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Osterbotschaft
des Ökumenischen Patriarchen

+ B a r t h o l o m a i o s
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus,
dem in Herrlichkeit auferstandenen Erlöser

* * *

Brüder im Bischofsamt, Gott liebende und von Gott geliebte Kinder der Kirche,

Christus ist auferstanden!

"Die Zerrissenheit der Menschheit hast Du, Herr geheilt, hast sie durch Dein göttliches Blut wiederhergestellt", singt der hl. Johannes von Damaskus, da er sich an den Herrn wendet, an den, der gekreuzigt wurde, gelitten hat und auferstanden ist. Und ein anderer Hymnendichter ruft aus: "Du wurdest empfangen, ich schäme mich nicht; Du wurdest gegeißelt, ich leugne es nicht; Du wurdest ans Kreuz geschlagen, ich verhehle es nicht; Deiner Auferstehung rühme ich mich. Denn Dein Tod ist mein Leben. Allmächtiger, menschenliebender Herr, Ehre sei Dir!" (Stichiron vom Samstagabend im 7. Ton).

Unablässig hat die Menschheit im Verlauf der Jahrhunderte ihre Spaltung betrieben. Sooft sie dem Hochmut verfällt und in der Gesinnung derer, die den Turm von Babel bauen, göttliche Attribute für sich beansprucht und Gottes Gesetz zu Gunsten menschlicher Begierden und Eitelkeiten suspendiert, befallen sie die babylonische Verwirrung, Widerstreit, Mißverständnisse, Auseinandersetzungen und Zerfall. Viele haben selbst blühende Reiche dadurch zerstört, daß sie versuchten, ihre Macht noch zu steigern. Viele haben sich selbst dadurch zugrundegerichtet, daß sie Ziele verfolgten, die ihrem Hochmut schmeichelten. Viele sind dadurch zu Fall gekommen, daß sie sich an Gottes moralischem Gesetz vergingen. Viele haben herrschsüchtig andere zu Fall gebracht und mußten endlich erfahren, daß der Schaden, den sie selbst dabei erlitten haben, größer war als der, den sie verursacht hatten.

Im Gegensatz zu all denen, die mit ihrem Hochmut, ihrer Überheblichkeit, ihrer Ruhmsucht, ihren komplexen Egoismen die Spaltung der Welt hervorgerufen haben, hat unser Herr Jesus Christus im Übermaß Seines Erbarmens all das ertragen, was der Herrscher dieser Weltzeit und seine Diener Ihm antun wollten, um Ihn zu beseitigen und ihre Herrschaft in der Welt aufrechtzuerhalten. Er, der Friedensstifter, galt als Aufrührer. Er, der Wohltäter und Arzt, wurde wie ein Übeltäter gegeißelt. Und was das Schlimmste ist: Er, der Schuldlose und durch und durch Gute wurde wie ein Verbrecher gekreuzigt.

Doch was war das Ergebnis all dessen?
Während alle diejenigen, die sich der Demut und dem Frieden widersetzt hatten, glaubten, daß der Grabstein für alle Zeiten den bedecken würde, dessen Worte ihre eigenen Überzeugungen von Recht und Gesetz auf den Kopf stellten, stand Er von den Toten auf, ging, ohne die Verwesung erlitten zu haben, aus dem Grab hervor und heilte die gespaltene Welt. Und seitdem heilt Er jede neue Spaltung der Menschheit, weil Er sie wiederherstellt, weil Er sie erneuert, weil Er sie neu erschafft.

Vielfältig sind die Spaltungen der Menschheit, die wir heute erfahren: in Trümmer liegende Gebäude und Einrichtungen jeder Art, zerrissene Menschenleiber und -glieder, Zerstörungen der Umwelt, aber vor allem die Mißachtung moralischer und kultureller Werte. All das bewirkt der Hochmut, wenn er sich mit Gewalt Bahn bricht. Aber der einzige Weg, diese Spaltungen zu heilen, ist der Weg Dessen, der in Seiner Demut die Zerstörung Seines angenommenen Menschseins zuließ und darum auch der Auferstehung dieses Menschseins gewürdigt wurde.

Inmitten so vielfachen Sterbens und dieser Flut von Nachrichten über neue Opfer todbringender Gewalt klingt nichts so befremdlich wie die Botschaft von der Auferstehung. Und doch ist sie die einzige Quelle der Hoffnung und die einzige Wahrheit. Und sie ist in demselben Maß wahrer als jede andere wie das Leben selbst wahrer als jeder Versuch ist, es auszulöschen. Denn das Leben ist die Offenbarung des der Liebe entspringenden schöpferischen Handelns Gottes. Und keine gegen das Leben gerichtete todbringende Kraft kann sich erfolgreich dieser Schöpferkraft Gottes widersetzen.

Als der Herr Seinen Jüngern Seinen Tod prophezeite, da ermutigte Er sie mit der Aufforderung: "Habt Mut, ich habe die Welt überwunden!" Er siegte durch die Umkehrung der menschlichen Werte, durch die Annahme der bei vielen verhaßten Demut als des höchsten Wertes, während alle damals ebenso wie heute nach Ruhm und Ehre verlangen. Diese Ermutigung des Herrn rufen auch wir Euch, im Herrn Geliebte, väterlich zu. Habt Mut und seid froh, denn der Sieg Christi über die Welt, ein geistlicher Sieg, der mit der Herrschaft im weltlichen Sinn nichts gemein hat, wird allen geschenkt, die ihn ersehnen und jenen Preis der Demut entrichten wollen, mit dem er erkauft wird.

Es schweige alles sterbliche Fleisch, das dem widerspricht. Denn siehe, der König der Herrlichkeit geht aus dem Grab hervor.

Christus ist auferstanden! Er hat die unbezwingbare Kraft der Demut und des Friedens bewiesen. Keine andere Kraft kann den Tod überwinden.

Möge der auferstandene Herr jede neue Wunde der Menschheit heilen und allen Friede und Leben schenken, ein Leben ohne Haß und Blutvergießen, ein Leben der Versöhnung und Zusammenarbeit zum Wohl aller.  Amen.

Ostern 2003
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott


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