AGGELOS ANASTASIADIS
„Wenn die
Glöckchen läuten...“
Reisebericht über eine Pilgerfahrt zum Ökumenischen Patriarchat
anlässlich des Patronatsfestes am 30. November 2005.
Vielleicht kann ja dadurch der eine oder andere Leser zu einer Reiseentscheidung ermuntert werden...
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Die Gruppe bestand unter der Leitung von Archimandrit Athenagoras Ziliaskopoulos aus zwölf Griechen der zweiten und dritten Generation in Deutschland, die sich zumeist erst seit einem Jahr näher mit dem orthodoxen Glauben beschäftigen und durch die deutschsprachige Katechesegruppe der Prophet Elias Gemeinde in Frankfurt einen einzigartigen Zugang gefunden haben. An dieser Stelle sei Herrn Apostolos Tsiangas gedankt. Hier erfahren wir auch, dass zehn Gottesdienste im Jahr vom Patriarchen zelebriert werden, so auch anlässlich des Patronatsfestes des Apostel Andreas. Trotz aller Vorwarnungen auf das regnerische Novemberwetter wird recht spontan eine dreitägige Gruppenreise gebucht. Nach dem geplanten Gottesdienstbesuch am Mittwoch Vormittag wird für den Nachmittag eine kleine „Audienz“ beim Patriarchen organisiert. Für die restliche Zeit ist Spontaneität angesagt. Am ersten Tag, einem Montag, haben die Museen und damit auch die alten byzantinischen Kirchen geschlossen. Es ist jedoch zum Glück ein sonniger Novembertag und so entscheiden wir uns zu einem Ausflug auf die Prinzeninseln. Die Bootsfahrt dauert eine gute Stunde. Als erste Insel wird Chalki (Heybeliada) angesteuert, auf der sich die orthodoxe Priesterschule befindet. Wir wissen, dass Leute die den Ort kennen oder gar hier studiert haben, sehr leidenschaftlich darüber berichten, und dass es ein großes Anliegen des Patriarchen ist, den Lehrbetrieb wieder aufzunehmen. Wir sind zunächst überrascht, dass die Schule bereits vom Boot aus zu sehen ist und einen ganzen Berghügel einnimmt. Sogar der große Eingang, den wir bisher nur von Fotos kannten, ist von weitem zu erkennen. In der Nähe vom Hafen entdecken wir eine orthodoxe Kirche des Heiligen Nikolaus, die erst kürzlich restauriert wurde. Zum ersten mal wird uns anhand der Widmungen in der Kirche auch die christliche Tradition der Umgebung bewusst. Es ist eine wunderschöne Kirche, deren Innenarchitektur sowie Farben sich von den Kirchen Griechenlands und Deutschlands, die wir bisher kannten, deutlich unterscheidet. Auf den Inseln herrscht ein absolutes PKW-Verbot. Mit Pferdekutschen geht es nun zur Schule, die im Kloster der Heiligen Dreieinigkeit untergebracht ist. Der „Campus“ erscheint sehr gepflegt, ausgestattet mit prächtigen Palmen und schönen Blumen. Es herrscht eine angenehme Ruhe hier oben, während ein leichter Wind weht. Als wir uns zu einem Gruppenfoto justieren, wird es plötzlich etwas unruhig. Eine kleine Gruppe kommt aus dem Gebäude herausgeeilt und wir erkennen sofort den Patriarchen. Er war spontan mit einer kleinen Delegation zu Besuch. Während einer kleinen Unterredung mit Vater Athenagoras grüßt er uns von weitem. Er wisse um der Gruppe aus Frankfurt und er erwarte uns am Mittwoch im Patriarchat. Er müsse jetzt leider zu den Kutschen, um das nächste Boot zu erreichen. Und schließlich ein auf Wiedersehen auf Deutsch. Es ist wohl verständlich, dass wir einen Moment brauchen, um die Situation zu verarbeiten, aber nun wissen wir, weshalb wir auf die Hausführung warten mussten. Von der Einfachheit des Patriarchen müssen wir nicht mehr überzeugt werden. Ein junger Diakon führt uns auf eine herzliche Art und Weise durch die Hörsäle, die mehrere Gänge umfassende Bibliothek sowie durch die schöne Klosterkirche, so dass nicht in Worte zu fassen ist, welche innere Verbundenheit wir in kürzester Zeit für diesen Ort verspüren. Spätestes jetzt wissen wir um den Geist dieses Ortes und welchen Schatz er für die Orthodoxie darstellt. Mit dem Boot geht es weiter auf die größte der Prinzeninseln, der Pringipos(Büyükada), auf der es ein weiteres orthodoxes Kloster geben soll. Auch hier sind wir wiederum mit den Pferdekutschen unterwegs. Es ist eine sehr grüne Insel, auf der sich eine Prachtvilla nach der anderen reiht. Wir können diesmal aufgrund des zu steilen Anstiegs nicht bis an die Klostertür kutschiert werden. An die dreißig Minuten müssen zu Fuß zurückgelegt werden. Wir wundern uns, dass rechts und links der Strecke am Gewächs aus verschiedenen Stoffen Schleifen zusammengebunden sind. Oben angekommen, eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf das Marmarameer. Es ist das Kloster des Heiligen Georgios ο Κουδουνάς. Es wird von einem jungen Mönchen bewohnt, der uns auch näheres zum Kloster erzählt. Ein Schafshirte habe an diesem Ort nach einer Engelserscheinung eine begrabene Ikone des Hl. Georgios gefunden, als die Schafsglöckchen klingelten. Der Hl. Georgios ο Κουδουνάς steht unter anderem als Patron für psychische Leiden. So haben in früheren Zeiten Familien aus der Stadt ihre schwer erziehbaren Kinder, in der Hoffnung der Besserung, durch das Umhängen eines Glöckchens im Kloster an den Heiligen Georgios verkauft. Diese konnten sich bei Eintritt ins Erwachsenenalter durch Rückgabe der Glöckchen wieder freikaufen. Gelegentlich kämen auch heute noch Konstantinopler, die als Kinder die Stadt fluchtartig verlassen hatten, um ihre Glöckchen zurückzubringen und damit ihre Seelenruhe zu finden. Wir erfahren weiter, dass auch die Muslime den Hl. Georgios verehren und jährlich an die vierzig tausend Pilger das Kloster aufsuchen und in Form der Schleifen an den Bäumchen ein Gelübde ablegen. Obligatorischermaßen wird zum Abschied auch uns ein Glöckchen umgehängt. Der Mönch meint, dass ja schließlich jeder Mensch mal seine psychischen Tiefen habe. Der Abend findet seinen Ausklang in einer Fischtaverne auf der Insel und anschließender Bootsfahrt nach Istanbul. Am Dienstag wollen wir uns den Museen widmen, die in der Nähe des Stadtteils Fener liegen. Bei dieser Gelegenheit lassen wir es uns natürlich nicht nehmen, zunächst dem Patriarchat einen kleinen Besuch abzustatten. Kurzfristig erklärt sich auch der Sekretär der Synode bereit, uns zu empfangen. Als wir in einem Empfangsraum Platz nehmen, haben wir jedoch zunächst ein kleines Déjà-vu-Erlebnis. Zufällig durchkreuzt der Patriarch den Raum. Er erkennt uns auch gleich sofort und erklärt, dass er somit sein Versprechen vom Vortag einlöse, indem wir uns ja nun wiedersehen! Er verabschiedet sich wieder mit dem Hinweis auf das geplante Treffen am Mittwoch. Mit einer Straßenkarte ausgestattet, wagen wir es, die ersten Museen zu Fuß anzusteuern. Sehr beeindruckend in Fener ist wohl der Anblick der griechischen Schule Μεγάλη του Γένους Σχολή die durch ihre Größe und Architektur deutlich von den übrigen Gebäuden der Umgebung hervorragt. Es dauert auch nicht lange, bis wir uns im Labyrinth der kleinen Gassen verlaufen. Wie durch ein Wunder stoßen wir jedoch dadurch inmitten von heruntergekommen Häusern auf zwei noch betriebene orthodoxe Kirchen, die nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen sind. Es ist zum einen die Kirche der Παναγίας Μουχλιότισσας und zum anderen des Heiligen Georgios Ποτήρα Αντιφονήτου. Sie werden von arabischen Christen instandgehalten, die mit ihren Familien auch unmittelbar hier wohnen. So können wir auch die Jahrhunderte alten Kirchen besichtigen, in denen noch Gottesdienste stattfinden. Im ehemals christlichen Viertel leben jedoch nur noch wenige Orthodoxe. Bei den Museen, die wir besichtigen, handelt es sich um alte byzantinische Kirchen, die zum Teil als Moscheen fungieren und zum Teil der Besichtigung freigegeben sind. Erwähnenswert sind die Goldmosaiken der Μονή της Χώρας mit der früher die ganze Kirche ausgeschmückt war. Vater Athenagoras erläutert die Mosaiken mit einer Leidenschaft, dass wir nach einem kleinen Disput mit der Aufsicht in zwei Gruppen geteilt werden müssen und unser Priester nun in leiserem Ton die Führung zweimal geben muß. Endlich sehen wir auch ein Original der orthodoxen Auferstehungsikone. Zur Besichtigung der Hagia Sofia muß wohl nicht viel geschrieben werden. 7.500 qm² Kirche. Ein Monument sondergleichen. Es finden viele Restaurationsarbeiten statt, die wertvolle alte Schichten hervorbringen sollen. Am Nachmittag geht es zur Vesper in die patriarchale St. Georgskirche, die auch vom Patriarchen zelebriert wird. Es ist ein kleiner Vorgeschmack auf den morgigen Tag... Der Vorhof des Patriarchats ist ein Tummelplatz vieler Sprachen. Man hört griechisch, deutsch, türkisch, englisch, italienisch, arabisch, russisch, armenisch... Was alle schließlich vereint ist die gemeinsame liturgische Sprache. Im Gottesdienst vor der herrlichen Ikonostase der Kathedralkirche sind Regierungsvertreter und viele Würdenträger zu sehen. Auch der junge Diakon aus Chalki ist anlässlich der Feierlichkeiten gekommen, um den älteren Bischöfen zur Seite zu stehen. Als Vertreter des Vatikans ist Kardinal Kasper anwesend, mit dem wir später auch eine kleinere Unterredung haben werden. Trotz der hochrangigen Gäste verspüren wir jedoch die Atmosphäre, die in jeder Ortskirche anzutreffen ist. Am Abend wird jemand aus der Gruppe das aussprechen, was viele denken: Man fühlt sich aufgrund der Einfachheit im Patriarchat wie zu Hause! Die Mittagszeit überbrücken wir durch das Feiern weiterer Mysterien im Patriarchat, ehe es endlich am Nachmittag zum Empfang beim Patriarchen geht. Wir erfahren, dass anschließend die Delegation aus Rom erwartet wird, weshalb auch überall kleine Schälchen mit Oliven verteilt sind. Endlich können wir den Patriarchen in aller Ruhe näher kennen lernen und auch die Geschenke überreichen. Auf diesen einfachen Oberhirten kann man wirklich stolz sein. Der Abend sowie die Reise finden ihren Ausklang in einer Taverne in der Nähe vom Patriarchat bei Gesang und Tanz. Es sind sehr bewegende Momente, als sich der junge Diakon verabschieden muss, um mit zwei Mitbrüdern das letzte Boot nach Chalki zu erreichen und anschließend in der Nacht den Hügel zum Kloster hoch zu laufen. Vielleicht kommen in diesem Augenblick Gedanken auf, für wen sie eigentlich diese Bürde aufnehmen. Gott wird nicht mit der Ratio erlernt. Er offenbart sich in irgendeinem Moment dem Herzen des Menschen, schreibt Archimandrit Evmenios Tamiolakis in „Dienst am Volk Gottes“. In diesem Sinne auf ein Wiedersehen in Istanbul ! |