Liebe Orthodoxe Christen in Deutschland!
So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit keiner von denen, die an ihn glauben, verloren gehe, sondern das ewige Leben habe. Und dennoch: Christus wird verfolgt! Noch bevor er geboren war, gab es keinen Platz für ihn in Bethlehem. Ein Stall war das erste, was er erblickte; das war es, was die Menschen seinem irdischen Leben zugestehen wollten. Nur wenig später wurde er, noch ein Säugling, gezwungen, mit seiner Flucht nach Ägypten die Erfahrung der Vertreibung zu machen. Und schließlich, als er anfing, mit Worten und Taten einer unvergleichlichen Hingabe und Menschenliebe das Reich Gottes zu offenbaren, haben die Menschen ihn erneut vertrieben und versucht, ihn umzubringen. Als sie ihn endlich gekreuzigt hatten, glaubten sie, ans Ziel gekommen zu sein. Und selbst auf dem Kreuz, als er mit ausgebreiteten Armen die ganze Welt und selbst die noch umarmte, die ihn hassten, blieb er ein Fremder, sogar von nahezu allen Seinen verlassen.
Es scheint so, als ob der Mensch eine so große Liebe nicht erträgt … Die Unfähigkeit, die Liebe auszuüben, scheint geradezu ein Kennzeichen unserer Natur zu sein. Und alle, die das gewagt haben oder wagen, zu lieben, haben denselben Preis für die Liebe bezahlt, den auch Christus selbst bezahlt hat, oder bezahlen ihn immer noch. Und so bewahrheitet sich sein Wort: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.“ Das gilt für uns alle, die wir ein Leben im Glauben führen wollen, ein Leben in Übereinstimmung mit dem Willen Jesu Christi. Wie oft ist nicht die Rede von Christenverfolgungen: in der Heiligen Schrift ebenso wie in der Geschichte der Kirche bis zur Gegenwart. Und weil das Böse nicht die Einfalt der Liebe hat, tauchen die Verfolger der Freunde Christi in ganz unterschiedlicher Gestalt und unter wechselnden Masken auf.
Diejenigen, die solche Verfolgungen erfahren haben, wissen: Die einzige Antwort auf die Torheit der innerweltlichen Gewalt ist die Liebe; und das einzige Recht des Christen ist das Recht, zu lieben. Denn Christus erwartet von uns nichts anderes, als dass wir uns seine Liebe zu eigen machen. Diese Liebe macht uns fähig, denen zu verzeihen, die uns anfeinden, und für alle die zu beten, die uns verfolgen. Und weil dieser Kampf so schwierig, ja so undurchführbar zu sein scheint, ist es gut, sich daran zu erinnern, dass gerade das, was für Menschen unmöglich ist, möglich ist für Gott. Die Gnade seiner Liebe gibt uns die Kraft zu lieben. So sehr zu lieben, dass wir uns dem Apostel Paulus annähern, der so weit gehen konnte, zu bekennen, dass er sich freue, um Christi willen verfolgt zu werden, „denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10). Dieses Zeugnis ist aus zwei Gründen so außerordentlich bedeutsam: Erstens schenkt es uns die Gewissheit, dass Gott uns niemals im Stich lässt; zweitens unterbricht es den scheinbar unaufhaltsamen Kreislauf der Gewalt, die viele für Stärke halten. Dieses Missverständnis ist daran schuld, dass das Böse sich auch durch unser Fortschreiten im Guten anscheinend nicht aufhalten lässt. Wirkliche Stärke, wirklichen Mut beweisen wir dadurch, dass wir alle Bedrängnisse in Geduld und Glauben ertragen; dass wir, statt andere zu opfern, uns selbst für sie opfern.
Das Kind von Bethlehem, der für uns Fleisch gewordene Gott, entlarvt den Betrug, der hinter jeder zur Schau gestellten Stärke steht, und offenbart zugleich die Schönheit, die dem Opfer der Liebe innewohnt. Untrügliches Richtmaß und Kriterium der Wahrheit ist die Tod und Auferstehung vereinende Liebe zu uns selbst, zu unserem Nächsten und zu Gott, zu dem, der uns zuerst geliebt hat. Nichts mehr kann uns trennen von der Liebe Christi. Und darum ist es heute, am Tag seiner irdischen Geburt, mein innigster Wunsch, dass er uns die Kraft zu lieben schenke.
Gesegnete Weihnacht!
Bonn am 25. Dezember 2006
+ Metropolit Augoustinos von Deutschland