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WEIHNACHTSbotschaft
des Ökumenischen Patriarchen

+ B a r t h o l o m a i o s
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus,
Unserem in BETHLEHEM gebORenen Erlöser

* * *

„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern das ewige Leben habe“ (Jo 3,16).

 

Brüder und im Herrn geliebte Kinder,

die menschliche Seele sehnt sich danach, geliebt zu werden. Die Ursache für den weit verbreiteten Verlust des Lebenssinnes, von dem in besonderem Maß die Jugend betroffen ist, ist der Mangel an Liebe. Der größte Teil unserer Mitmenschen lebt im Käfig seiner individualistischen Belange und sucht den Mangel an Liebe durch das Streben nach materiellen Gütern, sinnlichen Genüssen und menschlichem Ruhm zu kompensieren. Doch damit kann man die Leere der Seele nicht füllen, denn diese braucht die persönliche Anerkennung, die Liebe.

Die Liebe aber ist in Gott und erhält die Welt, sie kennt jeden mit Namen und wird jedem auf vielfältige Weise angeboten. Aus Liebe hat Gott durch sein Wort die Welt erschaffen, damit wir alle Teilhaber der Freude werden, die der einheitsstiftenden personalen Liebe entspringt.

Gleichwohl haben Adam und seine Nachfahren bis heute die Liebe des Schöpfers zu ihnen abgelehnt, haben die Liebe aus ihren Herzen verbannt, sich der nicht-personalen Schöpfung zugewandt und erfolglos die Anerkennung ihrer personalen Existenz in der eigenen Überlegenheit und selbstsüchtigen Befriedigung statt in der Annahme der ihnen dargebotenen Liebe und ihrer Erwiderung gesucht. Das Resultat ist die Entstehung von Gesellschaften, die durch Gegensätze bestimmt sind, von Hass und Blutvergießen, wie wir es täglich erleben. 

Doch Gottes Liebe hört niemals auf, auch dann nicht, wenn sie von den Menschen abgelehnt wird. Gott hat seinen eingeborenen Sohn aus Liebe in die Welt gesandt, nicht um die von ihm abgefallene Welt zu richten, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde (vgl. Jo 3,17). Dieser Sohn wurde von der immerwährenden Jungfrau Maria in einer Höhle geboren und in eine einfache Futterkrippe gelegt, um uns zu zeigen, dass weder Macht, noch Selbstdarstellung, noch materieller Reichtum, worin die Welt Freude und Heil sucht, die wahre Quelle des Lebens und des Glücks sind. Christi Geburt in Bethlehem hat uns von neuem die Botschaft der bedingungslosen Liebe Gottes zum Menschen gebracht. Seit 2000 Jahren verkündet er uns diese grenzenlose Liebe. Er kam als ohnmächtiges und unschuldiges Kind, jedoch voller Liebe zu uns; dennoch wollte Herodes ihn töten; er erwies sich dadurch als Repräsentant jener Menschheit, welche die Liebe sogar dann noch hasst, wenn sie uns in einem unschuldigen und lächelnden Kinderblick begegnet.

Viele unserer Mitchristen, die fälschlicherweise gelehrt wurden, Gott nur unter der Maske eines strengen Richters zu kennen, aber von dem liebeerfüllten Vater, der sehnsüchtig und mitleidvoll auf die Umkehr des verlorenen Sohnes wartet, nichts wissen, haben sich von dem Fleisch gewordenen Gott Jesus Christus, dem Wort und Abglanz Gottes des Vaters, und von dem ihnen wesengleichen Heiligen Geist, von der lebenschaffenden und liebenden Dreiheit distanziert und haben so die Gesellschaft, in der sie leben, verweltlicht; sie haben sie der Hoffnung auf Gott und der wahren Liebe zu ihm beraubt. Sie nehmen ihre Zuflucht zu Dingen, welche die göttlichen Liebe ersetzen sollen, und gründen ihre Hoffnungen auf innerweltliche Kräfte, auf die Ausbreitung weltlicher Macht, auf die Vermehrung des Reichtums, auf die Unterwerfung von Völkern, auf die Globalisierung ihres Handels, auf die Verbreitung gotteslästerlicher Vorstellungen, auf das Leugnen und die Missachtung des Todes  und überhaupt auf alles, wovon sie glauben, dass es sie von der Angst vor der Ausweglosigkeit eines Lebens ohne Liebe erlösen kann. Weil sie aber die Erlösung in all dem nicht finden, nehmen sich viele selbst das Leben und weisen so das Leben, das große Geschenk Gottes an den Menschen, zurück.

Dennoch ist, im Herrn geliebte Brüder und Kinder, die Liebe Gottes über jeden Zweifel erhaben und steht uns bei. Unser Herr Jesus Christus will im Herzen eines jeden Menschen geboren werden, um es mit dem Sinn des Lebens zu erfüllen. Dieser Sinn besteht darin, dass wir von Gott geliebt und dazu bestimmt sind, die Fülle des Lebens in gegenseitiger Liebe zu erfahren, jenes Lebens, das darin besteht, Jesus Christus, den Fleisch gewordenen Gott, alle Menschen und alle personalen Wesen zu lieben. „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet … Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm, in der Liebe” (Eph 1,3-4).

Das Fundament und das Dach, der Anfang und das Ende, das Alpha und das Omega der Schöpfung ist die Liebe.

Das Mysterium der Krippe und des Kreuzes, der Geburt, der Auferstehung, der Himmelfahrt und überhaupt des Kommens Christi in die Welt ist die Liebe. Der zu Weihnachten gesungene Hymnus der Engel, “Ehre sei Gott in den Höhen und Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen”, ist der Ausdruck ihres Erstaunens angesichts der unbegreiflichen Liebe Gottes. Dass Christus es zulässt, von den Frevlern gekreuzigt zu werden, ist nicht etwa Ausweis einer mit seiner Allmacht unvereinbaren Ohnmacht, sondern der Beweis seiner grenzenlosen Liebe. Alles Handeln Gottes ist voller Liebe für jeden einzelnen Menschen persönlich.

Lasst uns also, im Herrn geliebte Brüder und Kinder, den Weg in die immer größere Verweltlichung verlassen und reumütig heimkehren zu Gott, unserem Vater, und zu Jesus Christus, der durch seine Geburt in der Höhle gleichsam unser Bruder geworden ist; zu dem, der aus Liebe zu uns auf die Erde herabgekommen ist, weil wir verloren waren und uns von ihm getrennt hatten. Seine Liebe zu uns ist sicher. In seiner Gegenwart gibt es keine Furcht, sondern Vergebung, Friede und Freude.

Seine Gnade, sein Segen und sein reiches Erbarmen seien mit euch in diesen zwölf Festtagen, die Weihnachten und Epiphanie verbinden, und alle Tage eures Lebens von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Phanar, Weihnachten 2005
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott


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