Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Heute wird von der allheiligen Gottesgebärerin unser Herr Jesus Christus geboren, damit wir aus eigenem und durch seine Liebe bestärkten Willen das Heil erlangen. Christus wird Mensch, damit wir uns unserem Schöpfer angleichen und Menschen werden, die für sich selbst und die ganze Welt ein Segen sind.
Christus wird geboren und in derselben Stunde wachen nahe bei ihm die Hirten, beten ihn an die Weisen, die vom Aufgang gekommen sind und besingen die Engel des Himmels das Ereignis der Freude. Nur einer nimmt an dieser allumfassenden Freude keinen Anteil. Und nicht nur das; er ist über und über bestürzt. Dieser Mensch heißt Herodes, er ist König und - das erschließen wir aus dem, was wir über sein Leben wissen - ein unsicherer, halbgebildeter und skrupelloser Mensch. Er fürchtet sich davor, dass das neugeborene Kind seiner Macht gefährlich werden könnte. Er kennt die Aussagen der Heiligen Schrift über den Messias, aber er verkennt das Neue, das der Messias der Welt bringt: Eine Erneuerung der Liebe, nicht des Blutvergießens, wie sie die falschen Messiasgestalten inszeniert haben, aber nicht nur diese, sondern auch Herodes selbst, wenn er wenig später den Befehl gibt, die neugeborenen Knäblein im Alter von zwei Jahren und darunter zu töten - und das ist nicht sein einziges Verbrechen. In dem verstockten Herzen des Königs herrschen im buchstäblichen Sinn Bosheit und Wahnsinn. Er kann nicht begreifen, dass es eine Liebe geben könnte, die nicht die anderen, sondern sich selbst für die anderen opfert … Allein die Existenz des neugeborenen Kindes ist ihm lästig, denn er fühlt, dass seine zahllosen Verbrechen ans Licht kommen. Darum wurde schließlich sein Name zum Synonym für rohe Gewalt und Kriminalität.
Doch das Erschütterndste von allem ist, dass die Menschheitsgeschichte keinen Augenblick kennt, in dem der Typus dieses Herodes abwesend wäre. Selbst heute, wenn wir das Fest der Geburt des Herrn in der Kirche liturgisch feiern, werden auf der ganzen Erde Menschen Opfer systematischen Tötens. Und viele, denen das Evangelium nichts bedeutet, und andere, die es, was noch schlimmer ist, durch Mißdeutungen entstellen, wettstreiten miteinander um die größere Zerstörungswut. Christi Ankunft stört bis zum heutigen Tag, denn sie liefert uns keinerlei Rechtfertigung für Gewalt und Anarchie.
Natürlich hat das Fest der Geburt des Herrn auch eine ganz persönliche Bedeutung für jeden von uns, die wir zu seinen Jüngern gehören wollen. Nicht selten ignorieren sogar wir selbst elementare Grundsätze unseres Glaubens oder reduzieren ihn auf das, was uns gefällt, und fangen sogar noch an, andere in unserem Sinn zu belehren. Wieviel Widerstand setzen wir dem Wort Christi entgegen, wenn es unsere Pläne durchkreuzt oder uns daran erinnert, dass wir für unser Leben den falschen Weg gewählt haben. Jedesmal, wenn es nötig ist, mutige Entscheidungen für einen Wandel zu treffen, wird uns Christi Gegenwart zum Prüfstein oder zur Last, denn Christus verlangt von uns beharrlich, dass wir die Sprache der uneigennützigen Liebe sprechen und lässt uns keinen Raum für die Bestürzung, die einen Herodes zum Äußersten trieb.
Christus wird geboren, damit wir wiedergeboren werden.
Damit wir Menschen werden, in deren Herzen der Friede regiert, stark durch
die Kraft der Liebe, glücklich über die Schönheit, der wir in uns und um uns
herum Raum geben dürfen. Die Sonne der Gerechtigkeit lädt uns ein, selbst
das Licht der Welt zu sein. Das diesjährige Weihnachtsfest gibt uns wiederum
Gelegenheit, inmitten des Dunkels unserer gequälten Welt wenigstens so viel
Licht wie eine Kerze zu verbreiten, ein Licht, das leuchtet und wärmt und
uns beständig daran erinnert, dass die Welt berufen ist, in Gottes
ungeschaffenem Licht zu erstrahlen.
In väterlicher Liebe
Metropolit Augoustinos von Deutschland