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Christus auf Erden, lasst euch erhöhen!
Die Ermahnung des hl. Gregors des Theologen, die er vor sechzehn Jahrhunderten formuliert hat, hat auch heute, im Herrn geliebte Brüder und Kinder, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Und solange das Leben auf der Erde dauert, wird sie aktuell bleiben. Denn das eindimensionale materielle Leben, das ausschließlich innerweltliche Leben des Menschen, ist nicht das Leben, das seiner wahren Natur als des Bildes Gottes entspräche.
Gleichwohl beugt sich der Mensch gewöhnlich nach unten und klebt an allem, was irdisch und vergänglich ist, als ob sein ganzes Dasein sich darin erschöpfte und die Welt jenseits der Materie gar nicht vorhanden wäre. Darum ist die Ermahnung "Lasst euch erhöhen!" als eine betonte Erinnerung daran, dass der Mensch dem Irdischen überlegen ist, allezeit aktuell. Aber die Ermahnung allein reicht nicht hin, den Menschen zu rühren noch ihm einen hinreichenden Grund zu geben, warum er den konkreten irdischen Dingen entzogen und über sie in einer augenscheinlich Ungewissen Suche nach einer Quelle geistlicher Erfüllung und Freude erhoben werden soll. Der einzige Grund, der diese Erhöhung des Menschen über das Irdische und Vergängliche rechtfertigt, ist "Christus auf Erden", das erste Glied der Ermahnung und zugleich ihre Rechtfertigung. Lasst euch also, ihr Mitmenschen, erhöhen, ruft der hl. Gregor der Theologe aus, denn Christus ist auf die Erde herabgestiegen.
Christus ist nicht nur Mensch, nicht nur einer von vielen Menschen. Er ist zwar vollkommener Mensch, aber zugleich auch Gottes Fleisch gewordener Sohn und Logos. Doch Er wurde Fleisch und nahm Knechtsgestalt an, um uns gewöhnliche Menschen in die Nähe Seines himmlischen Vaters zu erheben, um uns zu vergöttlichen. Darum ist es notwendig, dass wir an dem Tag, an dem wir Seine Geburt der Menschheit nach feiern, unseren Blick nach oben richten, Geist und Herz zur Höhe erheben, um zu sehen, von wo Er herabgestiegen ist und wohin aufzusteigen Er uns beruft.
Er beruft uns dazu, zu der schönen, unvergänglichen Welt der Liebe Gottes aufzusteigen, jener Liebe, die niemals aufhört. Er lädt uns ein, zu der schönen, unvergänglichen Welt des die Fassungskraft jedes Verstandes übersteigenden Friedens emporzusteigen, des Friedens, den Gott denen gibt, die Ihn lieben. Er beruft uns dazu, zum himmlischen Reich des ewigen, seligen Lebens emporzusteigen, jenes Lebens, das all den Menschen bereitet ist, die willens sind, den Herrn zu lieben. Nur an diesem hohen geistlichen Ort werden die tiefsten Sehnsüchte des Menschen nach wahrer Gemeinschaft der Liebe mit der liebenswertesten Person erfüllt, mit unserem Herrn Jesus Christus, der zur Rechten des Vaters thront und von dem es heißt, dass die Schönheit Seines Angesichtes unsagbar sei und dass Sein Anblick das Herz mit jeglicher Freude, mit Leben, Erkenntnis, Vollkommenheit und unübertrefflicher Seligkeit erfülle.
Christus ist auf Erden, im Herrn geliebte Brüder und Kinder, damit wir zu jener himmlischen Daseins- und Lebensweise erhöht werden, die mit derjenigen Christi, d. h. mit der Liebe und dem Opfer für die Geliebten, identisch ist.
Sofern wir dieses leibhafte Leben führen, werden wir uns von dieser Erde, die Gott in Seiner Liebe und Allweisheit zu unserer Wohnstatt bestimmt, nicht trennen. Wir werden uns aber von der perspektivlosen Gefangenschaft und Sklaverei in einem ausschließlich auf die Materie gerichteten irdischen Leben trennen, deren einziges Ende der verzweifelte Tod ist.
Christus auf Erden. Darum, Brüder, lasst uns zur Lebensart Christi erhöht werden, der aus Liebe die Schwachen geheilt, die Hungernden genährt, die Beladenen erquickt, den Sündern verziehen hat und keine Bitte versagte, um uns eine neue Lebensweise zu lehren, uns zu einem neuen Sauerteig und zu neuen Schläuchen zu machen und sie mit neuem geistlichen Wein zu füllen, damit aus Ihm der in Christus neu erstandene Mensch hervorgehe, der zwar mit den Füßen sicher auf Erden schreitet, der mit den Händen beständig auf ihr das Gute wirkt, der aber im Geist und im Herzen immerdar nach oben, zum Himmel, zur Höhe, zur Liebe Gottes und der Menschen, zum Wohltun, zum Frieden, zur Versöhnung, zur Hoffnung, zum Leben emporstrebt. Indem die heilige Mutter, die Große Kirche Christi, dies stets im Blick hat, hört sie, den Geist und das Herz beständig zur Höhe gerichtet, nicht auf, durch ihre gläubigen Glieder auf Erden das Gute zu bewirken und sie zu ermahnen, " in unabweisbaren Nöten guten Werken zu obliegen" (Tit 3,14). Der Beweis dafür sind die drei großen Konferenzen, die sie in Konstantinopel während dieses 2000. Jahres nach Christi Geburt im Fleisch organisiert und durchgeführt hat:
Die Konferenz der orthodoxen Jugend zu dem Thema "Die Jugend in der Kirche des dritten Jahrtausends"; wenig später die internationale wissenschaftliche Konferenz zu dem Thema "Die Erschaffung der Welt und die Erschaffung des Menschen - Herausforderungen und Fragestellungen im Jahr 2000"; und vor einem Monat die in dieser Stadt zusammengetretene Versammlung von Klerikern und Laien der Diözesen und Gemeinden des ökumenischen Patriarchates weltweit zu dem Thema "Die Gemeinde als Zelle des Lebens der Kirche - Erlebte Wirklichkeit - Moderne Tendenzen und Herausforderungen". Alle diese und zahlreiche andere Aktivitäten, so z. B. der Einsatz für die natürliche Umwelt, für den friedlichen Ausgleich von Differenzen zwischen den Menschen, Völkern und Kirchen, die Suche nach Lösungen, die die unter Menschen bestehenden Spannungen beheben, die Sorge für die universale Verkündigung der Ankunft Christi auf Erden, der Dienst der Mönche und Laien, die um der Heiligung willen ein Leben der Enthaltsamkeit führen, und insgesamt der Aufruf und das Engagement zur Verwirklichung des Lebens in Christus bezeugen deutlich das Ereignis, dass "Christus auf Erden" ist, damit auch wir zum Himmel emporsteigen, und dass die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche das ganze irdische Leben als ein Vorstadium des himmlischen umfasst und uns dazu beruft, in einer Weise auf Erden zu leben, die uns zugleich zum Himmel erhöht.
Die heutige Anwesenheit unserer geliebten Brüder, der Häupter und Repräsentanten der heiligen orthodoxen Ortskirchen in diesem ehrwürdigen Gotteshaus der allen orthodoxen Kirchen vorstehenden Kirche von Konstantinopel bezeugt, dass sie alle die eine, heilige, katholische und apostolische orthodoxe Kirche bilden, die in Christus und im Heiligen Geist trotz aller Differenzen in adminstrativen Fragen geeinte Kirche.
Christus auf Erden! Darum, im Herrn geliebte Brüder und Kinder, erhöht euer Leben, wie es unserem hohen Gast gebührt. Seine Gnade und Sein reiches Erbarmen seien mit euch allen. Amen.
Phanar, Weihnachten 2004
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott