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HIRTENBRIEF
zum Beginn der heiligen großen vierzigtägigen
österlichen Fastenzeit

+ B a r t h o l o m a i o s
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
dem GANZEN Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus, Unserem Erlöser,

von uns aber Fürsprache, Segen und Vergebung

* * *

Im Herrn geliebte Kinder,

unsere heilige orthodoxe Kirche hat durch die heiligen Väter die große vierzigtägige Fastenzeit als den Zeitraum eines jeden Jahres bestimmt, der der Buße  gewidmet ist. Gewiss bedürfen wir jeden Tag und jede Stunde der Buße, aber in der österlichen vierzigtägigen Fastenzeit lädt uns die Kirche ein, die Buße noch  tiefer zu erfahren.

Doch was ist eigentlich die Buße, die die Kirche uns so sehr anempfiehlt?  Viele sagen: Ich fühle mich nicht als Sünder und habe keinen Bedarf für Buße.  Doch die heiligen Väter betonen, dass die Buße unerlässlich ist, nicht nur für die Sünder, sondern auch für die Gerechten. Der einfache Christ fragt sich darum: Für welche  Vergehen müssen die Gerechten Buße tun?

Unsere heilige Kirche präsentiert uns in jener vier Wochen dauernden  Periode, die der vierzigtägigen großen Fastenzeit vorausgeht und die uns somit  auf die Buße vorbereitet, drei Typen von Menschen, die, obwohl sie der Buße  bedurften, es ablehnten, Buße zu tun, weil sie die Notwendigkeit dazu nicht  einsahen, und dagegen das Bild eines Menschen, der aufrichtig Buße tat.

Wir alle kennen natürlich den sündigen Zöllner, der es im Bewusstsein seiner  vielen Sünden nicht wagte, seinen Blick zum Himmel zu erheben, an seine Brust  schlug und sagte: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" Doch weil wir nicht alle das  Empfinden unserer Sündigkeit haben wie er, sind wir auch in Verlegenheit darüber, wovon wir uns bekehren und warum wir Buße tun sollen.

Den Ausweg aus dieser Verlegenheit bieten uns jene drei abstoßenden  Menschentypen, die uns das Heilige Evangelium vor Augen führt, damit wir in ihnen beispielhaft erkennen, wovor wir uns hüten müssen.

Der erste ist der allen bekannte Pharisäer, der zwar bestimmte  Forderungen des Gesetzes Gottes erfüllte, d. h. solche, deren Erfüllung den Menschen ins Auge springt, der sich aber selbst für gut hielt, während er in  seinem Herzen jene Menschen verurteilte, die sich unterschiedlicher Vergehen schuldig gemacht hatten. Doch dieses Überzeugtsein von der eigenen Güte, noch  mehr aber die Verurteilung unserer Mitmenschen für ihre Verfehlungen sind  krankhafte Zustände der Seele, die die Wirklichkeit nicht mehr wahrnimmt und  demzufolge der Umkehr bedarf, um die Wahrheit über sich selbst und. die  anderen zu erkennen; um dadurch aus ihrer Verirrung befreit und gerettet zu werden, dass sie sich in Demut und Reue über ihre bis zu diesem Augenblick  hochmütige Haltung jenem Christus nähert, der sanftmütig und demütig von  Herzen ist.

Der zweite abstoßende Typus, den uns das Heilige Evangelium zu dem  Zweck vor Augen führt, dass wir uns vor seiner Verfehlung bewahren, ist der  scheinbar "gute" Sohn, der nicht verlorene Sohn des Gleichnisses vom verlorenen Sohn. Dieser Sohn hat den Reichtum seines Vaters nicht in einem  heillosen Leben vergeudet, noch die frevlerischen Taten seines verlorenen  Bruders verübt, und hat ebendeshalb keine Nötigung zur Buße empfunden. Dennoch ist uns allen klar, dass er hartherzig und egoistisch war, dass er den guten Empfang, den sein Vater dem bußfertig heimgekehrten verlorenen Bruder  bereitete, nicht ertrug und dass auch er eines Sinneswandels, d.h. der Buße bedurfte, um seine Verirrung einzusehen und gerettet zu werden durch die Nähe  zu Christus, der will, dass alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen.

Der dritte Typus, durch den uns das Evangelium zum Beginn des Triodions  zeigt, was wir vermeiden sollen, findet sich in zahllosen Menschen repräsentiert,  die gegenüber der Not ihrer Mitmenschen hart und gefühllos bleiben. Es sind alle  diejenigen, die den Hungernden die Nahrung vorenthielten, obwohl sie selbst gesättigt waren; die den Durst der Dürstenden nicht stillten, während sie selbst zu  trinken hatten; die die Nackten nicht bekleideten, während sie selbst hinreichend  und mehr als hinreichend, ja nicht selten luxuriös bekleidet waren; die das Los der  Gefangenen nicht bekümmerte, während sie selbst die Güter der Freiheit genossen; ganz allgemein diejenigen, die an ihrem eigenen Wohlleben interessiert  waren, während ihnen die Erfüllung der Bedürfnisse ihrer Mitmenschen  gleichgültig war.

So sehr wir auch, im Herrn geliebte Kinder, bemüht sind, den Zustand  unserer Seele zu kaschieren und zu beschönigen, ist es doch unmöglich, in der  Tiefe unserer Seele nicht auf Elemente jener drei vom Evangelium typisierten  Charaktere zu stoßen, die von sich glaubten, keine Sünder zu sein und der Buße  nicht zu bedürfen, vielmehr vor Gott gerechtfertigt zu erscheinen.

Infolgedessen bedürfen wir alle der Buße, um unser Herz mit der Liebe zum  Mitmenschen zu durchdringen, mit Mitleid und Barmherzigkeit, mit der Annahme  unseres heimkehrenden und reuigen Bruders, mit der Erkenntnis, dass unsere  Tugenden vor dem Angesicht Gottes nichtig sind und dass wir alle zur Liebe und Demut, Selbsterkenntnis und Reinigung von geistiger Befleckung und einer  verdrehten egozentrischen Denkweise verpflichtet sind.

Besonders wir orthodoxe Christen sind gehalten, das geistliche Leben  unserer orthodoxen Kirche zu leben, damit auch die konfessionell von uns  getrennten Brüder die Gnade sehen, die Gott in uns gelegt hat, und zum orthodoxen Glauben hingezogen werden. Aber um das geistliche Leben unserer Kirche zu vollziehen, bedürfen wir der Bu?e, eines tiefgreifenden Sinneswandels, der Abkehr von der in den oben erwähnten Typen paradigmatisch dargestellten  Schlechtigkeit, der Erniedrigung unserer selbst und der Erkenntnis unserer Schwäche, damit die Gnade Gottes, die nur den Demütigen, nicht aber den Hochmütigen verliehen wird, auch auf uns herabkommt. Denn Gott kann dem  Abraham selbst aus Steinen gute, gläubige, Ihn und ihre Mitmenschen liebende  Kinder erwecken. Und wenn wir uns selbst nicht als Arbeiter erweisen, die Seines  Weinberges wert sind, so wird Er diesen anderen Winzern anvertrauen, die Ihm  seine Früchte bringen.

Lasst uns also, geliebte Kinder, uns dem Kampf der Buße hingeben, damit  wir unablässig verwandelt werden durch die Erneuerung unseres Geistes und  tatkräftig jene Bürde des Gesetzes auf uns nehmen, die Christus als "die  wichtigere" bezeichnet: die Gerechtigkeit und das Erbarmen, die Liebe, die Demut, die Annahme des anderen, die Sehnsucht nach der Rettung aller, die  tätige Sorge für alle - weit entfernt davon, uns selbstgefällig auf dem Erbe unserer Väter auszuruhen. Denn nur dann werden wir unserem Vater ähneln,  wenn wir unsere verlorenen Brüder statt mit der Verweigerungshaltung jenes  älteren Bruders mit denselben geöffneten Armen empfangen, mit denen der Vater  des Gleichnisses den verlorenen Sohn empfangen hat.

Dieser Wandel unseres Sinnes ist die Buße, die Bekehrung, nach der wir suchen. In den Augen der heiligen Väter der orthodoxen Kirche ist er entscheidend im Gegensatz zu vielen Übungen leiblicher Enthaltsamkeit, die nur dann hilfreich  sind, wenn sie zu diesem Sinneswandel beitragen, nicht aber dann, wenn sie in  uns die Illusion von Tugend nähren.

Der allgütige Herr erleuchte unsere Herzen, damit wir verstehen, wie sehr  ein jeder von uns der radikalen Überprüfung seiner geistigen Einstellung bedarf,  damit wir das alte Gebäude einer überkommenen Mentalität durch jenes neue  Gefüge von Überzeugungen und Einsichten ersetzen, das uns unser Herr Jesus  Christus, der einzige Erneuerer der Welt und des Menschen, nahelegt.

Ihm gebührt alle Ehre und Anbetung von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Heilige große vierzigtägige Fastenzeit 2000
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott


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