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Brüder im Bischofsamt, Gott liebende und von Gott geliebte Kinder der Kirche,
Christus ist auferstanden!
Mit dem Ostergruß vergegenwärtigen wir alles, was unser Herr
Jesus Christus, durch den alles erschaffen wurde, in Seiner Menschenliebe
getan hat, um dem Menschen das Leben zu schenken. Aber wir denken auch an
den unermüdlichen Versuch des menschenmordenden Teufels und derjenigen
Menschen, die von ihm verführt sich in seinen Dienst gestellt haben,
um die Menschen dieses großen göttlichen Geschenks des Lebens
zu berauben.
Es ist Gottes Wille, daß die göttliche Gabe des Lebens mit der
Freude verbunden sei. Der Dichter der Osterhymnen sagt uns, der Mund der salbentragenden
Frauen sei von Freude erfüllt worden, als sie den Aposteln zuriefen:
“Der Herr ist auferstanden!“ Seitdem ertönt aus unzähligen Mündern
der Ruf “Christus ist auferstanden!“. Seitdem füllt sich der Mund unzähliger
gläubiger Christen mit Freude, wenn sie die Botschaft wiederholen, indem
sie antworten: “Er ist wahrhaft auferstanden!“ Wir alle verstehen, daß
das Leben für den Menschen von allergrößtem Wert ist, weil
es die Voraussetzung für den Empfang aller anderen Gaben Gottes darstellt.
Die Quelle des Lebens und der Freude ist Christus. Er lädt uns alle
ein, Teilhaber seiner göttlichen Gaben zu werden, und zwar nicht nur
uns orthodoxe Christen, sondern jeden Menschen überhaupt. Jeder Mensch
ist von Gott dazu berufen, die Fülle des Lebens in Freude zu erleben.
Denn Gott hat den Menschen und alle anderen geistigen und geistlichen Wesen
darum erschaffen, daß sie in Freude leben und den Schmuck der materiellen
und der geistlichen Welt darstellen. Er hat jedem Menschen die Möglichkeit
gegeben, die ganze Schöpfung in Freude zu genießen, allerdings
im Rahmen des Respektes, den alle geistigen Wesen einander schulden, und vor
allem der Liebe zu Ihm und zu allen anderen Geschöpfen. Die Erfüllung
dieses Gebotes inmitten der dem Menschen dienstbaren unbelebten Schöpfung
und gestützt auf die Freiheit, die die Grundlage der Liebe ist, führt
zu einer harmonischen Gemeinschaft von Personen. Die Freiheit, die Liebe zu
erfahren, offenbart die unaussprechliche Schönheit der Person des Herrn,
der nach den heiligen Vätern das höchste Ziel aller Sehnsucht ist,
und die unaussprechliche Schönheit der geliebten menschlichen Person.
Der Mensch als Person reflektiert die göttliche höchste Schönheit
der Person, die Gott ist. Er stellt sie dar, weil er nach Gottes Bild und
Gleichnis erschaffen wurde.
Nicht allein der gläubige Christ, sondern jeder Mensch ist dazu bestimmt,
das Leben und die Freude des Lebens zu genießen, aber auch dazu, allen
anderen Menschen die Möglichkeit dieses Genusses zuzugestehen. Zuerst
entbrannte der Teufel in Haß gegen das Leben der Menschen und wurde
zum Menschenmörder. Darauf gab er auch dem Menschen die Idee des Menschenmordes
ein. Er überredete Kain dazu, der erste Brudermörder zu werden.
Seitdem hassen viele unserer Mitmenschen in Nachahmung Kains das Leben ihrer
Mitmenschen, so daß während der gesamten Menschheitsgeschichte
eine unvorstellbar große Zahl von Menschen durch die mörderischen
und mißgünstigen Handlungen ihrer Mitmenschen der Güter des
Lebens und der Freude am Leben beraubt wurden. Das ist bedauerlicherweise
bis auf den heutigen Tag so geblieben.
Und dennoch: Christus ist auferstanden, damit wir das Leben haben und es
in Fülle haben. Weder ein Christ noch überhaupt ein Mensch, der
sein Leben liebt und Gott respektiert, kann seine Mitmenschen töten oder
peinigen. Die Tötung von Mitmenschen, und noch dazu unterschiedslos von
unschuldigen und nicht in kriegerische Handlungen verwickelten, ist eine unmenschliche,
verurteilungswürdige und keinesfalls heroische Tat. Ebenso verurteilungswürdig
ist jegliche egoistische Handlung, die anderen Schmerz zufügt, während
sie einigen Genugtuung bereitet.
Wie eh und je wird auch dieses Osterfest von vielen glaubwürdigen Berichten
über zahllose Massentötungen und andere furchtbare von Menschen
an Menschen verübte Gewalttaten überschattet. Christus, der Weg,
die Auferstehung und das Leben, Christus, der sein irdisches Leben damit zubrachte,
den Menschen Wohltaten zu erweisen und sie zu heilen, zeigt allen Menschen
den Weg der Liebe und des Opfers, der Gerechtigkeit und des Respektes vor
dem Leben und der Freude des anderen als den einzigen Weg, der die Menschheit
der wahren Freude und Fülle des Lebens zuführt. Christus hat seiner
Verfolgung und seinem Tod durch die Vergebung, die Liebe, die Wohltätigkeit,
das Opfer und die Auferstehung widerstanden. Er hat bewiesen, daß die
Kraft des Bösen trotz ihres wahnhaften Drangs, den Urheber des Lebens
zu töten, nichts ausrichten konnte. Und er überzeugt auch uns davon,
daß auch heute die Kräfte des Bösen der stärkeren Kraft
der Liebe, der einzigen Kraft, die uns zur Auferstehung führt, erliegen
werden.
Darum, im Herrn geliebte Brüder und Kinder, brauchen wir uns nicht
zu fürchten, wenn wir sehen, daß das Böse scheinbar herrscht.
Der endgültige Sieger wird unser auferstandener Herr Jesus Christus sein;
und mit ihm zugleich werden alle siegen, die an seine Auferstehung glauben.
Aber unser Sieg wird kein Sieg über unsere Mitmenschen, sondern ein
Sieg über das Böse sein; denn wir Christen wollen, daß alle
Menschen Teilhaber dieses Sieges werden und daß kein einziger vom Bösen
besiegt würde und so sein irdisches und vor allem sein ewiges Leben
verlöre.
Wenn wir also Euch alle, Geliebte, mit dem österlichen Gruß “Christus
ist auferstanden!“ grüßen, so wünschen wir euch, daß
Ihr die Ostertage in österlicher Freude verbringen und durch die Heiligkeit
Eures Lebens den Geist der Nächstenliebe und des Respektes vor dem Leben
und der Freude unserer Mitmenschen verbreiten möget, damit das Gute das
Böse überwinde und der Sieger über den Tod, der Urheber des
Lebens, der Auferstandene, unser Herr Jesus Christus, die Herzen aller regiere.
Amen.
Ostern 2004
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott