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Unsere heilige orthodoxe Kirche erinnert uns stets daran, dass wir uns in der Tugend üben müssen, denn unser allguter Schöpfer hat den Ersterschaffenen aufgetragen, die Gottähnlichkeit dadurch zu erlangen, dass sie Enthaltsamkeit üben, d. h. ihre Begierden beherrschen. Diese Beherrschung der Begierden, die eigentliche Übung der Enthaltsamkeit, galt nicht nur den Ersterschaffenen, sondern wird von jedem Christen verlangt, und zwar lebenslang.
Da unsere Kirche weiß, dass der Mensch die Tendenz hat, nachlässig zu werden und seine kämpferische Disposition preiszugeben, hat sie mehrere Zeitspannen intensiverer asketischer Bemühung verfügt. Diese Zeitspannen gehen den großen Festen voran. Es sind Zeiten des Fastens, denn auch das Gebot, das Gott den Stammelten") gegeben hatte, war ein Fastengebot.
Wir stehen am Beginn der heiligen und großen österlichen Fastenzeit, der wichtigsten Fastenzeit des Kirchenjahres, die uns auf das Osterfest, das Fest der Auferstehung Christi und Seines Sieges über den Tod, des finstersten Feindes des Menschen; vorbereitet.
Die Rennbahn der Tugenden steht offen, singt die Kirche und lädt uns ein: "Die ihr kämpfen wollt, tretet ein, zum guten Kampf des Fastens gegürtet". Doch ist das Fasten gewiss nicht der einzige Kampf, den wir in dieser großen Fastenzeit bestehen sollen. noch besteht der Zweck der Enthaltsamkeit darin, Leistungen zu verrechnen, Der Zweck der Enthaltsamkeit besteht vielmehr darin, dass wir unsere Seele zum Guten wenden, dass wir sie mit tätiger Liebe zu Gott und dem Nächsten erfüllen, mit Vertrauen auf die göttliche Vorsehung, mit Friede, Glaube und Gebet, d. h, dass wir sie zu der segenspendenden Gemeinschaft mit Gott bewegen.
Was uns an dieser Gemeinschaft hindert, ist in erster Linie unsere Selbstbeschränkung: die Selbstgenügsamkeit, die Introversion, der Egozentrismus, der Stolz, die pharisäische Maske der Selbstrechtfertigung und des Selbstgenusses. Was uns hingegen zu dieser Gemeinschaft verhilft, ist die Öffnung unseres Herzens für den Mitmenschen: die Liebe, das Erbarmen, das Mitleid, der Beistand, die Demut und das Empfinden dafür, dass wir des anderen ;n unserem Leben bedürfen,
Darum zielt die orthodoxe Form christlicher Askese, wie wir schon gesagt haben, nicht auf die Bilanzierung von Leistungen zur Mehrung der menschlichen Eitelkeit, sondern auf das Wachstum der Liebe, der Demut der Seele und all ihrer guten Dispositionen. Der orthodoxe Christ weiß, dass jede Askese ohne die Gnade Gottes unfruchtbar bleibt. Darum bemüht er sich um eine geistliche Verfassung, die der Gnade Gottes wohlgefällig ist; diese Verfassung ist diejenige der uneigennützigen, friedlichen und demütigen Liebe. Er weiß, dass diese Verfassung ein Geschenk Gottes ist, und darum hat er seine Freude daran, stets demütig unter dem Schutz der ihn überschattenden göttlichen Gnade zu verbleiben. Er weiß sehr wohl, dass er diesen Schutz der göttlichen Gnade in dem Moment verliert, in dem er sich pharisäisch über andere erhebt, in dem er aufhört, sich beständig in jener Demut zu üben, die mit der Erkenntnis der eigenen Schwachheit, wie er sie im enthaltsamen Leben erfährt, gleichbedeutend ist, und dass er so in den Zustand geistlicher Austrocknung und Unfruchtbarkeit verfallt. Daraus ergibt sich: Je mehr Gnade er empfängt, desto mehr empfindet er seine eigene Unwürdigkeit gegenüber dieser göttlichen Gabe, aber auch deren wunderbare Größe.
Seht also, im Herrn geliebte Kinder, den Weg der Geradheit, den uns unsere heilige Kirche weist und den vor uns unzählige Gläubige erfolgreich beschriften haben und bis heute zahllose unserer Brüder und Schwestern beschreiten. Lasst auch uns diesen Weg wählen und den guten Kampf der uneigennützigen Liebe, des Fastens. des Gebetes und der uns zur Höhe erhebenden Demut kämpfen, damit wir, so geläutert, die lebensspendende Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus empfangen. Amen.
Heilige große vierzigtägige Fastenzeit 2001
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott