[Zurück zur vorigen Seite]


Osterbotschaft
des Ökumenischen Patriarchen

+ B a r t h o l o m a i o s
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus,
dem in Herrlichkeit auferstandenen Erlöser

* * *

Brüder im Bischofsamt, Gott liebende und von Gott geliebte Kinder der Kirche,

Christus ist auferstanden!

Mit dem Ostergruß vergegenwärtigen wir alles, was unser Herr Jesus Christus, durch den alles erschaffen wurde, in Seiner Menschenliebe getan hat, um dem Menschen das Leben zu schenken. Aber wir denken auch an den unermüdlichen Versuch des menschenmordenden Teufels und derjenigen Menschen, die von ihm verführt sich in seinen Dienst gestellt haben, um die Menschen dieses großen göttlichen Geschenks des Lebens zu berauben.

Es ist Gottes Wille, daß die göttliche Gabe des Lebens mit der Freude verbunden sei. Der Dichter der Osterhymnen sagt uns, der Mund der salbentragenden Frauen sei von Freude erfüllt worden, als sie den Aposteln zuriefen: “Der Herr ist auferstanden!“ Seitdem ertönt aus unzähligen Mündern der Ruf “Christus ist auferstanden!“. Seitdem füllt sich der Mund unzähliger gläubiger Christen mit Freude, wenn sie die Botschaft wiederholen, indem sie antworten: “Er ist wahrhaft auferstanden!“ Wir alle verstehen, daß das Leben für den Menschen von allergrößtem Wert ist, weil es die Voraussetzung für den Empfang aller anderen Gaben Gottes darstellt.

Die Quelle des Lebens und der Freude ist Christus. Er lädt uns alle ein, Teilhaber seiner göttlichen Gaben zu werden, und zwar nicht nur uns orthodoxe Christen, sondern jeden Menschen überhaupt. Jeder Mensch ist von Gott dazu berufen, die Fülle des Lebens in Freude zu erleben. Denn Gott hat den Menschen und alle anderen geistigen und geistlichen Wesen darum erschaffen, daß sie in Freude leben und den Schmuck der materiellen und der geistlichen Welt darstellen. Er hat jedem Menschen die Möglichkeit gegeben, die ganze Schöpfung in Freude zu genießen, allerdings im Rahmen des Respektes, den alle geistigen Wesen einander schulden, und vor allem der Liebe zu Ihm und zu allen anderen Geschöpfen. Die Erfüllung dieses Gebotes inmitten der dem Menschen dienstbaren unbelebten Schöpfung und gestützt auf die Freiheit, die die Grundlage der Liebe ist, führt zu einer harmonischen Gemeinschaft von Personen. Die Freiheit, die Liebe zu erfahren, offenbart die unaussprechliche Schönheit der Person des Herrn, der nach den heiligen Vätern das höchste Ziel aller Sehnsucht ist, und die unaussprechliche Schönheit der geliebten menschlichen Person. Der Mensch als Person reflektiert die göttliche höchste Schönheit der Person, die Gott ist. Er stellt sie dar, weil er nach Gottes Bild und Gleichnis erschaffen wurde.

Nicht allein der gläubige Christ, sondern jeder Mensch ist dazu bestimmt, das Leben und die Freude des Lebens zu genießen, aber auch dazu, allen anderen Menschen die Möglichkeit dieses Genusses zuzugestehen. Zuerst entbrannte der Teufel in Haß gegen das Leben der Menschen und wurde zum Menschenmörder. Darauf gab er auch dem Menschen die Idee des Menschenmordes ein. Er überredete Kain dazu, der erste Brudermörder zu werden. Seitdem hassen viele unserer Mitmenschen in Nachahmung Kains das Leben ihrer Mitmenschen, so daß während der gesamten Menschheitsgeschichte eine unvorstellbar große Zahl von Menschen durch die mörderischen und mißgünstigen Handlungen ihrer Mitmenschen der Güter des Lebens und der Freude am Leben beraubt wurden. Das ist bedauerlicherweise bis auf den heutigen Tag so geblieben.

Und dennoch: Christus ist auferstanden, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben. Weder ein Christ noch überhaupt ein Mensch, der sein Leben liebt und Gott respektiert, kann seine Mitmenschen töten oder peinigen. Die Tötung von Mitmenschen, und noch dazu unterschiedslos von unschuldigen und nicht in kriegerische Handlungen verwickelten, ist eine unmenschliche, verurteilungswürdige und keinesfalls heroische Tat. Ebenso verurteilungswürdig ist jegliche egoistische Handlung, die anderen Schmerz zufügt, während sie einigen Genugtuung bereitet.

Wie eh und je wird auch dieses Osterfest von vielen glaubwürdigen Berichten über zahllose Massentötungen und andere furchtbare von Menschen an Menschen verübte Gewalttaten überschattet. Christus, der Weg, die Auferstehung und das Leben, Christus, der sein irdisches Leben damit zubrachte, den Menschen Wohltaten zu erweisen und sie zu heilen, zeigt allen Menschen den Weg der Liebe und des Opfers, der Gerechtigkeit und des Respektes vor dem Leben und der Freude des anderen als den einzigen Weg, der die Menschheit der wahren Freude und Fülle des Lebens zuführt. Christus hat seiner Verfolgung und seinem Tod durch die Vergebung, die Liebe, die Wohltätigkeit, das Opfer und die Auferstehung widerstanden. Er hat bewiesen, daß die Kraft des Bösen trotz ihres wahnhaften Drangs, den Urheber des Lebens zu töten, nichts ausrichten konnte. Und er überzeugt auch uns davon, daß auch heute die Kräfte des Bösen der stärkeren Kraft der Liebe, der einzigen Kraft, die uns zur Auferstehung führt, erliegen werden.

Darum, im Herrn geliebte Brüder und Kinder, brauchen wir uns nicht zu fürchten, wenn wir sehen, daß das Böse scheinbar herrscht. Der endgültige Sieger wird unser auferstandener Herr Jesus Christus sein; und mit ihm zugleich werden alle siegen, die an seine Auferstehung glauben. Aber unser Sieg wird kein Sieg über unsere Mitmenschen, sondern ein Sieg über das Böse sein; denn wir Christen wollen, daß alle Menschen Teilhaber dieses Sieges werden und daß kein einziger vom Bösen besiegt würde und so sein irdisches und vor allem sein ewiges Leben verlöre.

Wenn wir also Euch alle, Geliebte, mit dem österlichen Gruß “Christus ist auferstanden!“ grüßen, so wünschen wir euch, daß Ihr die Ostertage in österlicher Freude verbringen und durch die Heiligkeit Eures Lebens den Geist der Nächstenliebe und des Respektes vor dem Leben und der Freude unserer Mitmenschen verbreiten möget, damit das Gute das Böse überwinde und der Sieger über den Tod, der Urheber des Lebens, der Auferstandene, unser Herr Jesus Christus, die Herzen aller regiere. Amen.

Ostern 2004
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott


[Zurück zum Seitenanfang]

[Zurück zur vorigen Seite]