Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Jahr für Jahr werden wir einen Monat vor Weihnachten Zeugen einer wundersamen Verwandlung. Alles um uns herum erstrahlt in felstlichen Schmuck. Häuser werden geschmückt, Straßen und Plätze illuminiert. Die Geschäfte baden im Licht, und ihre Auslagen sind mit Waren überfüllt. Um uns herum hasten die Menschen, wie Ameisen beladen mit ihrer Einkaufsbeute, und stolpern ab und an über einen Bettler. Irgendwo in der Ferne spielen fahrende Musiker süße Weihnachtsmelodien und -liedern. Auf den Weihnachtsmärkten umschmeichelt uns der Duft köstlicher Leckereien und des weihnachtlichen Glühweins, der die Kälte lindert, die unsere Glieder durchdringt. Alles erscheint wunderbar. Und alles hat vorgeblich mit der Feier der Geburt unseres Erlösers zu tun.
Und dennoch: All das - die Lichter, die Musik, der Festschmuck, die Geschenke - so schön es auch sein mag: Es begleitet uns nur bis zur Schwelle des Festes, dem Heiligen Abend. Danach bleibt nichts mehr davon. Die winterliche Dunkelheit, die Stille und der Alltag kehren unwiderruflich zurück. Weihnachten geht vorbei, und was bleibt, ist nicht selten lediglich eine Traurigkeit in unseren Herzen. All das, was wir gekauft haben oder was uns geschenkt worden ist, reicht nicht hin, uns innerlich zu erfüllen; im Gegenteil, vieles davon ist unnütz und überflüssig. Die Stille danach und ganz besonders die Stille der Nacht wird zum entsetzlichster Alptraum. Sobald wir uns selbst oder unseren Angehörigen überlassen sind, erschrecken wir vor der Leere in uns und um uns herum, vor unserem Unvermögen, etwas Wesentliches zu sagen, etwas, das über unsere Gemeinplätze und schalen Aufmunterungen hinausginge. Dann kommt uns zu Bewußtsein, daß unsere Armut in dem Maße gewachsen ist, in dem wir uns den reinen Äußerlichkeiten zugewandt und unsere Seele, jenen Teil von uns selbst, der uns so unbekannt ist, vernachlässigt haben. Ist es also wirklich ein Zufall, wenn gerade in diesen Tagen die Zahl derer sprunghaft ansteigt, die ihrem Leben mit eigener Hand ein Ende setzen? Welch ein Abgrund von Einsamkeit, Aussichtslosigkeit und Hoffnungslosigkeit tut sich hier auf?
Und dennoch: Unsere heilige Kirche schenkt uns die Möglichkeit, den
Hunger und den Durst unserer Seele zu stillen. Es ist schade, daß wir
die augenfällige Gelegenheit nicht nutzen, die uns dieses Fest gewährt.
Denn der Hymnus "Heute wir der Heiland geboren" sagt uns gerade dies: daß
auf sakramentale Weise auch wir hier und jetzt an diesem ganz und gar einzigartigen
Ereignis Anteil nehmen. Heute wird unser Herr Jesus Christus, das Brot des
Lebens.das unseren existentiellen Hunger, das lebendige Wasser, das unseren
existentiellen Durst stillt, geboren. In der heiligen Eucharistie kosten und
erkennen wir die Kraft der Fleisch gewordenen Liebe. Darin liegt übrigens
auch der Sinn unserer vierzigtägigen Vorbereitung im Fasten. Das Fasten
intendiert nicht die Schwächung, sondern die Stärkung des Leibes
und der Seele. Es ist gerade der leibliche Hunger, der sich danach sehnt,
zum Hunger nach Gott zu werden. Das Fasten ist das Zeichen unseres guten Willens,
der Gabe der göttlichen Liebe eine Gegengabe zu entbieten. Auf diese
Weise wird unser ganzes Dasein von Freude erfüllt, denn Freude erwächst
nicht aus der schieren Anhäufung von Dingen, sondern Freude ist Gabe
des Heiligen Geistes und innere Befindlichkeit der Seele.
Christus wird geboren. Darum wird auch unsere Hoffnung - fern einer eher
unpersönlichen Philosophie oder Ideologie - konkret; so konkret, wie
die Person des göttlichen Logos, der unsere menschliche Natur kraft
Seiner Teilnahme an ihr im biblischen Sinn des Wortes "erkennt" und teilnimmt
an ihren Leiden, ohne gleichwohl der vollkommenen Gottheit zu entraten,
kraft deren Er sie festigt, heiligt und heilt. Niemand ist mehr allein,
und der irdische Lebensweg eines jeden von uns erlangt so eine unvergleichliche
Bedeutung und Qualität. In dieser Werkstatt, die wir "Kirche" nennen,
wird Gott Mensch und der Mensch Gott der Gnade nach. Das ist das Evangelium,
d. h. die Botschaft der Freude, die in Ewigkeit währt. Diese auf wahrhaft
einzigartige Weise aktuelle Botschaft möchte ich heute Ihnen allen übermitteln
und damit die Bitte verbinden, sie mit solcher Hingabe zu empfangen, dass
unser Leben wieder zum Paradies wird, damit der Kosmos wieder das sein kann,
was er seinem - griechischen - Wortsinn nach ist: Schönheit.
Mit väterlicher Liebe
Metropolit Augoustinos von Deutschland