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VORTRAG

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

im Forum des
"Braunschweigisches Landesmuseums"

"Die Bedeutung
der Anwesenheit orthodoxer Kirchen
in Deutschland"

(21.05.2000)

* * *

Wenn wir kurz vor dem Beginn des dritten Jahrtausends der Kirchengeschichte auf das 20. Jahrhundert zurückblicken, so wird man wohl zweierlei feststellen dürfen: Diese Epoche ist kirchlich gesehen eine Zeit der Ökumene. Wenn am Beginn des zweiten Jahrtausends östliche und westliche Kirche sich mehr und mehr voneinander entfernten, so findet tausend Jahre später wieder eine Annäherung statt. Und ich meine, dass während der vergangenen Jahrzehnte in der Christenheit eine ökumenische Gemeinschaft entstanden ist, die nicht einfach wieder rückgängig gemacht werden kann. Nicht nur hat die Kirchen eine Sehnsucht nach Einigung und Einheit ergriffen –wie sie auch im säkularen Raum immer wieder aufbrach-, sondern man hörte wieder mit Ernst auf das göttliche Wort, so wie es der Herr der Kirche im Gebet vor Gott brachte, dass nämlich alle Glaubenden eins seien (Ev. Joh.17, 21). Ein zweites Merkmal des Jahrhunderts ist die Tatsache, dass die Christen die größten und schwersten Verfolgungen ihrer Geschichte erlebten und noch weiter erleben. Letzteres hat sicherlich zur Annäherung und Einigung der Christen untereinander beigetragen.

Zur Annäherung und besserem gegenseitigen Kennenlernen hat aber auch das ganze bewegte Jahrhundert mit seinen zwei Weltkriegen, mit Umbrüchen und Revolutionen, mit Völkermord und Vertreibung geholfen. Waren in dieser Situation Flucht und Emigration für Millionen von Menschen unfreiwillige Anlässe, ihre Heimat zu verlassen, so erfolgte ab der Mitte des Jahrhunderts eine Migration aus ökonomischen Gründen. Sie wird unterstützt und stabilisiert durch das zunehmende Zusammenwachsen der europäischen Völker.
In dieser Zeit wurde uns die Chance einer breiten Begegnung von Kirche zu Kirche, von Gemeinde zu Gemeinde und zwischen den einzelnen Christen der östlichen und der westlichen Kirchen geschenkt. Mit hunderttausenden von früher sogenannten „Gastarbeitern“ und ihren Familien kamen auch die orthodoxen Christen nach Deutschland. Inzwischen leben in Deutschland über eine Million orthodoxe Gläubige.
Zwar hat es auch in früheren Zeiten Orthodoxe in Deutschland gegeben, ihre Zahl war aber gering. Eine größere Gruppe kam zwar während des russischen Bürgerkrieges nach Deutschland, -wenige aber blieben nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch hier. Dennoch darf der kulturelle Einfluss, den diese zumeist hochgebildeten russisch-orthodoxen Christen in Deutschland ausübten, nicht gering eingeschätzt werden.
In den fünfziger Jahren begann die Migration von mehreren hunderttausend orthodoxer Christen aus Südost- und Osteuropa und ließ in Deutschland viele Dutzende ansehnlicher orthodoxer Kirchengemeinden entstehen. Diese Christen wurden von Priestern und Bischöfen begleitet und haben im Laufe der letzten Jahrzehnte unter großen Opfern auch eigene orthodoxe Kirchen erbaut. Die größte Gruppe sind die orthodoxen Griechen –zur Zeit etwa 420.000-, gefolgt von den Serben, die inzwischen etwa 30 Kirchengemeinden haben. Aber es gibt auch russisch-orthodoxe Christen mit einem Erzbischof von Berlin und Deutschland sowie einen rumänisch-orthodoxen Metropoliten von Deutschland und einen bulgarisch-orthodoxen Metropoliten von West- und Mitteleuropa mit Sitz in Berlin. Dazu kommt noch eine kleine Gruppe mit –meist arabisch sprechenden- Christen des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats von Antiochien. Alle diese orthodoxen Kirchen sind hier in Deutschland als Verband orthodoxer Diözesen zusammengeschlossen in der Kommission der Orthodoxen Kirche in Deutschland. Das Ziel ist es, eine Orthodoxe Bischofskonferenz in Deutschland zu bilden.
Was die orthodoxen Kirchen eint, sind drei Dinge: Der Ritus, das Dogma und die Kanones; mit anderen Worten: Alle orthodoxen Kirchen haben den gleichen Gottesdienst –nämlich die göttliche Liturgie-, dieselbe Lehre und dasselbe Kirchenrecht. Letzteres bedeutet, dass alle Kirchen in gleicher Weise verfasst sind: Es gilt der monarchische Episkopat, der sich dann noch nach oben in Metropoliten, Erzbischöfe und Patriarchen entfalten kann. Jede orthodoxe Kirche muss in diese hierarchische Ordnung eingefügt sein, d. h. letztlich einem Patriarchat unterstehen. Ist eine orthodoxe Kirche autokephal, also mit einem eigenen Oberhaupt selbständig, so muss diese Autokephalie von der Weltorthodoxie anerkannt sein. Alle rechtmäßigen, kanonischen orthodoxen Kirchen sind also durch kirchlich ganz entscheidende Dinge miteinander verbunden. Auf diese Weise gibt es eine Weltorthodoxie, wenn auch keine orthodoxe Weltkirche im römischen Sinn mit einem Papst an der Spitze. In der Orthodoxie ist das Konzil die entscheidende Institution und nicht ein höchstes kirchliches Amt, das durch eine einzige Person vertreten wird.
Die Orthodoxie ist also eins im Glauben, im Gottesdienst und im Kirchenrecht. Wie begründen sich aber nun die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der orthodoxen Kirchen? Das Christentum entstand in der Zeit und Welt des Hellenismus. Die Schriften des Neuen Testaments sind in Griechisch abgefasst, und das war auch die Kirchensprache des Osten und die der Ökumenischen Konzilien. Zu den Grundsätzen der Orthodoxie gehört es aber, Mission mit dem Ziel zu treiben, anderen Völkern die Botschaft des Evangeliums in deren eigener Sprache zu bringen. Anders als im Westen, wo die lateinische Sprache die Christen einte und von Rom aus eine übernationale Kirche entstand, bildeten sich im Osten christliche Nationalkirchen. Das Prinzip einer engen Verbindung von christlichem Glauben mit der Sprache und Kultur des jeweiligen Volkes blieb bis heute in der Orthodoxie die Regel.
Ich zweifle nicht daran, dass das Prinzip der Nationalkirche sich durchaus segensreich auswirken kann. Die enge Verbindung der Kirche mit Sprache, Kultur und Volkstum in den Völkern des Balkans hat entscheidend dazu geholfen, dass diese Völker während der vierhundertjährigen Türkenherrschaft als christliche Völker überlebt haben. Andererseits besteht natürlich die Gefahr, dass aus der Nationalkirche eine nationalistische Kirche werden könnte, falls sich die Kirche nationalen d. h. politischen Zielen zur Verfügung stellt oder gar unerordnet.
Auf jeden Fall aber sind die Unterschiede zwischen den einzelnen orthodoxen Nationalkirchen Unterschiede der Sprache, der Kultur und der Territorialgeschichte. Das alles fällt erst in der Diasporasituation der Kirchen im fremden Land besonders ins Gewicht. Die Sammlung der Orthodoxie hier in Deutschland ist für uns eine wichtige Aufgabe. Sie geht zwar vor allem die Orthodoxen selbst an, hat aber auch eine Bedeutung für die Deutsche Ökumene.
Die Anwesenheit der Orthodoxie in Deutschland –wie ich sie in einzelnen Punkten zu beschreiben versuchte- wuchs in den letzten fünfzig Jahren aus einem Provisorium heraus und wurde zu einem Faktor des kirchlichen Lebens hierzulande, der nicht mehr übersehen werden kann. Natürlich steht für die Orthodoxen selbst die kirchliche Arbeit, die Sorge für die Gläubigen und der Aufbau von Pfarrgemeinden im Vordergrund. Für die Priester und Bischöfe unserer griechisch-orthodoxen Metropolie z.B. ist es die wichtigste Aufgabe, ihren Gläubigen „gute Hirten“ zu sein, durch Gottesdienste, die Sakramente, durch Verkündigung und Seelsorge die Gemeinden und jeden einzelnen Christen geistlich zu versorgen und aufzuerbauen. Für uns steht im Mittelpunkt der Gottesdienst, die „Göttliche Liturgie“. Sie ist Quell alles geistlichen Lebens, weil sie immer aufs neue die Gnade göttlicher Gemeinschaft schenkt. Aus diesem Grund ist es für die orthodoxen Christen auch so wichtig, eigene orthodoxe Kirchengebäude zu haben. Diese eigenen Kirchen fördern ihrerseits wiederum das Wachstum und die Stärkung der Gemeinden. In den fast vierzig Jahren, die ich nun in Deutschland lebe, glaube ich beobachtet zu haben, wie unsere Kirche hierzulande „Fleisch geworden ist“ und sich in vernünftiger Weise integriert hat. Das ist in meinen Augen ein Wunder: Gott hat in seiner Güte unsere Arbeit gesegnet. Aber er hat uns auch bei den Christen der deutschen Kirchen Türen und Herzen geöffnet, wir durften viel brüderliche Hilfe erfahren.
Ich kann es nur als eine freundliche Fügung Gottes ansehen, dass wir als Orthodoxe in ein Land kamen, in dem kirchliche Ökumene bereits im Alltag praktiziert wurde; dann in Deutschland gibt es seit langem ein Zusammenleben von katholischer und evangelischer Kirche, das durch die zahlenmäßig gleichwertige konfessionelle Aufteilung der Bevölkerung unvermeidlich und geboten ist. Obwohl unsere Mutterkirche das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel zu den Initiatoren der Ökumenischen Bewegung dieses Jahrhunderts gehört, ist doch den orthodoxen Christen aus Griechenland Ökumene in den Begel etwas Unbekanntes. Aber in Deutschland haben wir gelernt, was ökumenische Gemeinschaft im praktischen Leben ist. Unsere Metropolie hat von Anfang an auf allen Ebenen –lokal, regional und bundesweit- sehr aktiv an der ökumenischen Arbeit teilgenommen. Von den anderen Kirchen wurden wir in der deutschen Ökumene ohne weiteres und voll akzeptiert. Diese ökumenische Zusammenarbeit und Gemeinschaft ist gewiss ein Gewinn für alle. Aus echten ökumenischen Bemühungen fließt auch so etwas wie eine „politische Diakonie“, d.h. das Streben nach christlicher Einheit fördert die Unterstützung menschlicher und politischer Einigungsbestrebungen. Die Orthodoxie in Deutschland ist sich dieser Aufgabe im Blick auf das sich einigende Europa, auf ein engeres Zusammenwachsen unserer Völker und die Integration auch der Osteuropäer, die zum großen Teil orthodoxe Christen sind, in ein künftiges Europa sehr bewusst. Sie versteht sich dabei auch als eine Brücke zwischen den westlichen Christen und den orthodoxen Kirchen des Ostens.
Zuletzt darf ich noch einen anderen und –wie ich glaube- wichtigen Punkt des gegenwärtigen politischen Lebens ansprechen. Es handelt sich um die Rolle des Islam in unserer heutigen Welt. Alle orthodoxen Kirchen haben jahrhundertelang Erfahrungen sammeln können im Zusammenleben mit den Muslim, -in Russland unter der Tartarenherrschaft, auf dem Balkan während der Türkenzeit und noch heutzutage in der Türkei. Diese Erfahrungen sollten fruchtbar gemacht werden für die Überlegungen und Bemühungen um ein erträgliches und beiden Seiten gerechtwerdendes Verhältnis zwischen Islam und Christentum. Dieses Problem wird für Europa und auch für Deutschland immer wichtiger werden, soviel kann man bereits jetzt sagen.
Ich möchte schließen mit einem herzlichen Dank  an die Evangelisch-Lutherische Landeskirche und ihren hochwürdigen Herrn Bischof sowie Herrn Domprediger Hempel für die Einladung nach Braunschweig, für die liebvolle Vorbereitung der Veranstaltungen meines Aufenthalts in dieser Stadt und für den ehrenvollen Empfang. Die Beteiligung auch der griechisch-orthodoxen Christen bestätigt –so denke ich- meine Ausführungen. Eine solche ökumenische Begegnung gibt uns Hoffnung und ermutigt uns zu weiteren gemeinsamen Schritten in die Zukunft.
 


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