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Weihnachtsbotschaft 2000

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!

Wir orthodoxen Christen haben das einzigartige Privileg, in unseren Gottesdiensten die heilsamen Ereignisse der Ankunft Christi in der Welt zu erleben. Wir erfahren sie mit unseren Sinnen. Die herrlichsten Gesänge erfreuen unsere Ohren und die prächtigsten Ikonen schmeicheln unseren Augen. Darum nimmt heute unser ganzes Dasein Anteil am Mysterium der Menschwerdung. Andächtig küssen wir die Ikone der Geburt des Herrn und folgen so dem Ruf des Hymnus „Kommt, Gläubige, lasset uns schauen!", und wir „sehen" mit eigenen Augen, dass diese Ikone wahre Schätze in sich birgt, die den Himmel mit der Erde verbinden und die Kraft haben, uns zu heiligen und zu verwandeln. Ich möchte Sie jetzt alle einladen, sich geistig die Ikone des Festes zu vergegenwärtigen. Die folgende Betrachtung soll Sie davon überzeugen, dass die Ikone uns helfen kann, die tiefere Bedeutung des Festes der Geburt des Herrn zu erfassen. Ausgehend von dem Hinweis, dass sich die Ikonographie des Festes hauptsächlich am Bericht des Evangelisten Lukas (2,1-20) orientiert, wende ich mich jetzt den Details zu.

In der Mitte der Ikone erkennen wir die tiefdunkle Höhle, in ihr die Krippe, den Futtertrog, in dem das neugeborene, in leuchtend weiße Windeln gewickelte Kindlein liegt. Die Farbkontrast ist nicht zufällig. Die Finsternis der Höhle zeigt uns die Dunkelheit des Hades, des Todesreiches, die Christus in Seiner Auferstehung erleuchten wird, aber auch die Ausweglosigkeit der Welt vor Seiner Ankunft, während uns die strahlend weißen Windeln daran erinnern, dass heute die Sonne der Gerechtigkeit aufgegangen ist, um die Welt zu erleuchten und zu retten. In der Mitte der Ikone findet sich das in Windeln gewickelte Kind, die Mitte der Dinge, das Alpha und Omega, dem alles zustrebt.

Neben Christus liegt oder sitzt die allheilige Gottesgebärerin, die dadurch, dass sie der Botschaft des Erzengels zustimmte, den Beitrag des Menschen zum Plan der Liebe Gottes, Seine Geschöpfe zu erlösen, definiert hat. Die Allheilige ist die neue Eva, die die Unbedachtsamkeit der ersten Eva heilt. Die Mutter unseres Herrn wird zur Ursache unserer Versöhnung mit Gott.

Neben der Krippe sehen wir auch die zwei Tiere: Ochs und Esel. Sie erinnern uns an das Wort des Propheten Isaias: "Es kennt der Ochs seinen Eigentümer und der Esel die Krippe Seines Herrn. Israel aber kennt mich nicht, und mein Volk versteht es nicht" (1,3). Diese Weissagung brandmarkt den Abfall des auserwählten Volkes und deutet zum voraus darauf hin, dass die geistbegabten Menschen Ihm die Gastfreundschaft verweigerten, während die stummen Tiere Ihm Zuflucht und Schutz boten.
Über der Höhle erblicken wir zwei Scharen von Engeln, die eine nach oben, die andere nach unten gewandt. Diese Gebärden offenbaren ihren doppelten Auftrag: Die unablässige Lobpreisung des Herrn der Herrlichkeit (Ehre sei Gott in den Höhen) und die Übermittlung der Frohbotschaft an die Menschen (und Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen). Diejenigen Menschen, die zu Zeugen der Gegenwart dieser Geistwesen wurden, sind keine anderen als die Hirten, die im Freien wachten und des Nachts ihre Herden hüteten. Diese lauteren Menschen ermunterte ein Engel des Herrn, zum Erlöser der Welt, zum guten Hirten zu eilen (Jo 10,11), damit sie - die Repräsentanten jenes guten Teils des Volkes Israel, der die Freudenbotschaft der Erlösung sogleich aufgenommen hat - dank Ihrer Herzensreinheit so die ersten Zeugen Seiner Geburt würden.

Links von der Höhle sehen wir die Weisen, von denen uns der Evangelist Matthäus berichtet (2,1-12). Die Anbetung der Weisen offenbart den Respekt aller Völker gegenüber der Person und der Lehre unseres Herrn. Der Dreizahl der Weisen entspricht die Dreizahl der Gaben, die sie dem göttlichen Kind darbieten: Gold, Weihrauch und Myrrhe, Gaben, die nach der Deutung der Väter auf den Tod und die Auferstehung Christi hinweisen.

Die Weisen wurden von einem Stern zu Christus geführt, einem Himmelskörper, der zum Gegenstand astronomischer Nachforschungen geworden war. Diesen ungewöhnlichen Stern sehen wir ganz oben im Bild, aber nicht zur Gänze. Ein Strahl dringt sichtbar bis zur Mitte der Komposition vor, die auch, wie wir gesehen haben, ihre eigentliche Aussage darstellt. Aber der Strahl hat einen Ursprung, der außerhalb unserer Ikone liegt, im Himmel. Dadurch zeigt sich die Einzigartigkeit des Ereignisses der Ankunft des Erlösers. Der Stern weist also darauf hin, daß der gekommen ist, der Seinen Ausgang nicht in der Welt, sondern außerhalb der Welt hat, also von einem Ort, den unsere Ikone nicht mehr umfasst, um von da in die Mitte der Welt zu gelangen, der Welt, die Er erneuern und verklären will. Nach der Geburt des Gottmenschen ist die Welt nicht mehr dieselbe.

Hiermit hat unsere Betrachtung der Weihnachtsikone eine gewisse Vollständigkeit erreicht, ohne dass wir auf alle Details eingegangen wären. Ich hoffe gleichwohl, dass die Schätze, die sie birgt, sichtbar geworden sind. Uns stehen jetzt zwei Wege offen. Der eine: diese Schätze zu ignorieren und in einer erbärmlichen, erstarrten Religiosität zu verharren. Der andere: sich ihrer zu erfreuen und auch unsererseits den Weg zur Krippe Christi zu gehen. Wenn wir an der Göttlichen Liturgie teilnehmen und die heiligen Mysterien empfangen, nehmen wir tatsächlich am Ereignis der Fleischwerdung unseres Erlösers Jesus Christus teil, an einem Ereignis also, das sich zwar in einem bestimmten historischen Augenblick zugetragen hat, dessen Wirklichkeit aber der Zeit nicht unterliegt. "Gott ist zum Menschen herabgestiegen, damit der Mensch zu Gott erhöht werde. Gott wurde eines Menschen Sohn, damit der Mensch ein Sohn Gottes werde. Das Mysterium Christi erweist sich uns allen und einem jeden für sich als groß und heilsam, sobald wir mit allem, was wir sind, an Christus glauben und in Seinem Leib, der heiligen orthodoxen Kirche, Ihm gemäß leben"(1). Jeder von uns wäge seine Kräfte und beginne damit, Christus zu seinem Leben zu machen (Gal 2,20).

Das ist mein Wunsch und mein Gebet. Möge es der Wunsch und das Gebet eines jeden von uns werden - für das diesjährige und für alle folgenden Weihnachtsfeste unseres Lebens: Auf dass Christus in uns geboren werde und in uns lebe!

Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!
 
+ Metropolit Augoustinos von Deutschland
 

(1) Mönchspriester (jetzt ehemaliger Metropolit der Herzegowina) Athansios Jevtic, "Gott erschien im Fleisch" im Sammelband Christougenna, Edition Akritas, Athen 19913, S. 14


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