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Osterbotschaft
des Ökumenischen Patriarchen

+ B a r t h o l o m a i o s
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus,
dem in Herrlichkeit auferstandenen Erlöser

* * *

„Leben, wie stirbst du? Wie wohnst du im Grab?“

Brüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst, im Herrn geliebte Kinder!

Jede Kreatur staunt und wundert sich, der Chor der Engel, die Schar der Menschen. Die ganze Schöpfung begegnet mit Furcht und Zittern dem großen und unsagbaren Mysterium des heiligen Leidens und der lichtvollen Auferstehung Christi, des Erlösers. Und wir fragen uns: Wie ist es möglich, dass das Leben, das wahre Leben, das Leben an und für sich, wie ist es möglich, dass die Quelle des Lebens stirbt? Wie kann das Grab zur Wohnstatt des Lebens werden, zur Wohnstatt unseres Herrn Jesus Christus, zur Wohnstatt dessen, der sagt: „“Ich bin … das Leben“ (Jo 14,6)? Die Antwort darauf gibt uns die Auferstehung.

Viele Fragen jener Zeit bleiben. Was damals „ein für allemal“ geschah, wiederholt sich seitdem ständig und unablässig. Das Mysterium setzt sich fort, ebenso die Ratlosigkeit. Christus ist auch heute für viele ein Zeichen des Widerspruchs (Lk 2,34). Er wird gekreuzigt und ersteht von den Toten. Der Gekreuzigte ist für manche ein Ärgernis, für andere Torheit (1 Kor 1,23). Der Auferstandene wird von einigen verspottet (Apg 17,32), von anderen verleugnet (Mt 28,11-15), aber dennoch herrscht er in den Herzen der Gläubigen.

Wir Gläubigen erfahren den Vorgeschmack der Auferstehung, leben das Leben der Auferstehung, fürchten nicht den natürlichen Tod des Leibes. Denn wir glauben an die Auferstehung Christi und der Menschen. Für uns ist die Wahrheit dieses Ereignisses durch unseren Umgang mit jenen Heiligen verbürgt, die, wenn sie auch nach Auffassung der Menschen gestorben sind, wahrhaftig leben, mit uns Gemeinschaft haben und uns in unserem Leben beistehen.

Aber schon damals erscholl und erschallt bis heute ohne Unterlass der schrille Schrei des Fanatismus „Kreuzige, kreuzige ihn!“ Und wie damals, so lautet auch heute die feige und verantwortungsscheue Antwort der Mächtigen: „Nehmt ihr ihn und kreuzigt ihn!“ (Jo 19,6)

Das Leben ist auferstanden. Christus ist auferstanden. Und wir sind Mitzeugen seiner Auferstehung, nicht allein durch plausible Argumente, sondern durch unser österliches Leben. Unser Zeugnis wird ja dadurch glaubwürdig, dass der auferstandene Christus in uns lebt, dadurch dass unser ganzes Dasein die Freude, die Gewissheit und den Frieden der Auferstehung ausstrahlt.

Zweifellos steht uns das Grab als Bedrohung des Lebens vor Augen, des menschlichen Lebens und des Lebens unserer natürlichen Umwelt. Wir meinen damit allerdings nicht Verwesung und Tod im biologischen Sinn dieser Begriffe. Wir meinen vielmehr jene Formen des Todes und des Vergehens, die das menschliche Leben jäh, brutal, gewaltsam bedrohen, jene Formen des Todes und des Vergehens, die das Gewissen herausfordern, die den Menschen als Person herabsetzen und die Schönheit der Natur zerstören.

Wir meinen zum Beispiel jenes Leben, das dem Tod schon ausgesetzt ist, bevor es überhaupt das Licht der Sonne erblicken kann.

Wir meinen die ungezählten Kinder, die Opfer von Armut, Hunger und  Mangel an elementarer medizinischer Versorgung, Opfer der Hartherzigkeit jener, die, obwohl sie die Möglichkeiten hätten, es unterlassen, das Notwendige für sie zu tun, Opfer der Schamlosigkeit von Menschen, die sie ausbeuten, und schließlich Opfer jener werden, die die kindliche Unschuld schändlich missbrauchen.

Wir meinen die Opfer der alltäglichen Gewalt, der religiösen, nationalistischen, rassistischen und anderen Fanatismen und die Opfer jener kriegerischen Konflikte, die gar nicht mehr wahrgenommen werden und der allgemeinmenschlichen Forderung nach Eindämmung der Konflikte und einer endlichen Befriedung dieser Welt Hohn sprechen.

Wir meinen schließlich auch den Raubbau des Menschen an den natürlichen Ressourcen, die er gewaltsam und mit List seinen unersättlichen Leidenschaften, der Ausbeutung und dem Gewinnstreben unterwirft, indem er die vom Schöpfer der Schöpfung verliehene Schönheit entstellt und somit die Grundlagen und Voraussetzungen des Überlebens der zukünftigen Generationen zerstört.

Kurz gesagt: Wir meinen jene Formen des Lebens, die die vielfältigen Zeichen des Todes tragen, seien sie spiritueller oder moralischer Art oder durch Leidenschaften und Fehler, Mangel oder Unersättlichkeit, Herabwürdigung oder Vergewaltigung des Lebens hervorgerufen.

Im Herrn geliebte Brüder und Kinder, 

wir haben auch in diesem Jahr wieder das heilige Leiden des Erlösers, unseres Herrn Jesus Christus verehrt. Wir wissen, dass das Wort von seinem Tod am Kreuz Torheit für diejenigen ist, die auf ihrem Unglauben beharren und ins Verderben laufen. Im Gegensatz dazu ist es Gottes Kraft für uns, die wir im Glauben und unter dem strahlenden Licht der Auferstehung den Weg des Heils (1 Kor 1,18) beschreiten.

In dieser Kraft und in der Freude über Christi Auferstehung zollen wir dem Leben unserer Mitmenschen Respekt, um der wechselseitigen Vernichtung ein Ende zu bereiten und der Gewalt und dem Fanatismus, die unser Leben bedrohen, abzusagen. Den Triumph der Auferstehung sollten wir als Triumph des Lebens, der Verbrüderung der Menschen und der Perspektive der Hoffnung begreifen.

„Christus ist auferstanden, und das Leben herrscht.“

Ihm sei Herrlichkeit, Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Ostern 2006
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott


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