Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Weihnachten ist der Anfang unserer Hoffnung und unserer Freude. Die Geburt
Christi ist dasjenige Ereignis, das die menschlichen Dinge von Grund auf
verändert. Gott wurde Mensch, um uns durch die gnadenhafte Teilnahme
an Seiner Menschheit Anteil an Seiner Gottheit zu geben. Ohne diese unbegreifliche
Wahrheit in unser Bewusstsein zu heben, können wir uns dem Mysterium
der Geburt Christi nicht auf orthodoxe Weise nähern.
Wenn unser Feiern rein äußerlich bleibt, wenn wir mit Weihnachten
nichts verbinden als nur Lichter und Geschenke, dann stimmt etwas nicht.
Wenn uns Weihnachten weiter nichts bedeutet, dann ist es für uns lediglich
ein Anlass, unsere sentimentalen Bedürfnisse zu befriedigen, oder,
was noch schlimmer wäre, einfach innezuhalten und der unerträglichen
Alltäglichkeit für einen Augenblick zu entkommen.
Unser Fest hat allerdings einen ganz anderen Anspruch. Wenn wir sagen:
"Christus ist Fleisch geworden", sprechen wir von einem Ereignis, dessen
Aktualität unser Vorstellungsvermögen übersteigt. Wir sprechen
nicht von einer abstrakten Idee. Wir sprechen über das Leben an sich,
das Leben, das alles umfasst: unsere Freuden und Leiden, unsere Ängste
und Kämpfe, unsere Erfolge und Misserfolge. Der, der heute geboren
wird, ist die personale Liebe, die Liebe als Person. Diese Liebe ist das
A und 0 des Lebens, sein Geschmack und seine Schönheit.
Worin besteht das Geheimnis, das uns verrät, dass wir verstanden haben,
was wir feiern? Das Geheimnis Siegt darin, dass wir uns die Geburt Christi,
die in einem konkreten historischen Augenblick stattfand, in der Kirche
unablässig zu eigen machen. In der Kirche, d. h. in dem Leib, der uns
in der Einheit mit dem Haupt, mit der Quelle unseres Lebens, mit Christus
bewahrt. Das Geheimnis besteht, mit anderen Worten, darin, dass wir der
Geburt Christi in uns Raum geben. Der Apostel Paulus schreibt in seinem
Brief an die Galater mit Sorge, das Ziel seines ganzen Dienstes sei, dass
"Christus in euch" - und das heißt im erweiterten Sinn: in uns allen
- "Gestalt gewinnt". Wenn wir die Gestalt Christi sichtbar in uns bergen,
haben wir die Fähigkeit, unser eigenes Leben und die ganze Welt zu
verstehen. und zu deuten.
Dazu bedarf es, wie der Apostel Paulus fortfährt, des ungebrochenen
Eifers, unsere Liebe zu Gott und zu den Menschen im Zusammenhang des Alltags
sprechend und handelnd zu bewähren. Und das nicht nur am 25. Dezember,
sondern das ganze Jahr hindurch, an allen Tagen unseres Lebens. Das bedeutet
nichts anderes als die Umwandlung unseres Lebens in ein unablässiges
existentielles Weihnachten.
Christus kommt und klopft an die Pforte des Herzens eines jeden von uns,
um auch unserem Leben Bedeutung und Substanz zu geben. Wird Er aber Herzen
finden, die bereit sind, Ihn aufzunehmen? Ich wünsche Ihnen und mir,
dass keiner von uns allein bleibe, dass vielmehr wir alle die Güte
Seiner Gegenwart kosten.
In väterlicher Liebe
Metropolit Augoustinos von Deutschland