[Zurück zur vorigen Seite]


WEIHNACHTSbotschaft
des Ökumenischen Patriarchen

+ B a r t h o l o m a i o s
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus,
Unserem in BETHLEHEM gebORenen Erlöser

* * *

"Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte Ihn in Windeln und legte Ihn in eine Krippe". (Lk 2,7)

Das bedeutendste Ereignis der Weltgeschichte, die Fleischwerdung des Sohnes Gottes, vollzog sich nahezu im Verborgenen. So charakterisiert es auch der Dichter des weihnachtlichen Hymnus, wenn er vom Herrn sagt: "Verborgen wurdest Du in der Höhle geboren."

Und wirklich: Gottes Mensch gewordener Logos wurde zu Bethlehem in der Stille der Nacht von einer Jungfrau in einer Höhle geboren. Er wurde wie alle Neugeborenen in Windeln gewickelt und zum Zeichen Seiner äußersten Erniedrigung in die Krippe der Tiere gelegt.

Da erschien ein Engel des Herrn den Hirten auf dem Feld und verkündete ihnen: "Heute ist euch der Heiland geboren, Christus, der Herr." (Lk2,11) Und sogleich zeigte sich eine unermeßlich große himmlische Heerschar von Engeln, die Gott lobten. Jedoch nach nur wenigen Augenblicken entwich sie in den Himmel, und schon verschlang die nächtliche Stille diesen kurzen Moment des Gott von den Engeln entbotenen Lobpreises.

Auf diese Weise blieb das größte Ereignis aller Zeiten, die Menschwerdung Gottes, vom Schweigen verhüllt. Es wurde verkündet, es wurde offenbart und es wurde von Schweigen umhüllt. Unter den Hunderttausenden von Menschen, die zu jener Zeit auf der Erde lebten, wurde nur einer kleinen Schar von Hirten kund, daß soeben der Messias zur Welt gekommen war.

Gott drängt uns also Sein Elösungswerk nicht auf. Er zwingt Seine Gegenwart den Herzen der Menschen und ihrem Leben nicht auf. Das große Mysterium der göttlichen Heils-waltung vollzieht sich vorwiegend im Verborgenen und geheimnishaft. Dasselbe gilt auch für das Werk der Aneignung der göttlichen Gnade, die unsere Herzen heiligt; auch dieser Vorgang vollzieht sich geheimnishaft in unserem Inneren wie in einer anderen Höhle.

Zweifellos sind auch alle sichtbaren guten Werke lobenswert und nützlich. Der Herr selbst gibt uns die Weisung, unser Licht vor den Menschen erstrahlen zu lassen, damit unsere Mitmenschen unsere guten Werke sehen und unseren Vater preisen, der im Himmel ist (Mt 5,16). Auch der Apostel Paulus empfiehlt uns, "in guten Werken das Notwendige zu besorgen" (Ti 3,14), damit wir nicht unfruchtbar seien.

Doch das wichtigste Werk des Menschen ist seine Heiligung durch die Gnade Gottes, die Erfüllung der Gebote und jene unsichtbare innerliche Wirksamkeit, die darauf ausgerichtet ist, unseren inneren Kosmos von jedem bösen Gedanken zu reinigen.

"Trachtet nach Frieden mit allen und nach jener Heiligung, ohne die niemand den Herrn schauen kann", empfiehlt der Apostel. Und er fügt auch hinzu, welches die beiden grundlegenden Elemente sind, die unsere Heiligung bewirken: "Habt acht darauf, dass keiner die Gnade Gottes versäume, dass nicht eine bittere Wurzel aufschieße, Schaden stifte und durch sie viele vergiftet würden" (Hebr 12,14-15).

Wir alle, die wir gläubig sind, sehnen uns danach, Christus in unserem Herzen wie in einer neuen Krippe zu empfangen, um so von Ihm wiedergeboren zu werden. Damit das geschieht, bedarf es über die sichtbaren guten Werke hinaus auch des unsichtbaren Werkes der Reinigung unseres Herzens von Jeglicher Verwirrung und Bitterkeit, von bösen Vorstellungen und nichtigen Erwägungen, damit die Gnade Gottes einziehe, den Ort heilige und Christus ihn für geeignet befinde, an ihm, d.h. in uns zu wohnen. Dort, in der reinen Höhle des Herzens eines jeden von uns wird sich das Mysterium ereignen, für das Christus in der Höhle von Bethlehem geboren wurde.

Unsere Existenz wird geheiligt und vergöttlicht werden, und wir werden im Heiligen Geist wiedergeboren werden. So wiedergeboren und erneuert werden wir an dem ganzen Leben Christi teilnehmen, angefangen von der Geburt bis zur Kreuzigung, zur Auferstehung und zur Himmelfahrt.

Indem wir uns dieses vor Augen halten, wollen wir so feiern, wie es uns des heilige Gregor d. Theologe rät: "nicht ausschweifend, sondern göttlich; nicht weltlich, sondern überweltlich; nicht nach unserer Weise, sondern entsprechend dem, was uns ziemt, oder vielmehr dem, was dem Gebieter ziemt ..., nicht dem gemäß dem, was unserer Schöpfung, sondern gemäß dem, was unserer Neuschöpfung entspricht" (P.G. 36,316 A-B).

Mögen wir alle gewürdigt werden zu sehen, wie Christus in unserem Herzen geboren wird, um darin zu wohnen. Dann werden wir auf göttliche Weise das große Fest der unsichtbaren Geburt Christi dadurch begehen können, dass wir mit ganzer Seele an Seiner Aufnahme in der Welt teilhaben.

Die Gnade und das reiche Erbarmen Christi, unseres zu Bethlehem im Fleisch geborenen und in eine Krippe gelegten Herrn und Gottes, seien mit Euch allen Amen.

Phanar, Weihnachten 2001
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott


[Zurück zum Seitenanfang]

[Zurück zur vorigen Seite]