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Unsere heilige orthodoxe Kirche hat uns die jährliche Feier der großen Ereignisse des Heils anvertraut, damit wir durch ihre liturgische Vergegenwärtigung geistlich und leiblich an ihnen teilhaben und dank dieser Teilhabe Gottes Gnade empfangen. Zu den größten Ereignissen des Heils gehört auch die Geburt unseres Herrn Jesus Christus, deren Feier die Kirche seit den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens begeht.
Unsere Beziehung zu den wichtigen historischen Begebenheiten der göttlichen Ökonomie darf niemals gefühlsbestimmt sein. Wir entsinnen uns nicht des Erfreulichen, um uns zu freuen, und des Traurigen, um zu trauern. Vielmehr hat diese Beziehung den Charakter der ernsten Bemühung um die Aneignung der diesen Begebenheiten entströmenden Gnade. Wir besinnen uns auf das Vergangene, um uns auf das Zukünftige und Erhoffte vorzubereiten. Jeder für sich und alle zusammen suchen wir die tatsächliche Teilhabe an der Verwirklichung der Erlösung der Welt.
Der Glaube an Christus deutet die geschichtlichen Ereignisse des Heilshandelns Gottes und die Gegenwart von jenem "Ende" her, dem sie zustreben. Das Maß des Verstehens und der Deutung der Vergangenheit und der Gegenwart, aber auch eines jeglichen, das sich im Strom der Zeit entwickelt, sind die "Eschata", die "letzten Dinge", der Weg zum Reich Gottes.
"Die Wahrheit ist die Verfassung des Zukünftigen", sagt der hl. Maximos der Bekenner. Demzufolge ist Wahrheit auch alles, was unsere Teilhabe an dieser Verfassung ermöglicht, aber nicht diese Welt im Wandel ihrer Befindlichkeiten.
Um der Wiedereinsetzung des Menschen in seine ursprüngliche Schönheit und in das Reich Gottes, d. h. in die Verfassung des kommenden zeitlosen Äons, in die Fülle des Lebens und der Seligkeit willen hat Gott die ihrer Orientierung beraubte, aus freiem Willen von Ihm abgefallene Welt so geliebt, "dass Er Seinen eingeborenen Sohn dahingegeben hat, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern das ewige Leben habe" (Jo 3,16). Um unseretwillen ist „das Wort Fleisch geworden und hat unter uns Wohnung genommen" (Jo 1 ,14).
Die orthodoxe Kirche erfährt unablässig die Offenbarung der Fleischwerdung des Wortes Gottes. Sie erfährt sie täglich in der Göttlichen Liturgie, in der das ganze Mysterium der irdischen Gegenwart des Wortes Gottes im Fleisch vergegenwärtigt wird. In dieser Erfahrung Seiner Geburt im Fleisch, Seines Wandels unter uns, Seiner Lehre, Seiner Kreuzigung, Seiner Auferstehung, Seiner leiblichen Auffahrt und schließlich der Herabkunft und Einwohnung des Tröster-Geistes in unseren Herzen und unserer Versöhnung mit dem Vater durch den Sohn erfährt sie zugleich "wie durch einen Spiegel im Rätsel" (1 Kor 13,1) auch die zukünftige Wirklichkeit, der sie entgegensieht und nach der sie verlangt (Hebr 13,14).
Die orthodoxe Kirche weiß, dass der Kampf jedes Gläubigen darum, Christus anzuziehen, sich innerhalb der Welt in der Zeit entfaltet und nicht nur die Liebe zu Gott, sondern auch die Liebe zum Nächsten voraussetzt, die sich in unserer Bereitschaft dazu äußert, die Lasten unseres Bruders so auf uns zu nehmen, als wären sie unsere eigenen (Mt 25,34-46; Jak 2,14-20). Darum mahnt die orthodoxe Kirche ihre Gläubigen, Christus in einem unermüdlichen Kampf nach Kräften nachzuahmen, damit sie fähig werden, zu der göttlichen, unsagbaren Schönheit der Tugenden Christi erhoben zu werden. Zu dieser Ermahnung bedient sie sich als der dafür geeignetsten und wirksamsten Waffen des Wortes, der Gnade der Sakramente, der Ikone, der Symbole und der Feste.
In diesem Geist pastoraler Sorge nutzt unsere gemeinsame heilige Mutter, die orthodoxe Kirche, den Augenblick der Vollendung zweier Jahrtausende seit der Geburt unseres Herrn Jesus Christus im Fleisch, um, wie jedes Jahr, jeden Sonntag, jeden Tag, jede Stunde und jeden Moment, so auch heute wiederum ihre gläubigen Glieder zur Erkenntnis Christi, zur Wachheit, zur Umkehr, zum Gebet, zur Enthaltsamkeit, zur Nüchternheit aufzurufen und alle zu ermahnen und anzuhalten, das jetzige Leben so zu verbringen, dass sie die Zeit auskaufen, "denn die Tage sind böse" (Hebr 5,16).
Unsere Mutter, die Kirche, lässt nicht ab, alles zu tun, was ihr obliegt: zu jeder Zeit und am heutigen Festtag für den Frieden der ganzen Welt, die Einheit und Standhaftigkeit der heiligen Kirchen, die Versöhnung in Christus, die Achtung des menschlichen Lebens, der menschlischen Freiheit und der natürlichen Umwelt zu beten. Insbesondere aber betet sie für alle Menschen, dass sie Buße tun und dasjenige liebgewinnen und allem anderen vorziehen, was dem Herrn gefällt, und so durch die Gnade des für alle Menschen, besonders aber für die gläubigen, Fleisch gewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Christus gerettet werden. Denn nur in Seinem Licht kann jeder, der danach sucht, erkennen, was Gott, was Freiheit, was Schuld, wer der Nächste, was Liebe, was die Differenz der Geschlechter, was Nationalismus, was religiöser Fanatismus, was leidenschaftlicher, aber nicht von Erkenntnis erleuchteter Eifer ist.
In diesem Sinn grüßen und segnen wir väterlich euch alle, indem wir euch zuerst ermahnen und bitten: Öffnet, macht weit eure Herzen! Gewinnt den Erlöser und Herrn Jesus Christus lieb, der für uns Mensch geworden ist, und seid gewiss, dass ihr bei Ihm ewige Gnade finden werdet. Sodann erteilen wir allen in Fülle unseren patriarchalischen Segen und wünschen euch ein gnadenreiches Weihnachtsfest und ein von Traurigkeit freies, friedliches, in allem erfolgreiches, glückliches und von dem Herrn gesegnetes Neues, uns zum Heil gereichendes Jahr 2000.
Brüder und Schwestern, in Christus geliebte Kinder, vergesst niemals:
Der vor 2000 Jahren in einer Höhle geborene und in eine Krippe gelegte Christus ist unsere einzige Hoffnung, die Hoffnung aller, die Hoffnung der ganzen Welt.
Seine Gnade und Sein Erbarmen seien mit allen Menschen. Amen.
Phanar, Weihnachten 1999
+ Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel
Euer aller inständiger Fürbitter bei Gott