[Zurück zur vorigen Seite]


Weihnachtsbotschaft 2005

des Metropoliten Augoustinos
von Deutschland

und Exarchen von Zentraleuropa

“Die trennende Mauer ist niedergerissen …”
“Das Paradies ward uns eröffnet …”
(aus der Vesper vom Fest der Geburt des Herrn)

Liebe Orthodoxe Christen in Deutschland!

Die Kirche, die uns im Ablauf eines Jahres alle Stationen unseres Heils vergegenwärtigt, verwandelt das Heute unserer Alltäglichkeit in das Heute der Geburt des Herrn. So wird die Feier der Geburt Christi auch zur Wiedergeburt unserer Hoffnung. Wie die Menschen aller Zeiten, so leben auch wir mit der Sehnsucht, eine unerschütterliche Stütze im Leben zu finden. Wir suchen eine sichere Zuflucht, die es uns erlaubt, vor allem unseren seelischen Schmerz und unsere existenzielle Furcht lindern zu können. Wir sehnen uns nach einer unerschöpflichen Quelle, die unseren Willen und unsere Widerstandsfähigkeit im alltäglichen Kampf stärkt. Wir sehnen uns danach, den Schlüssel des Glücks zu entdecken, der unserem Leben Sinn und Freude erschließt.

Alle diese Erscheinungen sind Ausdruck unserer Sehnsucht nach dem Vaterhaus, der Sehnsucht, zu unserem Schöpfer zurückzukehren. Gott hat den Menschen aus Liebe geschaffen, und der Mensch kann ohne die Liebe Gottes nicht leben. Gott hat dem Menschen das Leben geschenkt, und dennoch hat der Mensch den Tod gewählt. Aber die Liebe kennt keine Grenzen. Die Liebe verzeiht und rettet. Das ist das Geheimnis der Geburt Christi. Sie eröffnet uns von neuem den Weg. Sie reißt die Zäune ein, die uns wie eine Mauer von der Liebe Gottes trennen. Nichts mehr kann uns von der Liebe Gottes trennen. Das Paradies hat aufgehört, lediglich Gegenstand einer resignierten Erinnerung zu sein. Es ist Wirklichkeit und zugleich gegenwärtige Möglichkeit für jeden von uns. Wir sind keine Fremden und Rechtlosen mehr. Wir gehören wieder der Familie Gottes an.

Darum ist unsere Hoffnung keine abstrakte Idee, keine vorübergehende Ideologie oder - was noch schlimmer wäre -  keine tragische Illusion. Unsere Hoffnung ist nun eine Person, die Person Jesu Christi. Der Sohn Gottes hat Fleisch angenommen und ist Mensch geworden, damit unsere Hoffnung Gestalt gewinnt und die persönliche Geschichte eines jeden von uns der Übergang vom Ende des Todes zur Ewigkeit der Liebe sein kann.

Doch wenn das alles stimmt, warum gibt es dann in uns und um uns so viel Hoffnungslosigkeit und Dunkelheit? Weil die Sonne der Gerechtigkeit, Christus - im Gegensatz zu den unzähligen unechten Lichtern unserer sogenannten Zivilisation - nur im Leben derjenigen strahlt, die ihn freiwillig suchen. Die Liebe drängt sich nicht auf, sie übergeht nicht die persönliche Verantwortung. Die Liebe gründet im gegenseitigen Vertrauen, und das ist letzten Endes der Glaube. Der erste, der glaubt, ist Gott! Er vertraut dem Sauerteig, den er in uns gelegt hat. Unsererseits sollen wir an jene Schönheit glauben, die wir in uns haben, und Christus vertrauen, der die Schönheit ist, die die ganze Welt rettet.

Wenn diese persönliche Begegnung stattfindet und Christus die Finsternis erleuchtet, gewinnt unser Leben Sinn. Unser Herz wird tapfer. Unser Wille wird stark. Unsere Probleme werden relativiert und unsere Prioritäten wandeln sich. Die Hoffnungslosigkeit verliert ihre Macht und wir werden zu ausgeglichenen und begnadeten Menschen.

Darum bitte ich mit dem Apostel Paulus, Gott möge uns aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit schenken, dass wir in unserem Innern durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmen, damit Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohne und wir in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet seien!

 

In väterlicher Liebe

 + Metropolit Augoustinos von Deutschland


[Zurück zum Seitenanfang]

[Zurück zur vorigen Seite]