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In Christus geliebte Brüder und Schwestern!
Zu Beginn des Triodions hören wir ein ergreifendes Troparion, in dem
es heißt: „Öffne mir, Lebensspender, das Tor zur Umkehr!“ Es fällt
auf, daß die heilige orthodoxe Kirche uns für unsere Buße
einen langen Zeitraum zur Verfügung gestellt hat. Aber sie erinnert uns
auch täglich und stündlich daran, daß wir der Buße bedürftig
sind. Sie weiß, daß die Buße die Grundlegung des geistlichen
Lebens und der Rettung jedes Menschen ist. Das bezeugt auch die Tatsache,
daß sowohl der heilige Johannes der Täufer als auch unser Herr
Jesus Christus ihre Verkündigung damit begannen, daß sie das Volk
ermahnten, Buße zu tun.
Wie schon der Wortlaut des griechischen Wortes „meta-noia“ verrät,
handelt es sich bei der Buße um einen Sinneswandel, um einen Wandel
unserer geistlichen Einstellung zur Welt und zu Gott. Gewiß bedeutet
Buße auch die Absage an unsere Sünden und die Entscheidung, in
Zukunft in Übereinstimmung mit den heiligen Geboten Gottes zu leben.
Aber in erster Linie bedeutet sie eine Erneuerung und einen Wandel unseres
Denkens, unserer Wertschätzung der materiellen und der geistlichen Welt,
eine dem Willen Gottes entsprechende Neuordnung jener Werte, nach denen wir
unser Leben ausrichten.
Wenn wir bis jetzt der Anhäufung von Reichtum den Vorrang gaben, so
sollten wir uns von jetzt an darauf verlegen, die materiellen Güter gerecht
und zum Nutzen aller zu verwenden. Wenn wir bis jetzt auf die Befriedigung
unserer individuellen Bedürfnisse geachtet haben, so sollen wir von jetzt
an auch die Bedürfnisse der anderen im Auge haben. Dabei sollten wir
mit unserer Familie beginnen. Aber wir sollten auch die größere
Familie der Gesellschaft, in der wir leben, nicht vergessen. Und wenn es möglich
ist, auch nicht die ganze Menschheit.
Wenn bisher die Frage „Wie können wir das irdische Leben erfolgreich
bestehen?“ im Mittelpunkt unserer Interessen stand, so muß sich von
jetzt an unser Interesse auch auf das Leben nach dem Tod erstrecken. Wenn
unsere Überlegungen und Interessen bis jetzt den menschlichen Wissenschaften
und Fertigkeiten galten, so sollten wir uns in Zukunft auch für die heilige
Wissenschaft und die Kunst des geistlichen Lebens interessieren, denn auch
diese hat ihre Gesetze und bedarf einer entsprechenden Übung und Zurüstung.
Wenn wir bis jetzt danach trachteten, gute Beziehungen mit den Mächtigen
dieser Welt zu haben, so sollten wir in Zukunft darauf achten, freundschaftlichen
Umgang auch mit den Mächtigen der geistlichen Welt, mit unserem Herrn
Jesus Christus, der Gottesgebärerin und den Heiligen zu pflegen. Wenn
wir bislang unser eigenes Urteil und unsere eigene Auffassung dem Urteil
anderer vorgezogen haben, so sollten wir in Zukunft anerkennen, daß
die Auffassung anderer oft richtiger als unsere eigene ist. Überhaupt
wird unsere Buße dann zum Erfolg führen, wenn wir unsere Auffassungen
und unsere Wertschätzung der Dinge einer täglichen Revision unterziehen
und sie so lange korrigieren, bis sie mit den Positionen unserer heiligen
Kirche, die mit den Positionen des Evangeliums identisch sind, mit den heilsamen
und wahren Lehren unseres Herrn Jesus Christus, übereinstimmen. Zu all
dem muß auch das aufrichtige und demütige Bekenntnis unserer Sünden
vor dem Priester kommen, dem von Gott die Macht verliehen wurde, die Sünden
zu behalten oder zu vergeben. Es gibt keine Buße ohne das reine Bekenntnis
unter dem menschenliebenden Epitrachilion des Beichtvaters. Im Sakrament
der Buße wird der Christ durch die Gnade des Heiligen Geistes nicht
nur von jeder Befleckung gereinigt, sondern auch von den Wunden seiner Leidenschaften
geheilt und geistlich neu geboren und empfängt die Kraft, seinen guten
Kampf fortzusetzen. Und weil die Vollkommenheit der göttlichen Lehren,
nach denen sich unser Geist und unser Herz richten sollen, unermeßlich
ist, darf notwendigerweise auch die Buße keine Unterbrechung erfahren,
wie die heiligen Väter der orthodoxen Kirche uns lehren. Das gilt selbst
für die, die nach menschlichem Ermessen vollkommen sind, sofern es solche
Menschen überhaupt gibt.
Im Herrn geliebte Brüder und Schwestern, laßt uns nicht sagen,
wir hätten keine Sünden und bedürften der Buße nicht,
denn dann liefen wir Gefahr, dem verwerflichen Hochmut des Pharisäers
zu verfallen. Wir alle bedürfen der Umkehr, weil wir alle, wie vollkommen
wir auch sein mögen, einer umfassenderen Kenntnis des göttlichen
Willens, des Wachstums an Liebe, an Verzeihen, an mit Erkenntnis gepaartem
Eifer und an Interesse für das geistliche Leben ermangeln.
Es gewähre uns der Heilige Gott auf die Fürbitten der heiligen
Gottesgebärerin und aller Seiner Heiligen, daß wir die heilige
Fastenzeit körperlich gesund und mit zur Umkehr bereiter Seele bestehen
und gereinigt und erneuert zum heiligen Osterfest gelangen, um auch in diesem
Jahr der Freude der Auferstehung teilhaft zu werden und auf ewig unverbrüchlich
dem ewigen Leben der Auferstehung verbunden zu bleiben. Amen.
Heilige große vierzigtägige Fastenzeit
2004
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott