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Aus den Schriften laßt uns hören vom verlorenen
Sohn,
der wieder zur Besonnenheit gelangt.
Seiner guten Besinnung lasset uns folgen im Glauben.
(Ikos vom Herrntag des verlorenen Sohns)
In Christus geliebte Brüder und Schwestern!
Wiederum treten wir nach Gottes Wohlgefallen ein in die Zeit des Triodions, in der die heilige orthodoxe Kirche alle zur rechten Umkehr aufruft. Obwohl die Notwendigkeit der Umkehr nach der Lehre der Väter selbst für die besteht, deren Glauben und deren Tugend vollkommen sind, sind sich viele Christen nicht dessen bewusst, dass sie der rechten Umkehr bedürfen. Sie lehnen die Reue ab mit dem Argument, sie hätten keine Taten begangen, für die ihr Gewissen sie anklagte oder auf Grund deren sie das Bedürfnis empfänden, Buße zu tun.
Doch die rechte Umkehr ist ein Vorgang, der weitaus mehr bedeutet als nur das Zugeständnis derjenigen unserer Sünden und Fehler, die sich auf unsere Taten beziehen. Vielmehr bezieht sie sich in erster Linie auf unsere Gedanken und Vorstellungen, auf jene Überzeugungen und Empfindungen, aus denen unsere Taten hervorgehen. Unser Herr Jesus Christus hat uns gelehrt, dass es die Gedanken sind, die uns ebenso verunreinigen wie unsere Taten, und dass die Vollbringung des Bösen in der Vorstellung und seine Ausführung im Tun vor Gott gleichwertig sind. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Mitmenschen, unser Rückzug auf das ich, auf seine Begierden und Bedürfnisse, die Verbitterung über die Handlungen der anderen, der Mangel an Liebe, und darüber hinaus der Hass und die Geringschätzung des anderen, unser eigenes Überlegenheitsgefühl, Gefallsucht, Ruhmsucht, Genusssucht und Geiz formen einen Menschen, der sich deutlich von jenem Bild unterscheidet, das von der Liebe, der Demut, der Sanftmut, dem Frieden und der Versöhnung Gottes erfüllt ist. Daraus folgt, dass wir alle der rechten Umkehr bedürfen, d. h. des Wandels unserer Gesinnung und unserer Anschauungen über das Gute und das Böse. Denn wir alle unterscheiden uns grundlegend vom Bild des idealen Menschen.
Wir alle sehen die Taten der anderen und verurteilen immer wieder ihre Herzenshärte, den Mangel an zulänglicher Kenntnis der Wahrheit in vielen Belangen, ihr im Missverhältnis dazu stehendes Selbstbewusstsein, die Wahrheit zu kennen, recht zu handeln, recht zu denken und recht zu urteilen. Wir sollten uns aber fragen, ob nicht vielleicht andere auch uns in derselben Weise sehen und also nicht auch wir Veranlassung haben zu prüfen, welche Auffassungen wir ändern müssen, welche Gefühle wir reinigen müssen, welche Kenntnisse wir überprüfen, verändern und vertiefen müssen. Wenn wir uns selbst auf diese Weise erforschen, werden wir feststellen, dass wir in jeder Hinsicht unvollkommen sind und unsere Ignoranz und die übrigen geistlichen Mängel ignorieren. Die heiligen Väter erkennen darin jene Sünden, deretwegen wir uns bekehren müssen. Doch die meisten von uns können sich nicht einmal vorstellen, dass unser Unwissen, unser Vergessen, unsere Sorglosigkeit und unsere Trägheit Zustände sind, die von Normalität weit entfernt sind.
Andererseits bleibt unsere Liebe zum Nächsten und zu Gott hinter dem, was uns geboten ist, zurück und bedarf der Erneuerung. Wir bedürfen dieser rechten Umkehr, weil unsere Liebe so gering ist, und einer wirklichen Anstrengung, unsere Liebe zu allen zu mehren. Noch mehr müssen wir aus unseren Herzen Vorurteil und Anmaßung gegenüber dem Nächsten, Bitterkeit über sein Verhalten uns gegenüber, aber noch mehr Gehässigkeit und Boshaftigkeit verbannen. All das sollen wir ersetzen durch Vergebung und Versöhnung gegenüber unseren Mitmenschen, sogar gegenüber denen, die uns hassen, verfolgen und schaden, durch Gebet und wohltätiges Verhalten. Wenn wir uns fragen, bis zu welchem Maß diese Haltung der Vergebung und der Menschenliebe in unserem Herzen verwurzelt ist, werden wir gewiss erkennen, dass wir der rechten Umkehr in großem Maß bedürftig sind, weil unsere Güte unzureichend ist und wir unser Inneres von Empfindungen und Gedanken reinigen müssen, die sich dort eingenistet haben, obwohl sie unserer Identität als Christen in keiner Weise genügen.
Christus ist bereit, unsere rechte Umkehr anzunehmen und uns bei unserer geistlichen Erneuerung beizustehen. Im Himmel ist Freude über einen Sünder, der Buße tut. Ebenso erfüllt tiefe Freude, ein Gefühl der Freiheit und Erleichterung, das ganze Dasein dessen, der das, was er ist, in rechter Weise bereut und sich danach sehnt, in der Liebe zu Gott und den Menschen zu wachsen. Im Gegensatz dazu füllt sich die Seele des Menschen, der auf der Antipathie, dem Hass, der Härte und Lieblosigkeit gegenüber Gott und den Menschen beharrt, mit Schmerz und Qual. Ein solcher fügt nicht nur seinen Mitmenschen, sondern auch sich selbst Schmerzen zu, und zwar noch mehr sich selbst als den anderen. Denn die anderen, die er verletzt und denen er Schmerzen zufügt, können dadurch Trost empfangen, dass sie den Schmerz überwinden, indem sie ihn in Gebet und Frieden ihrer Herzen verwandeln. Jener aber beneidet, hasst, verachtet, befeindet und allgemein gesprochen - bekämpft seinen Mitmenschen ohne jegliche Reue für seine Empfindungen. Er durchlebt die innere Qual, die alle diese Empfindungen hervorrufen.
Aber auch der, der keine feindlichen Gedanken hegt, sondern Gott und den Mitmenschen gegenüber in Gleichgültigkeit verharrt und sich auf sich selbst zurückzieht, verfällt am Ende seines Lebens der Angst vor dem Tod, der Sinnlosigkeit seines Lebens, der Hoffnungslosigkeit und jener falschen Reue angesichts seines Lebenswandels, die ohne Hoffnung ist. Denn unausweichlich wird der Mensch mit der Wahrheit konfrontiert und genötigt, seine Auffassungen zu ändern. Unvermeidlich wird er bereuen, wenn ihm aufgeht, dass sich die Wirklichkeit nicht mit jenen Auffassungen deckt, die er bis zu diesem Moment geteilt hatte. Und wenn er durch die rechte Umkehr vorbereitet und von der Hoffnung auf Gott erfüllt war und den Weg zum Vater gegangen ist, wird er zwar vor der offenbarten Wahrheit, die er dann sehen wird, erstaunen, aber er wird, an die rechte Umkehr gewöhnt, dank ihrer Kraft seine Schritte beschleunigen und sich, wie der verlorene Sohn, in die Arme des Vaters werfen und die Liebe kosten, nach der seine Seele verlangt hat. Wenn er aber in seinem Leben den Weg der rechten Umkehr nicht gegangen ist, wird er vor der neuen Wirklichkeit, für die er sich nicht vorbereitet hat, verzweifeln, sich der Umarmung des Vaters verweigern und sich selber quälen in jenem Land der Verweigerung jener Liebe, die ihm gewährt wird. Die Welt ist unglücklicherweise voll von resignierten, hoffnungslosen und enttäuschten Menschen, die sich nicht entschließen können, den Schritt zu wagen und zum Vater heimzukehren, obwohl er sie mit offenen Armen erwartet.
Die Reue ist für jeden Menschen unausweichlich. Wenn er der Wahrheit gegenübersteht, und dieser Moment steht jedem Menschen bevor, so wird er feststellen, wie weit er in seinem Leben von ihr entfernt war. Dann wird er seinen Sinn wandeln; dann wird er bereuen. Selig wird der sein, dessen hoffnungsvolle Reue der rechten Umkehr des verlorenen Sohns folgt, denn er wird sich in den Armen des Vaters wiederfinden. Doch unglücklich wird der sein, der ohne Hoffnung die verfehlte Reue dessen nachahmt, der zwar zugab, dass er gesündigt hatte, indem er unschuldiges Blut verriet, aber weder Verzeihung erbat, noch bitterlich weinte, sondern wegging und sich erhängte.
Aus den Schriften lasst uns hören, Väter und Geschwister, vom verlorenen Sohn, und seiner rechten Umkehr laßt uns folgen. Amen.
Heilige große vierzigtägige Fastenzeit
2006
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott