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WEIHNACHTSbotschaft
des Ökumenischen Patriarchen

+ B a r t h o l o m a i o s
durch Gottes Erbarmen
Erzbischof von Konstantinopel, dem Neuen Rom,
und Ökumenischer Patriarch
allem Volk der Kirche
Gnade, Friede und Erbarmen
von Christus,
Unserem in BETHLEHEM gebORenen Erlöser

* * *

“ Gott auf Erden, der Mensch im Himmel; alles ist miteinander vereint.”
Hl. Johannes Chrysostomus

 

Brüder und im Herrn geliebte Kinder,

der menschliche Verstand tut sich schwer damit, den großen Wandel zu verstehen, den die Geburt Christi für die Welt mit sich gebracht hat. Das neugeborene Kind in der Krippe von Bethlehem ist nicht ein Mensch wie jeder andere unter den ungezählten, die täglich geboren werden. Er ist vielmehr der Schöpfer der ganzen Welt, der zu uns herabsteigt, um sein Geschöpf wieder zu der Höhe zu erheben, von der es gefallen war.

Nach dem aus der Liebe entsprungenen Plan des Schöpfers ist der Mensch dazu bestimmt, Gott der Gnade nach zu werden. Aber aus eigener Wahl hat er den ihm zu diesem Zweck gewiesenen Weg verlassen und wurde ein Sklave der Vergänglichkeit und des Todes. Und damit er die Fähigkeit, Gott durch Gnade zu werden, wiedererlange, musste Gott Mensch werden. Denn der gefallene irdische, vergängliche und sündige Mensch besitzt von sich aus nicht die Fähigkeit, seine gefallene Natur zu überwinden und wiederum die Gottheit anzulegen.

Darum hat nicht einmal die tollkühnste menschliche Phantasie sich dieses unausdenkliche Ereignis auch nur vorzustellen gewagt. Allein die vom Heiligen Geist inspirierten Propheten haben verkündet, daß Gott so handeln werde. Und in der Tat: In der Nacht, die wir Weihnacht nennen, ist das Unausdenkbare Wirklichkeit geworden. “Gott auf Erden, der Mensch im Himmel”, so ruft erstaunt der hl. Johannes Chrysostomus.

Dieses Ereignis von weltgeschichtlicher Tragweite ist nicht ohne Bedeutung für unser Leben und es beschränkt sich auch nicht auf vorübergehende Feierlichkeiten. Wir müssen uns ernsthafter mit der neuen Wirklichkeit auseinandersetzen. Christi Geburt schenkt uns die Fähigkeit, unsere Sterblichkeit zu übersteigen, zum Himmel emporzusteigen, in Gemeinschaft mit Christus zu leben, uns mit Gott zu versöhnen, uns dessen zu freuen, daß er uns an Sohnes Statt annimmt, und auf ewig in der unerschöpflichen Gnade seiner Liebe zu leben.

In dieser Feier sollen wir geistlich mit den Engeln und den Heiligen gemeinsam feiern, um mit ihnen das Wohlgefallen Gottes an den Menschen zu preisen und von heute an ein neues Leben führen, das der Berufung des Mensch gewordenen Gottes wert ist. Der unermeßliche Wandel, den dieses erschütternde Ereignis für die ganze Welt und besonders die Zukunft eines jeden Menschen mit sich bringt, steht im umgekehrten Verhältnis zu der Unscheinbarkeit und Demut, mit der es  sich vollzogen hat. Wir sollten die Bedeutung dieses Ereignisses nicht verkennen, nur weil es sich fern von der großen Öffentlichkeit in einer elenden und nackten Höhle zugetragen hat. Noch sollten wir es wie ein jährlich wiederkehrendes Fest mit Pomp und Aufwand begehen, ohne ihm eine andere Wirkung auf unser Leben zuzugestehen, als wäre es ein rein weltliches Spektakel.

Wenn auch alles, was mit der Geburt unseres Herrn Jesus Christus zusammenhängt, den vergänglichen Augen des Menschen unsichtbar bleibt, so gibt es doch einige, die es dank der Gnade Gottes erkannten und uns beschreiben, was sich in der Tiefe des Ereignisses zuträgt, und welcher Art der verborgene Wandel ist, der sich daraus für die Welt ergibt. So ruft uns zum Beispiel unser Vorgänger auf dem Thron von Konstantinopel, der hl. Johannes Chrysostomus, voller Staunen über das, was er erkannt hat, zu:

“Engel tanzten mit den Menschen, Menschen gesellten sich zu den Engeln und den übrigen himmlischen Mächten. Und man konnte sehen, wie Gott sich mit unserer Natur versöhnte, wie der Teufel unterlag, wie die Dämonen auseinanderstoben, wie der Tod verging, das Paradies sich öffnete, der Fluch zunichte wurde, die Sünde die Flucht ergriff, die Lüge verjagt wurde, die Wahrheit wiederkehrte, das Wort des Glaubens sich allenthalben ausbreitete und Frucht trug, der Wandel der Körperlosen im Himmel auch auf der Erde heimisch wurde, Engel beständig auf die Erde herabstiegen und die Hoffnung wuchs auf das, was noch bevorsteht“ (P.G. 57,15-16).

Im Herrn geliebte Kinder und Brüder, unser Wunsch ist es, daß wir sehen, wie sich diese Hoffnung auf das, was noch bevorsteht, auf die Gebete des großen hl. Johannes Chrysostomus, der mit allen Heiligen für uns bei dem Herrn im Himmel eintritt, in unserem Leben erfüllt. Anlässlich der Vollendung der 1600 Jahre, die seit dem seligen Entschlafen dieses Heiligen vergangen sind, am bevorstehenden Neujahrstag erklären wir vom Ökumenischen Patriarchat aus das kommende Jahr als ein Gedenkjahr zu Ehren des hl. Johannes Chrysostomus, um so alle Gläubigen zu ermuntern, seine Schriften zu lesen und sich in sein Leben zu vertiefen.

Brüder:

Christus wird geboren, verherrlicht Ihn.

Christus kommt vom Himmel, zieht Ihm entgegen.

Christus auf Erden, laßt euch erhöhen.

Ihm, der uns in seiner Geburt seine Menschenliebe geoffenbart hat, sei Ehre, Dank, Herrlichkeit und Anbetung von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Phanar, Weihnachten 2006
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott


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