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Brüder und im Herrn geliebte Kinder,
es hat Gott wohlgefallen, daß wir auch in diesem Jahr das große
freudige Fest der Geburt des Fleisch gewordenen Wortes Gottes feiern. Der
allgute Gott, der den Menschen als Person, das heißt mit Selbstbewußtsein
und dem Vermögen, die anderen Personen zu erkennen und mit ihnen in Gemeinschaft
zu treten, geschaffen hat, um ihn zum Teilhaber der Freude der Liebe zu machen,
hat den Menschen nicht im Stich gelassen, als dieser die Liebe zu Ihm verriet
und es vorzog, sich unabhängig von Gott zu entwickeln. Diese Wahl der
Ersterschaffenen brachte über sie den geistlichen Tod, das Leben im
Materialismus und die Sünde des Egoismus. Das war ein Zustand, dem der
Mensch mit seinen eigenen Kräften nicht entkommen konnte. Darum ist
das Wort Gottes Fleisch geworden und hat die menschliche Natur angenommen
und geheilt, um den in Christus wiedergeborenen Menschen in die Lage zu versetzen,
Gott in der Person Jesu Christi von neuem lieben zu können. Diese Wiederherstellung
der Liebe zwischen Mensch und Gott, welche die Ursache der größten
Freude in der Welt ist, ist der Grund des Wohlgefallens Gottes am Menschen,
jenes Wohlgefallens, das die Engel in der Nacht der Geburt Christi in Bethlehem
besungen haben. Diese Geburt feiern wir geistlich und von Freude erfüllt,
indem wir an allen materiellen Gaben Gottes an den Menschen, der sich von
Ihm entfernt hatte, maßvoll teilhaben. Denn diese Gaben sind der Beweis
der Liebe Gottes zum Menschen.
Die meisten unserer Mitmenschen vergessen in ihrer von den vielfältigen
Anlässen weltlicher Freude herrührenden Begeisterung und der übermäßigen
Beanspruchung durch den Genuß der den reichen Nationen reichlich zur
Verfügung stehenden vielfältigen Möglichkeiten zur Zerstreuung
- die meisten Menschen vergessen die tiefere Bedeutung des Weihnachtsfestes.
Bisweilen laufen sogar gläubige und fromme Christen Gefahr, von dieser
weltlichen Perspektive dessen, was uns umgibt, verführt zu werden, die
wahre Bedeutung der Fleischwerdung des Wortes Gottes zu vergessen und in dem
Bestreben nachzulassen, dieses für ihr Leben so außerordentlich
bedeutsame Ereignis auch als solches zu realisieren. Denn die große
Bedeutung von Weihnachten besteht darin, daß Gott Fleisch und Mensch
wird, um dem Menschen Gemeinschaft mit Gott zu geben. Er inkarniert sich,
um dem Menschen die größte aller Möglichkeiten seiner Entfaltung
darzubieten: Gott zu werden. Alle menschlichen Freuden und Genüsse sind
gering im Vergleich mit der Freude der Teilnahme am Leben Christi.
Die Welt befaßt sich nicht mit dieser Möglichkeit. Sie begnügt
sich damit, sterblich und den Leidenschaften unterworfen zu sein, und die
Ziele, die sie dem Leben setzt, sind sehr begrenzt und diesseitig. Sie tendiert
dazu, das Weihnachtsfest zu einem ganz und gar anthropozentrischen, der Kirche
entfremdeten und seines christlichen Inhalts beraubten weltweiten Fest der
Wintersonnenwende zu machen. Wir Christen sind dazu verpflichtet, im Widerspruch
zu diesen säkularen Tendenzen alles zu tun, um die geistliche Bedeutung
der Inkarnation und Geburt des Wortes Gottes bewußt zu machen. Sie schenkt
uns die dem Ungläubigen unverständliche Möglichkeit der Teilhabe
am Leben des Gottmenschen Christus, die uns mit unauslöschlicher himmlischer
Freude erfüllen sollte. Aber um von dieser Freude und diesem Frieden
erfüllt zu werden, müssen wir diese Möglichkeit samt ihren
Voraussetzungen akzeptieren, Jesus Christus, der sie uns schenkt, lieben,
die göttliche Gnade erflehen und die Wirkung der Gnade Gottes und die
von ihr verursachte Verwandlung ertragen.
Gott liebende Christen,
unser in der Höhle geborener und in die Krippe gelegter Herr Jesus
Christus erwartet von uns, daß wir Ihm unsere Herzen öffnen, damit
Er in ihnen wie in einer anderen Höhle Wohnung nehme. Von dort wird
Er unsere Gedanken und Gefühle zu allem lenken, was gut und schön
ist. Er wird unser Leben begleiten und unsere Herzen entzünden durch
Liebe und Seligkeit, denn die Seligkeit geht allein aus der Liebe hervor.
Laßt uns die Abhängigkeit von und die Hörigkeit gegenüber
den Leidenschaften, die Fesseln unserer Seelen, die Sünde und jede verderbliche
Begierde aus unseren Herzen verbannen. Laßt sie uns reinigen durch
das Bad des Sündenbekenntnisses, durch welches die Seelen weißer
als Schnee werden, damit wir Jesus Christus mit reinem Herzen und heiliger
Bereitschaft in der Krippe unserer Herzen empfangen und Christus allmählich
durch die geistliche Übung und die Bewahrung Seiner Gebote in uns Gestalt
annehme, “damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in Seiner
vollendeten Gestalt darstellen“ (Eph 4,13).
Wir grüßen euch väterlich an diesem besonderen Tag, gratulieren
allen väterlich aus ganzem Herzen, erteilen allen unseren patriarchalen
Segen und bitten Christus, den Urheber des Friedens, Krieg und Mord ein Ende
zu setzen und unserem irdischen Chaos Frieden zu schenken. Euch aber, unseren
geliebten Kindern und Brüdern wünschen wir, diese heiligen Tage
in Frieden, jeglicher Freude und Jubel unter Gottes gnädigem Schutz zu
verbringen, auf die Fürbitten der allheiligen Gottesgebärerin und
aller Heiligen.
Die Gnade und das reiche Erbarmen Jesu Christi, der in der Höhle geboren
und in die Krippe der Tiere gelegt wurde, seien mit euch allen.
Phanar, Weihnachten 2003
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott