Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Wir alle stimmen darin überein, daß Weihnachten ein, wenn nicht
das Fest der Freude sei. Die Faszination der Lichter, die sentimentalen Weihnachtslieder
auf Straßen und Plätzen, die verführerischen Konsumangebote
sind nur einiges von dem, was zu unserer weihnachtlichen Euphorie beiträgt.
Ist das aber wirklich die Freude dieses Festes, oder gehört diese Freude
einer anderen Wirklichkeit, der unser Weihnachtsfest schließlich zum
Opfer gefallen ist?
Denn die wahre Weihnachtsfreude gilt einer Person. Sie gilt Christus, der
geboren wird, um die Welt zu erlösen. Ich fürchte allerdings, daß
wir heute in aller Vordergründigkeit und Sentimentalität den Sinn
des Festes verloren haben und daß unsere Freude nicht mehr der Teilnahme
an dem unvergleichlichen Ereignis der Gottesgeburt entspringt. Welchen Raum
geben wir Christus in unserer Weihnachtsfeier? Das Evangelium berichtet uns,
daß es bei seiner Geburt keinen Platz für ihn gab. Schließlich
fand sich ein Stall. Und kaum war er zur Welt gekommen, wurde er auch schon
vertrieben und ein Flüchtling. Das ist der Beginn des Lebens Jesu auf
Erden, das mit seinem Tod und seiner Auferstehung endet, jenen Ereignissen
seines Lebens, denen wir unsere Erlösung verdanken.
Ist es nun dieses Ereignis unserer Erlösung, über das wir uns
freuen, oder ist der Schatz unserer Herzen anderswo verborgen? In unserer
krisengeschüttelten Zeit beruhigen wir unser Gewissen dadurch, daß
wir einmal jährlich ein Almosen geben. Und dennoch wird sich nichts
ändern, wenn wir nicht anerkennen, daß wir für den gegenwärtigen
Weltzustand mitverantwortlich sind. Die Welt leidet, und die Verantwortung
derer, die Christen genannt werden, ist riesig. Auf der Suche nach den Herodesgestalten
jedweder Couleur brauchen wir nicht weit zu gehen. Wir selbst, die wir durch
unsere Selbstbezeichnung die Zugehörigkeit zu ihm behaupten, haben ihn
verraten; d. h. wir haben ihn aus unserem Leben verbannt und geben uns nur
den Anschein, als ob wir ihn anerkennten. Die Wahrheit aber ist, daß
auch wir Christus in unserem Leben keinen Raum geben. Noch nicht einmal einen
Stall bieten wir ihm an. Wir finden auch nichts dabei, ihn in die Flucht
zu schlagen, also dahin, wohin unser Interesse kaum noch reicht. Denn seine
Anwesenheit beunruhigt uns.
Und dennoch! Alljährlich und unablässig wartet Christus geduldig
darauf, daß wir ihm Beachtung schenken. Daß wir ihn nicht desinteressiert
übergehen, als ob er nur einer von vielen wäre. Und das nicht um
seinet-, sondern um unseretwillen! Er ist unsere Freude, und wer mit Christus
lebt, der lebt wirklich. Nichts gegen den bunten Festschmuck, die Weihnachtsbräuche,
gegen die Verpackung. Aber es ist töricht, sich damit zu begnügen
und den herrlichen Kern der Sache aus dem Auge zu verlieren. Stellen Sie sich
vor: Ein Kind käme zur Welt, und wir interessierten uns nur für
seine Kleider, seine Wiege und sein schön geschmücktes Zimmer, während
das Kind selbst in irgendeinem Winkel sich selbst überlassen bliebe.
Das scheint uns unglaublich. Aber verhalten wir uns nicht gerade so gegenüber
dieser einzigartigen Geburt, der Geburt Christi?
Ich lade Sie also heute ein zu einem Aufstand der Liebe. Lassen Sie uns
heute unser Herz öffnen und Christus Raum geben, auf daß er unserer
Alltäglichkeit Sinn, Orientierung, Erlösung schenke. Lassen Sie
uns die Gelegenheit beim Schopf ergreifen und in Einfachheit und Beharrlichkeit
versuchen, unser Christsein in der Kirche, das heißt durch Wort und
Tat, zu bewähren und so wahrhaft Weihnachten feiern.
In väterlicher Liebe
Metropolit Augoustinos von Deutschland