Liebe orthodoxe Christen in Deutschland!
Wir feiern das vorletzte Weihnachtsfest des XX. Jahrhunderts und zugleich das vorletzte des zweiten Jahrtausends nach Christi Geburt. Wir feiern das Fest, das Jahrhunderte vor Christi Geburt die Heiligen des Alten Testamentes prophetisch vorhergesehen und angekündigt haben, ohne freilich seine Freude und seine heilsamen Früchte zu genießen. Wir alle, alle Christen können an dieser heilsamen Freude teilhaben. Die Freude des heutigen Festes ist wirklich heilsam, denn sie entspringt unmittelbar dem Mysterium der Menschwerdung Gottes in der Welt. Sie bedeutet für die Gläubigen aller Zeiten das unerschütterliche Fundament wahrhafter Hoffnung, nie versiegende Quelle des Lebens, der Erwartung des Reiches der Himmel und schließlich untrügliche Gewissheit des Sieges über den Teufel und seine unter vielen Namen verborgenen Mitarbeiter in der Welt.
Was keinem Zweifel unterliegt, ist das Mysterium selbst; die Kraft der Liebe Gottes zum Menschen, dank deren Gott in der Welt "im Fleisch" erschienen ist; die göttliche Herablassung, durch die "das große Mysterium der Gottseligkeit" (1 Tim 3,16) in's Werk gesetzt wurde. Zum Nachweis ^11 dessen genügt, so glaube ich, die Frage des hl. Johannes Chrysostomos: "Sagt mir: Welche Frau, die ihren Lebensunterhalt mit Betteln bestreitet, und sei es die ärmste in der Welt, hätte nicht ein wenn auch noch so dürftiges Bett für ihr neugeborenes Kind?" Doch der neugeborene Christus hatte nicht einmal das. Was in Zweifel gezogen wird, ist, ob wir Christen uns die wahrhafte Bedeutung der Geburt Christi zu eigen machen und ob wir diese Bedeutung in unserem persönlichen und in unserem gesellschaftlichen Leben erfahren und realisieren. Es ist ebenso tragisch wie wahr, dass der moralische Zustand der Welt anders als der wirklich erstaunliche materielle und technologische Fortschritt unserer Tage sich gegenüber demjenigen früherer Epochen der Menschheitsgeschichte in keiner Weise gebessert hat. Charakteristisch ist in diesem Zusammenhang der folgende Text des hl. Johannes Chrysostomus. Nach seinen Worten harrte die Welt der Ankunft Christi, "weil die ganze Welt von Bosheit erfüllt war und allenthalben Gottlosigkeit waltete ... Das Gesetz war machtlos; kein Prophet ließ sich vernehmen; Mahnungen, Wunder, Züchtigung und Strafe waren wirkungslos; die Erde wurde vom Blut des Menschen befleckt; die Natur selbst wurde verkannt ... Groß war die Kraft der Bosheit ... Es gab keine Hoffnung auf Heil, und keiner wagte es, Gott anzurufen."
Wer könnte bezweifeln, dass dieser Text mutatis mutandis auch unsere Zeit treffend und plastisch darstellt? Herrschen etwa nicht auch in dieser Zeit der neuen Weltordnung und Globalisierung Unsicherheit, Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit? Wird nicht etwa auch heute der Gerechte mundtot gemacht? Werden nicht auch heute alle berechtigten Mahnungen verworfen? Ist nicht auch heute die Erde vom Blut der schuldlos Gemordeten getränkt? Seufzt nicht auch heute die Natur unter der Last von Umweltverschmutzungen jeder Art? Und schließlich: Gerät nicht auch der heutige Mensch in diametralen Gegensatz zum Gesetz der Gnade Gottes?
Es genügt eben nicht, einfach nur zu verkündigen, dass der Fleisch gewordene Herr unsere einzige Stütze, die einzige Quelle unserer Freude und die einzige Hoffnung auf Erlösung ist. Der heutige Mensch muss endlich aufhören, sich durch barbarische und unmenschliche Taten zu entwürdigen. Die ganze gegenwärtige Menschheit muss ihre Taten und Dispositionen an der tatsächlichen Bedeutung des Gesangs der Engel orientieren: "Ehre sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen" (Lk 2,14).
Die Hoffnung derer, die wirklich an die Liebe und Gerechtigkeit Gottes glauben, ist nicht trügerisch. Wenn aber diese Hoffnung für jeden von uns gelten soll, so insbesondere für unsere Kinder. Für die Kinder der ganzen Welt, denen das heutige Fest in ganz besonderer Weise gehört. Es ist also an der Zeit, unser Bewusstsein der Liebe zu öffnen und unser Tun in den Dienst der Tugend und der geistlichen Erbauung zu stellen. An erster Stelle müssen die Machthaber und die Regierenden, deren Händen das Geschick der Völker anvertraut ist, diese Prinzipien verinnerlichen. Das heutige Fest bietet die Gelegenheit, Praktiken und Einstellungen des vergehenden Jahrhunderts, um deretwillen wir uns schämen müssen, zu revidieren. Gewiss können wir den Einwand gelten lassen, dass in vielen Fällen dieselben historischen Ereignisse in jeder nationalen Geschichte, in jedem Volk anders gewertet werden. So kann es z. B. sein, dass dasjenige, was dem einen Volk als Katastrophe gilt, ^o^ einem anderen als Rettung betrachtet wird. Die Geschichte und die geschichtliche Erinnerung eines jeden Volkes steht also unter besonderen, charakteristischen Bedingungen. Diese Besonderheit ist unmittelbar mit der Art und Weise verbunden, wie Menschen lernen, ihre geschichtliche Vergangenheit zu resümieren und anzueignen. Wenn solche Einwände auch berechtigt und teilweise zutreffend sein mögen, so befreien sie uns dennoch nicht von unserer moralischen Verantwortung gegenüber dem Elend, dem Schmerz, dem Hunger, der Verwaisung, der Tragödie in unserer Nachbarschaft. Als Europäer erwarten wir den Beitrag der Europäischen Gemeinschaft zur Wiederherstellung der moralischen Ordnung, zur Behebung der Ungerechtigkeiten und zur Heilung der Wunden. Der Anfang dazu muss von unserem alten Kontinent ausgehen.
In Christus geliebte Brüder und Schwestern!
Ihnen allen wünschen wir aus ganzem Herzen ein gesegnetes Fest. Insbesondere aber denken wir aus Anlass dieses Festes an die Opfer der jüngsten Erdbeben in Griechenland und der Türkei. Wir beten für die Toten und wünschen den Überlebenden eine schnelle Besserung ihrer jetzigen und die Wiederherstellung ihrer ursprünglichen Lebensbedingungen. Unsere ungeteilte Sympathie gilt auch allen Betroffenen und Opfern des Krieges in Jugoslawien. Darüber hinaus denken wir an alle Opfer der Naturkatastrophen und kriegerischen Konflikte dieses Jahres weltweit. Wir beten um die Heilung der Wunden und um Hilfe für alle, die in Not sind. Wir bitten schließlich das neugeborene Kind von Bethlehem, der Welt Beständigkeit, Frieden und Liebe unter den Völkern zu schenken, denn nur so betreten wir unangefochten die Schwelle zum bevorstehenden XXI. Jahrhundert.
Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!
+ Metropolit Augoustinos von Deutschland