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In Christus geliebte Brüder und Schwestern!
"Gekommen ist die Zeit, der Anfang des geistlichen Kampfes, der Sieg über die Dämonen, die alle Waffen schenkende Enthaltsamkeit, die Würde der Engel, der Freimut gegen Gott."
Die heilige große vierzigtägige Fastenzeit, die Zeit des geistlichen Kampfes par excellence, unterbricht die Routine des Alltags.
Schon öffnet sich vor uns die Rennbahn der Kämpfe. Der Kämpfe nicht nur des Leibes, sondern auch des Geistes. Auf dieser Rennbahn können und müssen wir alle laufen. Diese „Rennbahn der Tugenden“, wie sie im Triodion genannt wird, hat keine Zuschauerränge. Zuschauer sind nicht vorgesehen. Es gibt nur nur die Arena für die Kämpfer. Die Schiedsrichter und die Zuschauer befinden sich im Himmel. Es sind der Herr, der diese guten Kämpfe des Glaubens ausrichtet, und die Heiligen, die schon gekämpft und den Sieg errungen haben, die schon den Siegeskranz empfangen haben und jetzt unseren Kämpfen und Erfolgen beiwohnen.
In dieses Stadion des geistlichen Kampfes sind wir schon durch die Taufe eingetreten. Da haben wir Satan und seine Werke verworfen und das weiße Kleid, das heißt unseren Herrn Jesus Christus selbst, angezogen, ihn, dem wir versprochen haben, ihm unser ganzes Leben lang zu folgen. Doch die Eigenliebe und die Neigung zur Eitelkeit der Welt sowie der unablässige Kampf, den der Teufel gegen uns führt, indem er uns Gelegenheiten zur Sünde schafft, machen uns oft träge, so daß wir leichtfertig die Mühsal des enthaltsamen Lebens in Christus aufgeben und in Unbeschwertheit und Gleichgültigkeit versinken. Auf diese Weise entfernen wir uns von Christus, der Quelle des Lebens, bis wir uns endlich ganz von ihm trennen. Und diese Trennung ist der Tod, der ewige, der furchtbare, der wahre Tod. In demselben Sinn, in dem Christus das Leben, das wahre, das ewige Leben ist, ist die Trennung von ihm Tod, Verlust des Lebens, der Freude und des Lichtes, Verlust aller Dinge.
Mit weiser Sorge hat unsere Mutter, die Kirche, diese Rennbahn der Fastenzeit eingerichtet, damit wir alle uns unserer in der Taufe eingegangenen Verpflichtungen entsinnen und verstehen, daß wir per definitionem Kämpfer und Athleten sind und uns mit Ehrgeiz den vielfältigen heiligen Kämpfen widmen: der gegenseitigen Vergebung, dem Fasten, dem Gebet, dem Almosen, der Ausdauer in den Bedrängnissen und Plagen des Lebens, dem Ertragen von Schmerz und der wechselseitigen brüderlichen Liebe.
Das Fasten befreit den Leib von überflüssigen Lasten, erleichtert das Gebet, demütigt den Sinn und öffnet die Pforte zur Buße. Die Kniebeugungen (Metanien) ermüden und trainieren den Leib, aber sie sind zugleich auch ein beredter Ausdruck des Bewußtseins dessen, daß wir Sünder und Gefallene sind und in Reue und Demut Gott bitten, uns aufzurichten. Sie sind ein Bekenntnis und ein Gebet, an dem auch der Leib Anteil hat.
Das Almosen heiligt das Fasten und läßt unser Gebet zu dem barmherzigen Gott aufsteigen. Das Ausharren in Krankheit, Schmerz und Bedrängnis läßt uns den Spuren der heiligen Märtyrer folgen und wird von Gott mit reicher Gnade vergolten. Die Vergebung, die wir allen gewähren, die uns wie auch immer geschadet haben, und die Liebe zu allen ist das Siegel der Wahrhaftigkeit unseres Christseins und macht uns zu Nachahmern Christi. Die häufige Vertiefung in die Heilige Schrift, die Unterweisungen der Väter und das Leben der Heiligen geben unserem Geist die Nahrung, die er braucht, damit wir gut und ausdauernd kämpfen können.
Das Gebet des hl. Ephräms d. Syrers - „Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist der Trägheit, der Neugier, der Herrschsucht und der müßigen Rede gib mir nicht. Gib mir indessen, deinem Knecht (deiner Magd), den Geist der Besonnenheit, der Demut, der Geduld und der Liebe. Ja, mein Herr und König, laß mich sehen meine Sünden und nicht richten meinen Bruder, denn du bist gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen“ - das wir in der Zeit der Kämpfe der Fasten viele Male kniefällig sprechen sollen, ist das dieser Zeit angemessene Gebet. Wir rufen den Herrn und Gebieter unseres Lebens an und erbitten von ihm die Befreiung von jenen vier bösen Geistern, die schlimmer als alle anderen sind, von den vier Leidenschaften, die am meisten zu fürchten sind, und zugleich die Gabe der vier wichtigsten guten Geister, d. h. der vier wichtigsten Tugenden.Wir bitten auch um die große Tugend der Selbsterkenntnis, so daß wir uns mit unserer eigenen Sünde beschäftigen und nicht mit der Sünde der anderen. Dieses Gebet ist vielleicht das schönste und vollständigste Bußgebet.
Brüder und Schwestern, laßt uns mit Freude in die heilige Kampfbahn einziehen. Laßt uns mit dem Segen Gottes und der Fürbitte der allheiligen Gottesgebärerin den guten Kampf der Umkehr und der Reinigung durch Fasten, Enthaltsamkeit, Vergebung, Geduld, Almosen, Gebet und Liebe beginnen. Laßt uns, wie alle Heiligen, mit Ehrgeiz, der Liebe zu Christus und geistlicher Strenge, mit Demut und Eifer kämpfen. Die Mutterkirche sendet allen aus dem demütigen, aber stets leuchtenden Phanar, dem Ort ihres beständigen Martyriums, ihre Fürbitte und ihren Segen und ermahnt sie in Liebe, nicht träge zu bleiben, nicht die Rolle des Beobachters zu wählen, nicht unbeteiligt zu verharren, wenn die Posaune das Signal zum Beginn des geistlichen Kampfes gibt.
„Gekommen ist die Zeit …“, Brüder und Schwestern, im Herrn geliebte Kinder. Und unter „Zeit“ verstehen wir nicht nur den Lauf der Zeit, sondern auch den geeigneten Augenblick.
Gepriesen sei Gott, daß er uns wieder eine vorösterliche Fastenzeit schenkt, noch eine Gelegenheit zum geistlichen Kampf und zum Sieg über den Teufel, die Sünde und den Tod, noch eine Gelegenheit zur Umkehr und zur Rettung. Ihm, unserem Erlöser und Gott, sei die Ehre und die Macht in Ewigkeit. Amen.
Heilige große vierzigtägige Fastenzeit
2005
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott