicher
Begriff, sondern auch ein
zeitlicher. Anders gesagt: die Kirche ist für alle Menschen und alle Zeiten
gültig.
Das heißt: Unsere Suche nach
Christusnähe wird nicht vom Zeitgeist diktiert, sondern zeitübergreifend und im
Konsens der ganzen Welt!
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Apostolizität schließlich bedeutet: sie geht auf die Apostel zurück und ist
dieselbe wie zur Zeit der Apostel.
Das heißt: Im Hören auf das Zeugnis
der frühen Kirche werden wir nach jenen Möglichkeiten der legitimen Vielfalt –
etwa was die Frage der kirchlichen Ämter betrifft – Ausschau halten!
Und es geht dabei nicht um den Titel,
sondern was wir tatsächlich meinen, wenn wir von Ämtern in der Kirche sprechen.
Ich behaupte: Erst dann kommen wir der Einheit näher! Vielen Dank!